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Pauls-Festung.
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Auf der Straße vor der Bausthür wartete ein verschlossener Reiseschlitten. Ein Gensdarm stieg ein, dann noch einer. Der Beamte lud Maxim ein, gleichfalls einzusteigen und folgte dann, nachdem er die übrigen Gensdarmen entlassen hatte. Darauf setzte sich der Schlitten in Bewegung.
Nach langer Fahrt durch eine Menge von Nebenstraßen erreichte der Schlitten endlich die Newa in der ersten Morgen— dämmerung. Da lag der majestätische Strom, erstarrt, mit einer blendend weißen Schneedecke bedeckt, welche wohl erst nach vielen Wochen die wieder erwachende Kraft der verjüngten Natur, der jugendlich stürmische Frühling, sprengen sollte. Dort drüben, am andern Ufer, zeigten sich drohend die hohen Wälle der Festung. Düster hoben sich die grau-schwarzen Granitmauern von der blendend weißen Umgebung ab. Wie ein ungeheures Räthsel lag der mächtige Steinkoloß da, wie ein Götze, der schon so viele Opfer verschlungen und noch täglich neue er- wartete. Wie ein finsteres Warnungszeichen stieg der Thurm der Peter-Pauls-Kathedrale daraus empor mit seinem ungeheuer hohen, spitzen, ganz mit vergoldetem Blech bedeckten Dach, dessen höchste Spitze eben in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne erglänzte. Auch die Kathedrale, die Ruhestätte vieler Herrscher und Herrscherinnen Rußlands, schien ein Opfer zu erwarten, das noch mit Glanz und Gewalt bekleidet war, aber nach 3 Jahren dort zur Ruhe gebettet warde.
Ohne Aufenthalt verließ der Schlitten das feste Ufer und glitt auf einer schrägen Auffahrt langsam auf den starren Strom hinab. Rasch fuhr er dem jenseitigen Ufer zu und nach wenigen Minuten hielt er am Festungsthor. Während die Insassen des Fahrzeugs ausstiegen, trat die Wache in's Gewehr. Maxim betrachtete neugierig das düstere Innere der Festung, welche er noch nie betreten hatte. Er war sicher, daß seine Schuldlosig- keit in kürzester Zeit sich erweisen werde, daß sich zu irgend einer Anklage gegen ihn keinerlei Anhalt finden werde, daß seine Verhaftung auf einem groben Mißverständniß beruhen müsse. Demzufolge war in diesem Augenblick die Neugierde sein stärkstes Gefühl. Er bedachte nicht, oder wußte nicht, was es zu bedeuten habe, auch nur als verdächtig das Thor der Festung einmal betreten zu haben. Er wußte noch nicht, daß der Rückweg durch diese Pforte meist nach Sibirien, zuweilen sogar auf's Schaffot führt, nur selten aber wieder in die volle Freiheit. 3 7
Maxim wurde in eine Kauzlei geführt in einem kleinen Gebäude neben der Thorwache. Ein Ofsizier saß dort vor einem sehr primitiven Schreibtisch, um mit dem Gefangenen ein kurzes Verhör vorzunehmen, und eine Viertelstunde nach seiner Ankunft befand sich Maxim in einer der berüchtigten Zellen der Peter— (Fortsetzung folgt.)
Eine Sommerfrische. Novelle von Georg Hartwig. 15
Es war euntschieden, meine Frau und ich wollten in Bad Annendorf vier glückliche Wochen Weltvergessenheit träumen, sammtliche Verdrießlichkeiten des verflossenen langen Winters von den grünen Bergen herabstürzen und dafür aus den smaragdnen blumigen Thälern neue Lebensfreudigkeit aufsammeln und mit nach Hause nehmen, Lebens- und Liebeslust—
Unsere Ehe war noch jung und— meine Luise hatte es mir unzählige Male freiwillig betheuert— äußerst glücklich. Es gab nur einen Faktor, der bisweilen störend in die innere Harmonie unserer Seelen eingriff, das war mein unbezwing— licher Hang zur Schriftstellerei. Luise behauptete einmal im Affekt, als sie mich statt im Ueberzieher und Hut, wie sie er— wartet hatte, im Hausrock vor dem Schreibtisch fand: mein Herz sei schwärzer als Dinte und härter als die Stahlfeder in meiner Hand. Aber solche Vorkommnisse wirkten an unserm Ehestands— himmel wie die Sonne auf den Nebel— sobald er gesunken
war, lachte die Welt, unsere Welt, noch einmal so schön dar— unter hervor.
bester aller Ehemänner! mattrosa mit—“
und schwebte nach der 7 Schelmerei stehen:
Roman stark brach gelegt worden war.
mund sah sehr enttäuscht zu mir herüber. f weiße Fläche noch immer glänzend sauber dalag, nahm der Ausdruck
und Fehler abgerechnet. Zu den letzteren gehörte eine angeborene Neugier und unter die ersteren zählte der bis dahin noch ziemlich latent gebliebene Eifersuchtshang, welcher sich nur hier und da durch unscheinbare aber bemerkenswerthe Symptome als vor— handen gezeigt hatte.
