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im Lokal der Druckerei. Semenow.
„Ja, ja, ich weiß!“ erwiderte der General.„Aber Ihre wichtigen Dienste werden nicht ohne Belohnung bleiben. Ueber⸗ dies werde ich schon Maßregeln treffen, um Sie zu schützen.“
„Letzteres wird schwer sein, Excellenz,“ bemerkte Semenow lächelnd.„Wenn ich durch irgend einen Zufall verrathen werde, so kommt Ihre Mannschaft zu spät. Und was Ersteres betrifft, die Belohnung, so wollen Ew. Excellenz mir gestatten, daran zu erinnern, daß ich bei der letzten Ordensverleihung leider über— gangen worden bin aus mir unbekannten Gründen.“
„Wirklich?“ sagte der General.„Nun, ich werde mich dar— über informiren und dafür sorgen, daß Sie zufrieden sein können.“
Er ergriff ein neben ihm liegendes Notizbuch von rothem Leder und machte darin eine Notiz.
„Ew. Excellenz können meines aufrichtigen Dankes ver— sichert sein!“ erwiderte Semenow.„Indessen bin ich gewohnt und bereit, auch ohne Belohnung meine Pflicht zu erfüllen und Ew. Excellenz meine Dienste zu weihen.“
„Gut, gut!“ sagte der General.„Es bleibt aber noch viel zu thun übrig. Nicht selten erhalte ich auch über irgend einen Vorfall sehr dürftige Nachrichten, welche keineswegs befriedigen können. So zum Beispiel erhielt ich vor einigen Tagen aus Moskau die Nachricht, daß ein Emissär der Nihilisten von dort abgegangen sei, um hier irgend eine Schandthat auszuführen oder deren Ausführung zu beaufsichtigen. Dieser wichtige Fang darf mir nicht entgehen! Aber ist es nicht ein Skandal, daß Niemand eine Spur zu finden weiß? In Moskau hat man doch wenigstens die Thatsache ermittelt!“
„Ich habe eine Idee in dieser Beziehung, Excellenz,“ be— merkte Semenow.
„Sprechen Sie!“ rief der General ungeduldig.
„Sollte die Ankunft dieses Emissärs nicht mit der Ermor— dung Karpow's zusammenhängen?“ erwiderte Semenow.
„Nun ja, das ist möglich, sogar wahrscheinlich. Aber was folgt daraus?“ fragte der General.
„Ich bin der Meinung, daß dies ein Leitfaden sein könnte,“ erwiderte Semenow.„Man wird wahrscheinlich irgend eine Spur finden, wenn man Alles genau untersucht, was mit Karpow in Berührung gestanden hatte. Ich habe erfahren, daß sein intimster Freund ein gewisser Marlitztiy war, ein Student der Medizin. Dieser hat ein verschlossenes Wesen und ist mir schon lange verdächtig. Es dürfte wohl gerathen sein, sich dieses Menschen jetzt sogleich zu versichern.“
Der General griff wieder zu seinem rothen Notizbuch und
Es ist freilich gefährlich!“ bemerkte
machte wieder eine Notiz.
„Wie ist der Name und die Adresse dieses Menschen?“ fragte der General.
Semenow hatte diensteifrig bereits ein Blatt aus seinem Taschenbuch gerissen und Maxim's Namen und Adresse darauf verzeichnet. Er reichte es dem General. Dieser warf einen Blick darauf und berührte dann die Klingel, welche neben ihm stand.
Die Klingel gab einen schrillen Ton, scharf wie ein Messer, durchdringend wie das Warnungssignal einer Lokomotive. Doch der, dem dieses Warnungssignal gelten konnte, hatte keine Ahnung davon, daß in diesem Augenblick die Arglist ihn zu verderben suchte, er lag im tiefen Schlaf des ruhigen Gewissens, keine Warnung erreichte ihn.
Ein Diener erschien.
„Jegor Kyrillowitsch!“ rief ihm der General zu.
Der Diener verschwand und bald trat der Gerufene ein.
„Schreiben Sie einen Verhaftsbefehl auf diesen Namen. Sogleich auszuführen,“ befahl der General, indem er ihm das Blatt Papier reichte.
Mit boshaftem, höhnischen Lächeln hatte Semenow zugehört und befriedigt blickte er dem Beamten nach, welcher das Zimmer verließ.
Mit kurzem Gruß entließ ihn der General und Semenow schickte sich an, das Haus des Polizeimeisters zu verlassen. Dabei waren aber besondere Vorsichtsmaßregeln und die höchste Vorsicht geboten. Semenow diente nicht nur dem Polizeimeister, sondern auch den Nihilisten als Spion, deren Zusammenkünfte
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er besuchte. Wurde er jemals etwa von der Polizei in einem nihilistischen Quartier ergriffen, so hatte dies keine Gefahr für ihn. Anders aber und im höchsten Grade gefährlich mußte es für ihn sein, wenn seine Freunde, die Nihilisten, ihn aus dem Hause des Oberpolizeimeisters kommen sahen, noch dazu zu so später Stunde.
