Ausgabe 
4.3.1888
 
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Pulverdampf verzog sich und Maxim stand noch immer un beweglich.

Ein Fluch entfuhr den Lippen des Majors, als er einen Blick auf die drohende Gestalt seines Gegners warf. Er wußte, daß er keine Schonung verdient hatte.

Maxim erhob die Waffe und zielte, wieder sinken.

Major, rief er dann,ich bin vollkommen sicher meines Schusses auf fünfzig Schritte. Wissen Sie, was das zu be deuten hat?

Bah, dann schießen Sie mich doch todt, erwiderte trotzig der Major.Das ist das sicherste Mittel, um niemals etwas von dem zu erfahren, was Sie von mir wissen wollen!

Als Maxim sich anschickte, etwas zu erwidern, wollte Schutow,

der Sekundant des Majors, gegen diese unerlaubte, ungehörige Konversation protestiren. Doch der Major gab ihm ein Zeichen, und Maxim konnte ungehindert antworten:

Zwischen Schießen und Todtschießen ist noch ein Unter schied. Wir Aerzte wissen genau, wo man treffen muß, um nicht zu tödten.

Der Major erbleichte, daran hatte er nicht gedacht. Das lange Stehen vor der Mündung der Pistole seines Gegners schien überhaupt seine Ruhe schon sehr erschüttert zu haben.

Maxim sah dies mit Vergnügen.

sNoch ein Wort, Major, rief er,sagen Sie die Wahr heit über das Feuerzeug, sagen Sie mir, wo Sie dem Besitzer desselben begegneten und was aus ihm geworden, wo er ge gestorben ist, und ich verzichte auf meinen Schuß!

Bei dem Major schien die Feigheit die Oberhand gewonnen

ließ sie dann aber

zu haben. Er konnte sich kaum noch auf den zitternden Beinen erhalten. Der Vorschlag Georg's war ihm daher sehr willkommen.

Gut, sagte er,ich nehme Ihren Vorschlag an, weil ich Mitleid mit Ihnen habe. Kommen Sie um 10 Uhr in mein Quartier. Wahrscheinlich lebt Ihr Vater noch. Ich werde Ihnen mittheilen, was ich weiß. 5

Auch Maxim war diese Wendung höchst willkommen.

Gut, sagte er,ich werde kommen. Doch glauben Sie nicht, mich mit Ausflüchten oder Unwahrheiten abspeisen zu können. Ich werde Sie immer und überall verfolgen, bis ich mich von der Wahrheit überzeugt habe.

Man trennte sich mit kaltem Gruß. glücklich bei dem Gedanken, endlich die Möglichkeit erlangt oder wenigstens aufgefunden zu haben, seinen Vater wiederzusehen.

Zur angegebenen Stunde begab er sich nach dem Quartier des Majors, welches in einem ziemlich entlegenen Theil des Städtchens lag. Aber zu seinem Schrecken erfuhr er, daß der Major schon vor zwei Stunden abgereist sei.

Also betrogen und belogen! rief Maxim außer sich. Schnell, ein Pferd, ich hole ihn ein! Nach welcher Richtung ist er gefahren? f

Das wußte der Bauer, dem das Häuschen gehörte, nicht zu sagen. Der Major hatte hier nur für eine Nacht Quartier ge nommen.

Heute Morgen ist er sehr früh ausgegangen, bemerkte der Bauer.Als er zurückkam, schrieb er noch einen Brief, ging dann nochmals aus und kam sehr bald mit einem Fahrzeug zurück. Er ließ sein kleines Handgepäck aufladen und fuhr dann fort.

Aber wohin, rief Maxim,schnell, nach welcher Richtung ist er gefahren?

Er fuhr hinab durch jene enge Straße, welche der Donau entlang führt.

Daraus war gar nichts zu entnehmen. Die Straße führte nach der Brücke, und ob er von dort aus nach Norden oder nach Süden weitergefahren, wußte der Bauer nicht. i

Ich werde den Fuhrmann fragen, wenn er zurückkommt, bemerkte der Bauer. f

Wann wird er zurückkommen? fragte Maxim hastig.

Vielleicht schon morgen, antwortete der Bauer,wenn er nicht unterwegs noch anderswohin sich verdingt. Sie wissen, Herr, Fuhrwerke sind jetzt sehr gesucht.

Ganz niedergeschlagen wandte sich Maxim zur Rückkehr, be

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Maxim war über⸗

gleitet von Ossipow. Doch dieser kehrte plötzlich zurück zu dem Bauern und fragte:

Wo ist der Brief, den der Major geschrieben hat? wen ist er?

