Ausgabe 
5.2.1888
 
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Ist's möglich? sagte er zu sich selbst,Wassil wieder hier? Was sucht der Mensch nun gerade in Petersburg? Sollte ich mich getäuscht haben? Ich habe doch selbst gesehen, wie er nach Sibirien abmarschirte mit dem ganzen Transport von Ge fangenen. Ich habe ihn gesehen, es ist gar kein Zweifel, in der braunen Sträflingskutte mit dem gelben Viereck auf dem Rücken und mit besonders starken Handschellen, wie sie einem einmal entflohenen Sträfling natürlich sorgfältig angelegt werden. Er konnte mich freilich damals nicht sehen, denn ich hatte mich hinter den Fenstervorhängen versteckt, als der Zug vorbei kam. Ich glaube auch kaum, daß seine Abschiedsblicke besonders zärt lich gewesen wären. Weiß er überhaupt, wem er es zu ver danken hat, daß er wieder festgenommen wurde nach zwei Jahren der Freiheit? Ich glaube kaum, daß man es ihm mitgetheilt hat. Möglich ist es aber doch, daß er es erfuhr. Und was will er nun gerade in Petersburg? In Moskau könnte er doch

sehr viel sicherer leben als hier, das kann er sich wohl denken.

Wahrscheinlich also sucht er mich. Nun, es ist hübsch, daß er an seine alten Freunde denkt, aber ich möchte auf diese Auf merksamkeit lieber verzichten, wirklich, ich mache keinen Anspruch darauf.

Rasch hatte er seinen Weg fortgesetzt. Jetzt befand er sich auf einem großen Platz, und nachdem er denselben überschritten hatte, wendete er sich um und spähte gespannt nach rückwärts, ob ihm nicht Jemand gefolgt sei. Er bemerkte nichts Verdäch tiges und schritt weiter.

Halt! rief er plötzlich,eine Idee! Ist das nicht etwa der Emissär aus Moskau? Wirklich ausgezeichnet kombinirt! Der ist's! Nun, und wenn er's auch nicht ist wir fassen ihn! O, Freund Wassil wird sehr gut aufgehoben werden.

IX. Gefangen.

Es war noch vor Tagesanbruch. Maxim lag in einem un ruhigen Schlummer, von wirren Träumen gequält. Er stand auf dem Platz vor der Kasan'schen Kathedrale, deren prachtvolle Säulengänge der Vollmond seltsam beleuchtete. Da sah er Welikanow vorübergehen, mit seiner Tochter am Arm, welche ängstlich zu ihm hinüberblickte. Der Staatsrath hatte ein ganz verstörtes Gesicht und starrte gerade vor sich hin. Dann sah er Karpow's Leiche auf der mit Schnee bedeckten Erde liegen, ruhig und friedlich, wie im Schlafe. Er griff nach Karpow's Hand, konnte sie jedoch nicht fassen. Sie war wie durchsichtig und bald entschwand das Bild des todten Freundes wie in einem Nebel. Da, plötzlich sah er Wera vorübereilen mit ängst⸗ lichen Geberden, verfolgt von Semenow. Er wollte ihr zu Hilfe kommen, aber mit den verzweifeltsten Anstrengungen kam er kaum von der Stelle. Wera lief auf ein Haus zu und klopfte kräftig an die Thür. Maxim wunderte sich, wie stark Wera klopfte, als ob ihre Hand ein Hammer wäre. Und wie ausdauernd sie klopfte! Jetzt schien ihm, als ob Wera ver⸗ schwunden sei, aber das Klopfen dauerte noch fort. Ja, es kam

sogar näher! Maxim erwachte oder träumte er noch? Er war erstaunt, noch immer das Klopfen zu hören. Richtig jetzt war es kein Traum mehr man klopfte an seine Zimmerthür.

Wer ist da? rief Maxim.

Keine Antwort. Neues Klopfen.

Was giebt's? rief Maxim, warf rasch einige Kleidungs stücke über und öffnete. Draußen sah er Waffen blitzen. Sofort wurde die Thür aufgerissen, und ehe Maxim einen Gedanken fassen konnte, sah er sich von mehreren Gensdarmen überwältigt und seine Hände in Fesseln gelegt. Ein Polizeibeamter trat ein und sah sich prüfend im Zimmer um.

Was bedeutet das Alles? rief ihm Maxim zu.Erklären Sie mir den Anlaß zu diesem Ueberfall.

Ich bedauere sehr die Nothwendigkeit, in die ich mich ver setzt sehe, erwiderte der Beamte höflich.Aber, Sie begreifen . der Dienst...

Der Dienst, erwiderte Maxim.Ich muß Ihnen gestehen, mein Herr, mir fehlt so sehr jedes Verständniß dafür, was die Polizei an meiner Person Interessantes finden könnte, oder

wodurch ich überhaupt meine Existenz ihr in Erinnerung gebracht

haben könnte, daß ich nicht anders glauben kann, als daß hier ein starkes Versehen vorgefallen.

