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sie in der Dämmerstunde Jancia auf ihrem Schooße, und zur Nachtzeit saß sie neben dem Bette des schlafenden Kindes, den Kopf in die Hand gestützt, mit dem Blick in die weite Ferne schweifend. Nach der letzten Unterredung mit Johann hörte sie auf zu weinen, aber ihre Wangen wurden schmaler, und ihr Gang langsamer und schleppender. Als am nächsten Tage Paula und Mirewicz wiederum das Haus verlassen hatten, um eine Promenade zu machen, und das Kindchen schon schlief, ging Anna in das Arbeitszimmer ihres Gatten, nahm aus dem Schreib— tische einige Briefbogen und Couverts und begab sich in das Schlaf— gemach. Dort stand Feder und Tinte, welche sie zu benutzen pflegte, um die täglichen Ausgaben im Haushalte zu notiren. Sie zündete ein Licht an, setzte sich an den Tisch, stützte ihr Kinn in die Hand und grübelte eine Weile nach.
„Glückliche Stunden, glückliche Tage!“ flüsterte sie leise und seufzte tief.
Welch' glücklicher Stunden und welch' glücklicher Tage ge— dachte sie jetzt mit so großer Wehmuth? Etwa der Tage, da sie noch ein armes, junges Mädchen war, für vornehme Damen Kleider nähte und täglich auf der Straße einem unbemittelten jungen Manne begegnete, der damals Schreiber in der Kanzlei eines Rechtsanwalts war? Sie zählte damals zwanzig Jahre, ihre Garderobe bestand aus zwei Kleidern und aus geflickten Schuhen, und obwohl sie täglich zwölf Stunden arbeitete, leuchtete ihr der Frohsinn aus den Augen. Dank der Fürsorge einer alten Tante gründete sie sich ein eigenes Heim, konnte sich im eigenen Hause ihr Brod verdienen und schöne Kleider und gutes Schuhwerk kaufen, kurz, sie hatte ein einträgliches Auskommen. Damals war sie frisch wie eine Rose und lebhaft wie ein Spatz. Sie lächelte Allen und Jedem freundlich zu, auch dem jungen Manne, der aus seinem Bureau zum Mittagsessen ging, schien es, als hätte sie ihm zugelächelt. Am folgenden Tage grüßte er sie, und sie fand keine Veranlassung, den Gruß unerwidert zu lassen. Eines Abends ging sie nach Hause, es regnete stark, und sie war schon ganz durchnäßt; da fühlte sie plötzlich einen Regenschirm über sich, sie hob den Kopf in die Höhe und er— blickte neben sich einen schönen, jungen Mann. Sehr behutsam und ehrerbietig hielt er den Schirm und bat um Verzeihung wegen seiner Dreistigkeit. Aber sie war ja gar nicht böse, im Gegentheil, es war ihr sehr angenehm. Niemand beschützte sie ja, ausgenommen die alte Tante, und diese war jetzt krank und wohnte sehr weit von hier. Offen und wahrheitsgetreu erzählte sie Alles ihrem Begleiter. Er wiederum theilte ihr mit, daß es ihm ebenso gehe; sein Vater sei arm und schwach und wohne sehr weit von Ongrod, und er habe bereits seit dem vierzehnten Jahre für sich allein sorgen müssen. Das gemeinsame Schicksal führte die beiden jungen Leute schneller, als alles Andere, ein— ander entgegen. Er war entzückt über ihren Fleiß und ihren häuslichen Sinn, sie dagegen ließ sich von dem angenehmen Klang seiner Stimme, von seiner schönen Gestalt und von seinen feinen Manieren gefangen nehmen. Kurz, es entspann sich ein vollkommener, langer Liebesroman. Zwei Jahre warteten sie noch bis zu ihrer Verheirathung und sparten sich für den künftigen Haushalt ein nettes Sümmchen. War es damals nur Täuschung, oder waren sie wirklich glücklich? In den beiden kleinen Stübchen arbeitete sie ohne Dienstmädchen nicht nur für sich, sondern auch für den Gatten, der damals noch keine große Praxis hatte. Sie kaufte ein, kochte, räumte auf, wusch auch wohl manchmal die Wäsche und nähte dabei, wie früher, Kleider für Fremde oder besserte die eigene Garberobe aus. Dann wurde Jancia geboren, ihre Einnahmen verringerten sich dadurch, weil das Kind ihre Zeit recht viel in Anspruch nahm, aber sie brauchte auch nicht mehr so angestrengt zu arbeiten, da ihr Mann jetzt ein genügendes Einkommen hatte, so daß sie sich sogar etwas Geld zurücklegen konnten. Ihr Vermögen nahm immer mehr zu, und ihr Ziel ging dahin, ein eigenes Haus sich zu kaufen; jenes kleine Häuschen mit dem schönen Garten war ihr Traum, und auch er schwärmte dafür, und jetzt, jetzt, o weh! Mit einer hastigen Bewegung rückte sie sich das Licht näher und fing an zu schreiben. Sie schrieb lange, lange, es war für sie keine leichte Arbeit, ihre Hände waren infolge ihrer Beschäftigung in der Wirthschaft hart und rauh geworden, zudem hatte sie sich in ihrer Jugend überhaupt nicht viel mit Schreiben abgegeben. Am zweiten Abend endlich