Deshalb suchte er sich so viel als möglich zu verbergen. Vor Allem hielt er es für gerathen, das Haus nicht durch die— selbe Thür wieder zu verlassen, durch die er es betreten hatte. Es war ja immerhin möglich, daß ihm Jemand gefolgt war und ihn hatte eintreten sehen. Dieser würde nun vergebens seine Rückkunft erwarten. Er wählte also lieber den vorderen offiziellen„Parade-Eingang“, welcher auf die vornehme Morskaja⸗ Straße mündete. Diese war zwar hell erleuchtet, aber man konnte unter den zahlreichen Vorübergehenden rascher verschwinden.
Von einem Gensdarmen geleitet, durchschritt Semenow rasch den langen Korridor, welcher zur vorderen Hausthür führte, der Portier öffnete, sich verneigend, die elegant geschnitzte Thür und Semenow trat hinaus in die hell erleuchtete Straße, nachdem er zuvor den Pelzkragen seines Mantels aufgeschlagen und dadurch sein Gesicht fast ganz verdeckt hatte. g
Rasch und ohne sich umzusehen schritt er dem Wosnessensky⸗ Prospekt zu. Mit seinem bösen, heimtückischen Lächeln sprach er vor sich hin:
„Er wird sich wundern, der junge Herr, was man ihm für eine Suppe eingebrockt hat! Er wird sich den Magen wohl gründlich daran verderben! Meine Rache muß ich haben! Irene scheint mich ganz und gar abzuweisen, keine meiner Auf— merksamkeiten würdigt sie ihrer Beachtung und meine sehr ver— ständlichen Anspielungen, Bitten und Avancen beantwortet sie mit ebenso verständlicher Abweisung! Auch ihre Eltern sind kühl in ihrem Benehmen gegen mich. Es scheint unzweifelhaft, daß ich ein vollständiges Fiasko zu erwarten habe, wenn ich mich im jetzigen Augenblick ernstlich um die Hand der spröden Dame bewerben würde. Natürlich! sie hat ihr Herz verschenkt an diesen falschen Halbpolacken. Es ist nur schade, daß dieser inzwischen beschäftigt ist, Nachts auf den Straßen die Unschuld zu retten und sich anderweitig zu verlieben! Ha! ha! ha! das ist auch eine Revanche! Aber sie geht nicht von mir aus, ich bin dabei unbetheiligt, und das genügt mir nicht. Ich will meine Rache haben und will sie selbst in's Werk setzen! Nun, ich denke, der Streich wird wirken. Wenn ihr Angebeteter ge⸗
henkt oder auf den großen Spaziergang nach Sibirien geschickt 5
wird, auf Nimmerwiedersehen— wer weiß, vielleicht besinnt sie sich doch noch und findet, daß andere Leute, welche klüger und erfahrener sind und Carriere zu machen verstehen, eine bessere Partie abgeben.“ l
Diese angenehmen, liebenswürdigen und harmlosen Gedanken f
fuhren ihm blitzschnell durch den Kopf, viel rascher als sie hier wiederholt werden können. Semenow war noch kaum sechzig Schritte weit von der eben verlassenen Hausthür entfernt, als
er einem Manne begegnete, den er schon zuvor hatte langsam Jetzt hatte derselbe sich um
die Straße entlang gehen sehen. gekehrt und kam wie suchend wieder zurück, jedem ihm Begeg— nenden scharf in's Gesicht sehend. fester um Schultern und Gesicht und bereitete sich mit dem Instinkt des richtigen, gewandten Spions vor, diese auffallende Persönlichkeit genau zu mustern, um sich deren Züge fest ein— zuprägen. Er hatte Erfahrung genug, um zu wissen, daß man
nichts, was dem Spion zufällig in den Weg kommt, vernach⸗ lässigen dürfe, und daß derselbe oft gerade dem Zufall die merk?
würdigsten Entdeckungen, die wunderbarsten Erfolge verdankt.
In dem Augenblick, als sie aneinander vorüberkamen, wurde 1 die Aufmerksamkeit des Unbekannten einen Augenblick abgelenkt
durch einen harmlosen Vorübergehenden, welcher desselben Weges
ging wie Semenow. Letzterer warf einen raschen Blick auf den Unbekannten, dessen nicht mehr jugendliche, scharf markirte üge das Licht einer Gasflamme beleuchtete. Aber mit dem Ausdruck
heftigen Schrecks zog Semenow den Pelz fester an sich und ging raschen Schrittes weiter, ohne sich umzusehen. Sofort
hatte er seine Selbstbeherrschung wieder gewonnen und war jetzt nur bemüht, von hier fortzukommen, so rasch als dies mög⸗ lich war, ohne Aufsehen zu erregen.
Semenow zog seinen Pelz
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