Durchaus nicht, mein Herr, entgegnete der Beamte,ver lassen Sie sich darauf, die Polizei irrt sich nie. i

Nun, erlauben Sie, bemerkte Maxim, unwillkürlich lächelnd über dieses naive Selbstvertrauen,das bedarf doch noch sehr der Aufklärung. Können Sie mir keine anderen Beweise schaffen als Ihre bloße Behauptung, so kann ich mich des Zweifels nicht erwehren, ob Sie überhaupt wirkliche kaiserliche Beamte sind.

Beweise? erwiderte der Beamte.Belieben Sie hier diesen Verhaftsbefehl zu besichtigen. Namen, Straße, Hausnummer, Alles stimmt. Und nun, entschuldigen Sie, habe ich meinen dienstlichen Auftrag auszuführen.

Damit setzte er sich an den Schreibtisch und begann Alles, was er von Papieren vorfand, flüchtig durchzusehen und sauber auf einen Stoß aufzuschichten. Jeder Brief, jedes beschriebene Papier, jeder Wisch wurde der Beachtung werth befunden und zu dem Uebrigen gelegt. Darauf gab er einen kurzen Befehl, die Gensdarmen umschnürten den ganzen Papierstoß und legten ihn in einen mitgebrachten Sack.

Ich bin erstaunt, begann Maxim wieder mit leisem Spott, wieviel verdächtiges Papier ich bisher aufbewahrt habe. Jetzt aber lassen Sie mich wenigstens meinen Anzug vervollständigen.

Auf einen Befehl des Polizeibeamten wurden Maxim die Fesseln abgenommen, so daß er seine Toilette beendigen konnte. Zwei der Gensdarmen blieben bei der Thür, während die übrigen mit großer Schnelligkeit und Sachkenntniß alle Winkel, Kasten und das Bett durchsuchten und Alles, was sie außer Kleidern vorfanden, auf dem Tisch ausbreiteten. Dann wurden diese Gegenstände, so unwichtig sie auch scheinen mochten, gleichfalls in den Sack gelegt und dieser durch den Beamten selbst ver siegelt, welcher den Siegelstock zu sich steckte.

Aber sagen Sie mir doch gefälligst, wandte sich Maxim nochmals an den Beamten,warum haben Sie mich denn so plötzlich, halb im Schlaf, überfallen? Konnten Sie denn nicht Ihren Befehl auf etwas weniger stürmische Weise ausführen?

Wir sind dazu genöthigt. Ihre Freunde, die Nihilisten....

Wie! Meine Freunde? unterbrach ihn Maxim,ich habe nichts mit den Nihilisten gemein!

Nun, mag sein, das wird sich finden, erwiderte der Beamte.Also, seit die Nihilisten, wie sie selbst zugesteheu, sich zur strengen Pflicht gemacht haben, bei jedem Zusammen treffen mit der gesetzlichen Gewalt, bei jeder Verhaftung sich gewaltsam zu widersetzen und ihre Revolver zu gebrauchen, ist es bei uns Regel, stets, wenn irgend möglich, durch Ueber raschung zu wirken, um nicht unnütz unsere Leute zu gefährden. Wir haben fast stets empfindliche Verluste, Todte und Ver wundete, gehabt.

Also als Nihilist bin ich angeklagt? sagte Maxim,nun, dann wird es Ihnen schwer werden, irgend welchen Beweis gegen mich zu finden.

Gut, erwiderte der Beamte,desto besser für Sie! Nun, wir sind fertig, wir können gehen.

Maxim machte ihm eine Verbeugung, in der Erwartung, daß der ungebetene Besuch sich jetzt entfernen werde.

Erlauben Sie, noch eine kleine Förmlichkeit zu erfüllen, fügte der Beamte hinzu, und auf seinen Wink hatte Maxim im Nu wieder die Handschellen an den Händen.

Gehen wir, sagte er dann kurz, und schritt zur Thür.

Zwei Gensdarmen stellten sich links und rechts von Maxim, welcher jetzt begriff, daß er ein Gefangener sei. Er machte keine Bemerkung weiter, sondern verließ mit seiner Begleitung seine Wohnung.

Sporenklirrend und mit dröhnenden Schritten ging der Zug durch die langen Korridore des ungeheuren Hauses. Keine Seele ließ sich blicken, obgleich das Erscheinen von Gensdarmen sosort, wie durch ein elektrisches Fluidum, im ganzen Hause bekaunt geworden war. Da und dort am Ende eines Korridors sah man wohl die eine oder andere Thür ein klein wenig sich öffnen, um einem furchtsamen Blick Durchlaß zu gewähren, jedoch beim Näherkommen des Zuges schlossen sich geräuschlos alle Thüren und kein Lebenszeichen war mehr zu bemerken. Das ganze mächtige Gebäude schien wie ausgestorben.

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