Wie freuten wir uns auf diese Erholungsreise! Meine Luise so sehr, daß sie ihr Garderobengeld für die Herbstsaison auch in luftigen Sommertoiletten aufgehen ließ und eines Tages weh— klagend vor mir erschien mit der Meldung, das dringend be— nöthigte seidene Kleid zur Hochzeit meines Bruders nun nicht mehr erschwingen zu können. Ich wollte schelten, aber ein Blick in ihr betrübtes Gesichtchen ließ die Brummstimme schnell in sanftes Flötenspiel sich verwandeln, ich küßte ihr die Thränen aus den Augen und wollte soeben heldenmüthig auf einen neuen Frack Verzicht leisten, als die Thür geöffnet ward und das Haus— mädchen einen Brief hereinbrachte.
„An mich, Schatz!“ sagte ich, dem kleinen Erbübel meiner Luise galant zuvorkommend.
„Von wem?“ fragte sie, sich auf den Zehen erhebend und sich schmeichelnd an meine Schulter lehnend.
Das ist unerwartet, aber mir sehr angenehm! Wann reisen wir? Laß sehen! Heute schreiben wir den 20. Juni— also noch zwei und eine halbe Woche! Es wird gehen!“
„Was wird in zwei und einer halben Woche gehen?“ forschte die kleine Frau, ihre Hand nach dem Schreiben jetzt unumwunden ausstreckend.
„Ich werde von meinem Verleger in Berlin aufgefordert, ihm eine Novelle zu senden oder aber eine solche schleunigst für ihn zu schreiben.“
„Was?“ rief Luise entrüstet.„Wer soll mir denn da bei meinen Reisevorbereitungen helfen? Mag sich der Verleger doch selber etwas zusammenklexen!“
„Erlaube,“ sagte ich, in tiefster Dichterseele gekränkt, klexen kann in diesem Fall niemals die Rede sein!“
„Ach was,“ rief sie schmollend, was ihr, nebenbei gesagt, ganz besonders reizend steht,„ich habe Dich geheirathet als Menschen und nicht als Schriftsteller!“
Gegen dieses Argument war nichts einzuwenden. Ich konnte sie ja auch nur als Mann und Mensch lieben, da sie den Schrift⸗ steller in mir fortwährend anfeindete.
„Nun gut, Lieschen,“ sagte ich, diplomatisch streichelnd,„aber diese Arbeit wird Dir zu Gute kommen. Ertrag ist Dein neues seidenes Hochzeitskleid.“
„Wirklich?“ rief sie, entzückt mich umhalsend.„Ach, Du Also hellblau mit Krämespitze? Oder
„von
ihr Kinn Der
„Halt ein!“ sagte ich, und meine Finger strebten nach dem Federhalter hin, als seien sie von diesem hypnotisirt.„Ver— kaufen wie die Bärenhaut nicht zu früh! Erst laß mich arbeiten. Je ungestörter Du mich schreiben läßt, desto eher ist's gethan,
und desto näher rückt das dunkelblaue—“
„Hellblau!“ rief sie entrüstet, warf mir eine Kußhand zu hür. Dort blieb sie voll entzückender „Du, Georg, mach's recht lang— ich möchte gern eine Sammetschleppe haben!“ Damit hüpfte sie davon.
Ich blieb allein. Hatte ich zuerst geglaubt, daß es nur des Papiers und des Dintenfasses bedürfe, um den Stoff aus der Luft zu haschen, so wurde mir im Verlauf der nächsten Stunde klar, daß meine Phantasie durch den im Winter vollendeten Gedanken? Ach ja, in Hülle und Fülle! Aber der Faden riß entzwei, so oft ich ein Gespinnst begonnen hatte. Dieses nicht könnende Wollen beunruhigte mich entsetzlich, zudem in alle verschiedenen Ent⸗ würfe die Worte:„Hellblau— Crémespitze— Sammetschleppe“ hineintönten, bis ich zuletzt nervös aufsprang und ans Klavier eilte, die Quälgeister los zu werden.
Am Nachmittag guckte meine Frau neugierig auf den Bogen Gegen Abend, als die
ihrer Augen den Beigeschmack eines stummen Vorwurfs an, und
der nächste Tag fand sie gar in Thränen.
„Aber, Schatz! Lieschen! Was ist denn?“ fragte ich tödtlich erschrocken. 1


