Ausgabe 
5.2.1888
 
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und sogleich wieder hinter sich zugeschlossen.

zu den

Ouerhessischen Uuchrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 5. Februar.

VIII. Dunkle Wege.

Kaum eine halbe Stunde später ging auch Semenow nach Hause, jedoch auf einem kleinen Umweg. Anstatt auf dem nächsten Weg, den Wosnessensky-Prospekt entlang, zu gehen, verlor er sich in Nebenstraßen, nicht ohne sich öfters umzusehen, ob man ihm nicht folge. Endlich ging er längs des Moika kanals eine kurze Strecke weit und verschwand dann plötzlich im Thorweg eines alten, ziemlich unscheinbaren Hauses. Es war ein zweistöckiges Gebäude von finsterem Aussehen. Viel leicht war es früher einmal der Palast eines Edelmanns ge wesen, zu jener Zeit, als Peter der Große seinen Adeligen be fahl, in Petersburg ein Haus zu halten, um so das Wachsthum der neuen Stadt zu fördern. Jetzt blickte es düster in die trüben Fluthen des Kanals. Man konnte es für unbewohnt halten, kein Licht, kein Lebenszeichen war zu bemerken.

Semenow schien hier wie zu Hause zu sein. Er hatte eine kleine Hausthür neben dem Thorweg mit einem Schlüssel geöffnet Er trat in eine geräumige Halle, in deren Hintergrund eine breite Treppe nach oben führte. Beim Geräusch seiner Schritte trat aus einer Thür neben der Treppe ein Gensdarm hervor, um zu sehen, was vorging. Semenow stieg die Treppe hinan. Oben an

gekommen, befand er sich auf einem sehr geräumigen Vorplatz,

auf welchem ein halbes Dutzend Zimmerthüren zu sehen waren. Ohne zu zögern, schritt er auf die eine derselben zur Rechten zu, öffnete sie und trat ein. Es war ein sehr elegant ein gerichtetes Vorzimmer, der Fußboden mit einem dicken Teppich belegt, am Fenster ein großer Schreibtisch, an welchem ein Beamter emsig schrieb.

Guten Abend, Jegor Kyrillowitsch, begann Semenow, so spät noch bei der Arbeit?

Ach, Peter Iwanowitsch, sprechen Sie mir nicht davon! erwiderte der Beamte seufzend,es ist nicht möglich, fertig zu werden! Meldungen, Berichte, Protokolle ohne Ende! Und Alles will Excellenz selbst erledigen, der gewöhnliche Weg durch die Kanzlei genügt ihm nicht mehr. Das heißt natürlich, ich muß es machen, setzte er mit Selbstbewußtsein hinzu.

Lächerlich, was diese Carrieremacher für einen Hochmuth haben, sagte Semenow zu sich selbst, dann fuhr er laut fort: Ja, ja, Jegor Kyrillowitsch, ich kann mir denken, Sie haben keinen leichten Dienst. Es ist schwer, sehr schwer, ganz gewiß. Nun, fügte er mit einem Anfluge von Spott hinzu,schreiben Sie nur fleißig weiter, Sie werden gewiß das Vaterland damit retten. Ist Excellenz zu sprechen?

Geschmeichelt durch Semenow's Bemerkung, die er für ernst

Vor dem Sturm.

Roman aus dem modernen russischen Leben von A. L. Berthoff. (Fortsetzung.)

gemeint nahm, deutete der Beamte mit höflicher Handbewegung

nach einer großen Flügelthür im Hintergrunde des Zimmers. Semenow schritt auf dieselbe zu und trat ein. Er befand sich in einem großen Zimmer, welches luxuriös ausgestattet war. Schwere Portieren verhüllten die Fenster, dicke Teppiche dämpften den Schritt. Mächtige Schränke, in welchen Akten aufbewahrt wurden, oder durch deren Glasthüren lange Reihen fein gebun dener Bücher hervorsahen, liefen längs den Wänden. Ein oder zwei bequeme Divaus gaben dem Gemach ein sehr behagliches Ansehen, während die Wände mit den lebensgroßen Portrait? des Kaisers und der Kaiserin in schweren, kostbaren Goldrahmen geschmückt waren. Inmitten des Zimmers stand ein sehr großer Schreibtisch, mit vielen verschiedenartigen Papieren belegt, welche aber, wie es schien, in musterhafter Ordnung gehalten wurden. Der Mann am Schreibtisch blickte auf, als Semenow ein trat. Es mochte wohl ein Sechziger sein, aber seine Bewegungen waren noch sehr rüstig. Er trug einen einfachen Uniformrock ohne Abzeichen, die breiten rothen Streifen an den Beinkleidern bewiesen aber, daß er den Rang eines Generals bekleidete. Sein dichter, grauer Bart ließ das Kinn frei, das spärliche Haar trug er ziemlich lang, was seinem Aussehen etwas Ehr würdiges gab. Seine sehr regelmäßigen Züge hatten nichts vom russischen Typus und hätten den Eindruck großer Gut müthigkeit machen können ohne den durchdringend scharfen Blick

seiner lebhaften grauen Augen.

Das war General Trepow, der Oberpolizeimeister von St. Petersburg, der eine fast unbeschränkte Gewalt besaß über Hunderttausende. Nach dem letzten Attentat auf das Leben des Kaisers, wo ein gewisser Semenow denselben mit dem Revolver anfiel und verfolgte, war Trepow auf diesen wichtigen Posten berufen worden und hatte sich den Ruf großer Energie und Unbestechlichkeit erworben. Trepow war übrigens Protestant und stammte aus einer deutschen Familie Trepphof.

Nun, giebt es etwas Neues? fragte er, den respektvollen Gruß Semenow's mit einem Kopfnicken erwidernd und ihn scharf ansehend.

Excellenz kennen meinen Eifer, erwiderte Semenow.Es ist mir gelungen, das Haus ausfindig zu machen, in welchem sich die geheime Buchdruckerei befindet, aus welcher jene revo lutionäre Zeitschrift hervorgeht. Höchstens noch eine Woche habe ich nöthig, um sicher zu sein.

Bravo! rief der General.Nun, es ist Zeit, daß diesen Menschen das Handwerk gelegt wird. Bringen Sie mir dar⸗ über recht bald genaue Nachricht!

Ich beabsichtige, sogar selbst beim Druck mitzuarbeiten

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