Ausgabe 
4.11.1888
 
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nieder.Ich kann es nicht, Margueritte. Meine Ehre, die Ehre des Offiziers fordert es, daß er mit seinem Blut den Flecken abwäscht, welchen sein Weib darauf* selbst, wenn dieses Weib schamlose Dirne!

Ich antworte nicht. Ich kann nicht Riesengroß steht das schreckliche Gespenst vor mir und sieht mich mit seinen hohlen Augen und höhnischem Lächeln mitleidslos an. Schaudernd drücke ich die Hände vor das Gesicht. Furcht, Schmerz, Ent⸗ setzen lähmen meine Zunge.

Arme, arme Margueritte! Eine unsagbare Wehmuth und Weichheit spricht aus seiner Stimme, sie zwingt mich, zu ihm empor zu sehen, als letzten, verzweifelten Versuch alles in meinen Blick hinein zu legen, was seinen grausamen Entschluß wankend machen kann. Er lächelt traurig, entmuthigend.Arme Margueritte! wiederholt er mit einem Ausdruck, der für einen einzigen Moment die selige Zeit unserer Liebe zurückzaubert, selbst Deine theuren treuen Augen können meinen Entschluß nicht erschüttern. Sei stark, selbstlos wie bisher, mache mir das, was meine Ehre fordert, nicht schwer, schwerer als es bereits ist, seit ich Dich wiedergefunden!

O, könnte ich sterben!

Nein, Margueritte, sagt er sanft, unendlich sanft,Du mußt leben, leben für mein Kind. Weine nicht, lasse uns nicht weich werden, die Situation ist zu furchtbar ernst. Von diesem Ernst ist es, von dem ich mit Dir sprechen wollte. Er tritt an den Schreibtisch, ich folge ihm, eine magnetische Kraft zieht mich ihm nach. Meine Thränen versiegen, ich horche, was er zu sagen hat, mit stumpfer Resignation. Er weist auf zwei Briefe, der eine ist an einen Rechtsanwalt, den Namen kann ich durch meinen Thränenschleier nicht lesen, der andere an seinen Kommandeur gerichtet.Der Brief an den Kommandeur enthält meine letzten Grüße an meine Kameraden, im Fall meines Todes, erklärt er fest, ruhig. Der andere an den Rechtsanwalt, die Scheidungs eingabe mit ihren Gründen. Das Gericht muß mir nach diesen das Kind zusprechen. Mein Tod soll und darf keine Aenderung eintreten lassen, ich habe das ausdrücklich bemerkt wie ebenfalls, daß die Erziehung meines Kindes bis zu seiner Mündigkeit in Ihren Händen bleibt, das ist der Liebesdienst das Opfer, welches ich von Dir, Margueritte, mir erbitte. Die Mittel hierzu gewähren Dir ebenfalls meine letzten Bestimmungen.

Ueberwältigt von seinem Vertrauen, seiner Fürsorge, dem Jammer, ihn zu verlieren, ergreife ich seine Hand und bedecke sie mit Thränen und Küssen. Er entzieht sie mir, indem er meine Hände an sein Herz drückt.Theure Margueritte ich allein ich habe zu danken und und um Verzeihung zu bitten, daß ich in falsch verstandener Sohnespflicht unsere Liebe dem Willen meiner Eltern geopfert. Doch noch einmal, wir dürsen nicht weich werden, dabei rollen langsam schwere Thränen in seinen dunklen Bart,wir müssen stark sein und in dieser heilig ernsten Stunde keiner menschlichen Schwäche erliegen!

Und wir erliegen ihr nicht. Mit einem letzten, stummen Händedruck gehen wir auseinander, mit dem stillschweigenden Gelobniß:. bis in den Tod!

Der Tag ist ungewöhnlich klar und schön, aber das Sonnen licht hat für mich etwas Stechendes, Unbarmherziges, ich möchte es ausschließen und die dunklen Vorhänge zusammenziehen, aber Elly jauchzt ihm entgegen und ist kaum im Bett zu halten. Wir, der Arzt und ich, sind aber übereingekommen, daß sie dort heute noch am besten aufgehoben und am wenigsten im Wege ist, wenn die schreckliche Entscheidungsstunde anbricht. Diese ist auf den Nachmittag festgesetzt, er hat es mir gesagt, als ich sie zu erfahren wünschte. Ich habe nirgends Ruhe, und bin un⸗ fähig, auf das Geplauder des ahnungslosen Kindes zu hören, noch weniger den neugierigen taktlosen Fragen und Bemerkungen der Bonne Geduld zu schenken. Ich überlasse ihr das Kind und gehe auf mein Zimmer. Auf jeden heranrollenden Wagen horche ich, auf jeden Schritt auf der Treppe, dem Vorsaal. Eine halbe Stunde der Ungewißheit vergeht nach der andern, die Entscheidung kommt immer noch nicht! Rastlos wandere ich im Zimmer auf und nieder, mein Herz klopft zum Zerspringen, meine Hände pressen sich im schmerzenden Druck zusammen, meine Phantasie malt mir die enisetzlichsten Bilder. Ich halte es nicht mehr