hatte sie die schwere Arbeit vollbracht, deren Resultat zwei Briefe waren; der erste, den sie selbst zur Post beförderte, war an Josepha Skiwska gerichtet, der zweite trug die Adresse ihres Mannes. Das an ihren Gatten adressirte Schreiben verwahrte sie in der Schublade, schloß dieselbe zu und nahm den Schlüssel an sich. Am folgenden Tage ging sie aus, ein Packet auf dem Arme tragend. Gleich nach Tisch war Mirewicz zu einem seiner Klienten gefahren; in Paula's Zimmer stand auf dem Tische eine brennende Lampe, während sie selbst im weißen Peignoir auf dem Sopha lag und in einem dicken Buche las. In Anna's Schlafzimmer brannte nur ein kleines Licht und beleuchtete einen mittelgroßen Reisekoffer, der mit Stricken zusammengeschnürt war. Anna stand mit hochgerötheten Wangen daneben, nahm den Brief aus der Schublade und drehte denselben fortwährend unentschlossen in der Hand um. Dann drückte sie die Hände an die Schläfen. „Ich kann nicht,“ stöhnte sie,„mein Gott, ich kann nicht.“ Sie zerknitterte das Papier mit ihren Händen, als wenn sie den Brief zerreißeu wollte. Aus den anderen Gemächern tönte Musik herüber, wilde Phantasieen und Tonleitern perlten über die Tasten, und hierauf vernahm man Gesang. Es war Anna, als mahnten diese Töne sie zur Eile, als riefen sie ihr zu:„Schnell, schnell!“(Fortsetzung folgt.)
Am Ehre und Pflicht.
Aus den Papieren einer Einsamen. Von J. v. Brun⸗Barnow. (Schluß.)
Ich betrete zum ersten Mal sein Zimmer, mit welchen Ge— fühlen, in welcher furchtbaren Erregung, weiß Gott allein. Ich darf mich aber nicht schwach zeigen, darf nicht zusammenbrechen, jetzt nicht, wo er selbst ein so gebrochener, zu Tode verwundeter Mann ist. Ich habe nicht den Muth, mich in seinem Zimmer umzusehen, nachdem mein erster Blick beim Eintritt auf die lebens⸗ großen Portraits seiner Eltern gefallen ist, jener Eltern, deren Stolz zwischen unserer Liebe trennend gestanden. Was haben sie erreicht? Welches Glück ist ihrem einzigen Sohn aus seiner Verbindung nach ihrer Wahl, ihrem Herzen, erblüht?— Ver⸗ zweiflung, Zorn und Bitterkeit schütteln mich. Ich wende die Blicke von den Bildern ab, damit er in diesen nicht das Wider⸗ spiel meiner Seele lesen soll und warte mit gesenkten Augen, was er mir zu sagen hat. Er nöthigt mich nicht zum Nieder sitzen. Meine Knie aber wanken, ich muß zu einem Sessel greifen. „Verzeihen Sie, bitte, nehmen Sie Platz.“ Ich thue es, er selbst bleibt stehen.„Mein alter Arzt sagt, daß Sie Alles wissen.“
Ich neige nur zusagend das Haupt.
„Es ist gut, daß es so ist, Sie mußten— sollten— klar sehen. Verheimlichen kann man die Sachlage überhaupt nicht.“ Sein Ton klingt unnatürlich fest und hat einen herben, scharfen Klang, als wenn irgend eine Saite in seiner Seele entzwei ge— rissen ist.„Die ganze Stadt spricht bereits davon. Ich kann hierbei nichts thun, als was meine Ehre fordert: mich mit dem Elenden schießen!“ Er beachtet mein Zusammenzucken nicht, sondern fährt in demselben harten, mitleidslosen Tone fort.„Es kann sein, daß er mit dem Leben davon kommt und für mich die Todes⸗ kugel gegossen ist. Ich bin überzeugt, sie werden kaum das Trauerjahr abwarten und sich dann heirathen.“
Ich hebe entsetzt, abwehrend die Hände empor.
„Sie glauben das nicht? Sie denken vielleicht, daß das Urtheil der Welt sie vor einem solchen Schritt zurückschrecken wird?“ fragt er bitter.„Sie kennen die Welt nicht, ich meine die gute Ge— sellschaft, Sie haben keine Ahnung, wie frivol, wie oberflächlich, wie gewissenlos sie ist, wie sie in der Vereinigung dieser Beiden den einzigen Weg sieht, ihre Ehre in dieser Gesellschaft zu rehabilitiren. Sie glauben garnicht, wie in dieser Welt ein Ideal nach dem andern in Trümmer geht.“
Ich fühle bei dem letzten Ton, der so weich, so anders ist, als der, welchen er zuerst angeschlagen, meine Beherrschung schwinden. Ich gleite von dem Sessel herab zu seinen Füßen. „Seien Sie barmherzig!“ flehe ich mit erhobenen Händen,„lassen Sie sich durch das Gespenst der Ehre nicht in den Tod treiben.“
Er hebt mich empor und drückt mich sanft in den Sessel


