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plötzlich:„Ich kann nicht begreifen, wie manche Frau leben kann ohne jedes Ziel.“
Anna's Hände bebten, und furchtlos richtete sie ihre Augen auf die Sprechende.
„Mein Fräulein,“ begann sie,„falls Sie etwa mich damit meinen, so muß ich Ihnen erwidern, ich habe einen Gatten, ein Kind und einen Haushalt.“
„Ich bitte Dich, Anna!“ flehte leise Jas.
Sie schwieg, aber Paula, einmal in's Fahrwasser gekommen, konnte nicht sogleich aufhören.
„Gatte, Kind und Haushalt,“ antwortete sie langsam,„sind sehr schöne Dinge, aber trotzdem muß man arbeiten, tüchtig arbeiten.“ „Aber Paula, ich bitte Dich,“ unterbrach sie Mirewicz.
Jetzt hielt Anna nicht länger mehr an sich. Vielleicht das erste Mal in ihrem Leben mischte sich Ironie in ihre Rede und floß über ihre Lippen
„O, ich bitte sehr, mein Fräulein,“ rief sie,„man braucht keineswegs hochgebildet zu sein, um zu wissen, daß es verschiedene Arten der Arbeit und Thätigkeit giebt. Doch wer nicht ver— heirathet ist, versteht nicht die Arbeit derjenigen Frauen, die— Gott sei Dank— nicht auf dem Korbe sitzen geblieben sind.“
Paula sprang vom Tische auf und ging hinaus. Mirewicz warf seiner Gattin einen bitterbösen Blick zu und verließ gleich— falls das Zimmer. Am nächsten Tage faßte Anna einen festen Entschluß für ihre Zukunft. Schon lange hatte sie die bedeutenden Mehrausgaben berechnet, die der ungewöhnliche Aufwand im Hause verursachte. Ihren Mann dieserhalb befragen wollte sie nicht, da sah sie eines Morgens den Schlüssel im Schreibtische ihres Mannes stecken, in welchem ihre beiderseitigen Ersparnisse lagen. Sie zog die Schublade auf und entdeckte, daß die Hälfte des Geldes fehlte. Sie wunderte sich jetzt über gar nichts mehr, doch als sie im Eßzimmer ihr kleines Töchterchen spielend vor— fand, nahm sie dasselbe auf ihre Arme, drückte es herzlich an ihre Brust und küßte es zärtlich. In dem Blicke, mit welchem sie ihr Kindchen anschaute, konnte man lesen, daß sie an weiter nichts mehr dachte, als an dessen Zukunft. Sie konnte mit sich noch nicht einig werden weder in der Küche beim Anrichten der Sauce, noch beim Nähen auf der Maschine, auf welcher sie für Jancia ein Winterjäckchen nähte. Purpurroth im Gesicht, setzte sie sich zu Tische; ihre sonst so sanften Augen leuchteten unheim— lich. Sie sprach nicht mehr vom Wetter, nein, sie schwieg, wie die Wand, doch als der zweite Gang servirt wurde, blickte sie Paula an und sagte:„Mein Fräulein, wann werden Sie zu Ihrer Mutter reisen? Sie soll sich ja sehr schwach fühlen.“
Paula erröthete tief, aber sie faßte sich gewaltsam, weil sie sah, daß Mirewicz Miene machte, sie zu vertheidigen.
„Paula hat einen Brief erhalten,“ sprach er,„ihrer Mutter geht beer
„Und wenn dem auch nicht so wäre,“ rief das beleidigte Weib,„so brauche ich doch Niemand, der mich belehrt, was ich zu thun habe.“
Mit einem Ruck stieß sie den Stuhl vom Tische fort, stand auf und ging hinaus. Nach einer Weile hörte man aus ihrem Zimmer ein krampfhaftes Lachen. Es herrschte eine große Auf— regung im Hause. Paula lag in ihrem Zimmer mit geschlossenen Augen auf dem Sopha und zitterte am ganzen Körper, während Lachen und Weinen fortwährend abwechselten. Kasia lief zum Arzt. Mirewich stand mit Wasser, Essig und Parfüm neben der Kranken und bemühte sich, sie in's Leben zurückzurufen, und Anna, die niemals in ihrem Leben eine solche Krankheit gesehen, stand rathlos da, wußte nicht, was sie beginnen sollte, und be— kreuzte sich fortwährend. Erst gegen Abend wurde es wieder ruhig im Hause. Der Arzt entfernte sich, Kasia lief nicht mehr nach Arzeneien, Paula lag bleich und schweigend in ihrem Bette, und Mirewicz saß in seinem Arbeitszimmer im Dunkeln und dachte darüber nach, wie eine hochgebildete, kluge Frau sich durch die Bemerkung einer beschränkten Person so weit hinreißen lassen und überhaupt auf ein solches„Weibergeträtsch“ eingehen konnte. Vermöge ihrer reichbegabten Natur mußte Paula nach seiner Ansicht Anna einfach durch Nichtachtung strafen. Was ist sie denn, die arme, liebe Anna? Sie versteht weder Paula noch Mirewicgz, ja, sie vermag sich nicht einmal verständig auszusprechen.
So in Gedanken vertieft, fühlte er sich plötzlich leicht an der
Schulter berührt. Er erhob den Kopf und erblickte Anna neben 0 sich, welche in dem Dämmerlichte noch bleicher als zuvor aussah.