länger aus, ich fühle, wenn diese schreckliche Ungewik heit anhält, ich darüber den Verstand verliere. Da, da! Ich he auf. Hält nicht eine Droschke am Hause? Nein, sie fährt vorüber. Doch jetzt, jetzt, kommt da nicht wieder eine? Ich reiße das Fenster auf, der Himmel hat sich umwölkt, das zudringliche Sonne ist fort, ein eisiger Nordwind weht mir entgegen. Ich sehe keine Droschke, ich schließe es wieder. Wieder wandere ich ruhelos auf und nieder, wieder horche ich mit wild schlagendem Herzen. Ja, ja, jetzt ist es kein Irrthum, ein Wagen hält. Die Haus⸗ thüre geht auf, eine unheimliche Unruhe dringt zu mir herauf. Ich will vorwärts stürzen, ich kann nicht, meine Füße sind wie gelähmt, endlich mit einer verzweifelten Anstrengung finde ich die Kraft. Ich eile die Treppe hinab, erreiche die erste Elage. Die Thüre des Vorsaales steht weit, weit auf, als hätte man soeben Jemand hinein getragen. Getragen! Meine Knie wanken, meine Füße tragen mich nicht mehr. Eine ohnmachtartige Schwäche überkommt mich. Es flimmert vor meinen Augen, ich greife mit den Händen in die Luft, um mich an irgend etwas festzuhalten und fühle wie mich ein stützender Arm sanft umfaßt und eine Stimme, die Stimme des Arztes sagt:Armes Kind, ja ja wer hätte das gedacht, dieses Ende erwartet! Ich fasse nur das letzte Wort auf, mit einer übermenschlichen Anstrengung sammele ich meine Kräfte, meine Gedanken.Das Ende das Ende! stammele ich,ist er todt? Nein, noch nicht, aber zu Tode verwundet, sterbend! Sterbend, barmherziger Gott, wo wo ist er? Dort, da drinnen in seinem Zimmer, er hat es angeordnet, dort will er sterben, wo die Bilder seiner Eltern hängen! Ich muß, ich darf doch zu ihm? Ja, Sie dürfen es! Er wünscht Sie noch einmal zu seheg 5 ich glaube, er will Ihnen sein Kind an's Herz legen. Gehen Sie hinein, aber sprechen sie nicht viel, er hat nicht mehr viel zuzusetzen, die Kugel ist ihm durch die Lungen gegangen. Er öffnet selbst die Thür.Treten Sie ein, er ist allein, er wollte allein sein, ich werde dafür sorgen, daß Sie ungestört bleiben. Ich trete ein. Man hat ihn auf den Divan mit dem Gesicht gegen die Bilder seiner Eltern gelegt. Sein Antlitz ist todten bleich, seine Augen geschlossen, die Hände über der Brust gefaltet. Er liegt da wie ein Todter. Ein leiser, qualvoller Schrei, ich kann ihn nicht unterdrücken, entfährt meinen Lippen. Er schlägt die Augen auf, er hebt die Arme mit einer schwachen Bewegung empor, ich knie neben ihm, mein Haupt sinkt an seine Brust, ein konvulsivisches Schluchzen durchzittert meinen Körper. Liebevoll fährt er über mein Haar.Arme, arme Margueritte, flüstert er kaum hörbar,Du siehst, die Kugel war für mich. Ich war ein schlechter Schütze er lebt! Er lebt! O, Gott, wo ist da Gerechtigkeit, wo Vergeltung! Nicht hier, nicht auf Erden. Und mußt Du wirklich sterben? Ja, Margueritte, ich muß. Meine Minuten sind gezählt. Ich bitte Dich, weine nicht sei stark! Du weißt, Du hast noch eine Aufgabe zu erfüllen, mein verwaistes armes Kind zu erziehen, in Deinem Geiste: wahr, einfach, pflichttreu. Sie hat Dir zwar kein Glück gebracht Deine Deine Pflichttreue aber die Anwartschaft auf den Himmel dort sehen uns wieder! Dort trennt uns nichts. Nichts! wiederhole ich unter heißen Thränen. Eine Pause tritt ein. Ich horche angstvoll auf den Schlag seines Herzens. Noch höre ich ihn, aber wie lange? Ich wage kaum zu athmen. Angstvoll forschend sind meine Augen zu erhoben und unfähig, ohne Schluchzen zu ihm zu sprechen, lauft ich nur auf seine Worte, nehme sie auf wie der Verschmacht die Tropfen Wasser. Und wie vereinzelte Tropfen kommen sie. Wir hätten so glücklich sein können so glücklich! Die Eltern, er sieht nach dem ernsten Mann in prächtiger Generals⸗ uniform, die Brust mit Orden bedeckt und nach der f stolzen Frau im rothen Sammetkleide.Sie ließen es nicht Ich war gehorsam, das ist das Ende! Nein, Margueritte, Du mußt leben, leben für mein Kind! Einst sage ihm Alles, mit meinem Segen. Nun, Margueritte, den letzten, den 1 Kuß, ich fühle Er verstummt, meine Lippen drücken sanft, hingebend, schmerzzuckend auf seine kalten. Ein Lächeln der Verklärung geht über sein todtblasses G