Ich kann die Aufschrift nicht lesen, erwiderte der Bauer, aber ich sollte den Brief auf dem Etappen-Kommando ab geben, sagte der Major.

Gebt nur her, wir gehen dorthin und werden ihn mit nehmen. Wahrscheinlich ist er an uns.

Der Bauer brachte den Brief, Ossipow warf einen Blick auf die Adresse und reichte ihn Maxim, denn für diesen war er bestimmt. f

Maxim erbrach ihn hastig und las:

Mein Herr!

Ich bedauere sehr, daß ich nicht die Ehre haben kann, Ihre liebenswürdige Bekanntschaft weiter zu kultiviren. Aber Sie wissen, zu jetziger Zeit sind dienstliche Aufträge zuweilen etwas dringend und gestatten keinen Aufschub. Ich war genöthigt, meine Reise eiligst fortzusetzen. f

Sollten unsere Wege nochmals sich kreuzen, oder wünschen Sie, sich mir aus irgend einem Grunde nochmals zu nähern, so möchte ich Ihnen dringend empfehlen, Ihr jugendlich stür misches Benehmen bedeutend zu mäßigen.

Ihr ergebenster Uschakow, Major.

Wortlos reichte Maxim den Brief an Ossipow, welcher ihn rasch durchlas. Der höhnische Ton des Schreibens empörte ihn.

Der Ehrlose! rief er zornig.Wie er sich gehütet hat, auch nur anzudeuten, wohin seine Reise geht. O, ich bin über zeugt, wir werden ihn doch noch treffen!

An

Freund! Bruder! fuhr Maxim auf,Du mußt mir be⸗

hülflich sein, ich werde es Dir nie vergessen! Nimm ein Pferd, verfolge ihn nach Bukarest. Ich eile ihm indessen nach Süden zu nach! Sobald Du ihn erreicht hast, telegraphire mir!

Bist Du von Sinnen, Maxim? erwiderte Ossipow.Wir haben Befehl, so schnell als möglich die Sachen auf den für das neue Hospital bestimmten Punkt zu schaffen und die Errich tung desselben zu leiten. Wir haben ohnedies schon mehrere Tage verloren durch den Mangel an Wagen, und jetzt willst Du, wir sollen nach Norden und Süden davon reiten! Un möglich! Das einzig Mögliche wäre, daß Du einen Urlaub erbittest, während ich suchen werde, so gut als möglich allein fertig zu werden. Aber ich glaube kaum, daß ein Gesuch um Urlaub oder gar um Dienstentlassung jetzt Erfolg haben wird.

Maxim sah wohl ein, daß sein Freund Recht hatte. Trost los darüber, daß ihm die so unerwartet aufgefundene Spur wieder entschwunden, kehrte er mit Ossipow zum Kommando der Etappe zurück.

Dort erfuhren sie, daß die Spitze ihrer Sanitäts-Kolonne eingetroffen und bereits im Begriff sei, die Donau zu passiren. Es war also höchste Zeit zur Weiterfahrt. Sie baten alle jene Offiziere, welche Zeugen des Zusammenstoßes Maxim's mit dem Major gewesen waren, ihm durch den in Simnitza komman direnden Oberst Nachricht zu geben, falls sie den Major wieder sehen würden, und fuhren dann weiter nach ihrem neuen Be stimmungsort auf dem Kriegsschauplatz.

XV. Unter dem rothen Kreuz.

Durch eifrigste, angestrengte Thätigkeit in seinem Berufe, im Dienste des Vaterlandes, suchte Maxim seinen Schmerz zu ver gessen, doch vergebens. Er war dem Vater vielleicht schon so nahe gewesen, einen Augenblick zeigte ihm das treulose Geschick den vollen Erfolg seines jahrelangen Strebens, und von diesem berauschenden Trugbild blieb ihm nichts weiter als der Hohn des Majors. Zuweilen noch loderte die helle Verzweiflung darüber in ihm auf, und es war ein Glück für Maxim, daß der Dienst ihm so wenig Zeit übrig ließ, seinen trüben Gedanken nachzuhängen.

Nach seiner und Ossipow's Ankunft auf dem Kriegsschauplatz war das Kriegs-Hospital rasch erstanden. Es bestand haupt⸗

sächlich aus einer Anzahl langer, geräumiger Zelte aus weißer

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