„Jas, ich wollte mit Dir sprechen,“ sagte sie leise.
Er ahnte wohl schon längst, daß trotz all ihrer Engelsgeduld einmal der Augenblick kommen würde, da sie über all' das er⸗ littene Unrecht sich auszusprechen wünschte. Er schwieg. ich will Dich nicht quälen,“ fuhr sie noch leiser fort,„ich weiß ja, daß... Du.. etwas Anderes brauchst. Aber ich möchte Dich nur fragen, Jas, ob Du.. nur zu Deinem augenblicklichen Ver⸗ gnügen so lebst oder... ob es Ernst ist.“
Es war ihr absolut unmöglich, zusammenhängend zu fragen und zu sprechen; die Stimme erstickte ihr im Halse, und sie wurde immer blasser. Mirewicz war dunkelroth geworden und stand auf; er ergriff Anna's Hand, preßte sie in der seinigen und sprach in einem hastigen und gedämpften Tone:„Noch niemals im Leben habe ich gelogen— mir graut vor der Lüge, Deine Bemerkung ist sehr richtig, glaubst Du, daß ich nicht ebenso leide? Du weißt recht gut, daß ich kein Wüstling bin, Du und Jancia, ach, es ist vergeblich, es ist geschehen, o es kommt mancherlei im Leben vor, schließlich fährt sie doch früher oder später einmal wieder fort, und ich? Soviel ich auch dabei leiden mag, Dich und Jancia werde ich nicht verlassen, niemals, nein, niemals!“
Er hörte auf zu sprechen; denn Anna entriß ihm plötzlich ihre Hände. Ihre Augen funkelten in der Dämmerung, wie er es nie zuvor gesehen hatte.
„Ich danke Dir, daß Du mir die Wahrheit gesagt hast,“ antwortete sie mit leiser, doch fester Stimme, und ging schnell hinaus.
In diesem Augenblicke trat Ozymski in das dunkle Arbeits- zimmer; aus dem Gemache Paula's klangen schwermüthige Weisen herüber. Die beiden Freunde unterhielten sich ganz leise. Die Stimme des Herrn Mirewicy klang unruhig und zitternd; Ludwig erzählte ihm irgend eine lustige Geschichte. Im weißen Peignoir, feinen Pantöffelchen und aufgelöstem Haar empfing Paula beide Herren eine Stunde später in ihrem Gemache. Ludwig, welcher sie zum ersten Male in diesem Kostüm vor sich sah, blieb wie gebannt auf der Thürschwelle stehen und blickte sie an wie ein Gebild aus Himmels höhen. Das Weib schaute schön, berückend schön in ihrem Peignoir aus. Noch etwas angegriffen, schritt sie, die lange Schleppe des weißen Gewandes nach sich schleifend, langsam auf Mirewicz zu und reichte ihm beide Hände.
„Verzeihe mir, Jas, daß ich Dich heute so betrübt habe, aber Du weißt ja, ich bin eine aufgeregte Frau. Als ich hierher kam, war ich ruhig, allein Du hast wieder mein Blut in Wallung, meine Nerven in Aufruhr gebracht.“
Sie schlank ihre zarten Arme um seineu Hals. Er wurde berauscht, vergaß die ganze Umgebung und umfing sie mit beiden Armen. Ozymski, welchem ihr beiderseitiges Verhältniß kein Geheimniß mehr bildete, und der schon oft Zeuge solcher Scenen gewesen war, setzte sich und beugte sich über ein Buch; man sah es dem Armen an, daß er Höllenqualen dabei ausstand, doch in seiner Offenheit und Wahrheitsliebe freute er sich auf⸗ richtig über das Glück seines Freundes. Sie sprachen diesen Abend viel über den Ehestand, Paula ergriff lebhaft den Faden der Unterhaltung, dann wandte sie sich an den jungen Mann und sagte ihm in schelmischem Tone, sie möchte sich niemals die Fesseln der Ehe anlegen, da ihr dieselben wie ein Fegefeuer vor⸗ kämen. Schließlich theilte sie ihren Freunden noch mit, daß sie sich entschlossen habe, den ganzen Winter in Ongrod zu bleiben, um sich für ihren demnächstigen Beruf vorzubereiten, aber um Geld zu verdienen, möchte sie gern Unterricht in der Musik und in anderen Gegenständen ertheilen, und ersuchte deshalb die beiden Herren, ihr Schüler zu besorgen, was ihnen bei ihrer ausgedehnten Bekanntschaft wohl ein Leichtes wäre. Die Freunde versprachen ihr dieses bereitwilligst, und Mirewich und Ozymski trennten sich endlich, nachdem sie nochmals über das edle Wesen, seine hehren Vorsätze, seinen Eifer und Fleiß u. s. w. gesprochen hatten.
Diesen Abend und die beiden folgenden Tage ging Aung wie eine Traumwandlerin durch die Räume des Hauses. Mechan
verrichtete sie ihre Arbeiten, wie früher, jedoch ohne einen klaren
Gedanken fassen zu können. Der betrübte, verschleierte Ausdruck in den Augen verrieth ihr tiefes Weh. Wie gewöhnlich,
„Jas,


