Ausgabe 
4.3.1888
 
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Sie sah ihn nicht an, sondern blickte sehnsüchtig in die Ferne. Auf ihre Züge hatten der Gram und die Angst ihre unauslösch liche Schrift eingegraben. Wer kennt sie nicht, diese unvergäng liche Schrift, welche nie wieder schwindet da, wo sie einmal Raum gefunden, und welche man alltäglich auf so vielen Gesichtern lesen kann, wenn man die Straßen unserer großen Städte durchwandert mit offenem Auge und offenem Herz?

Doch, wer war die Gestalt, welche hinter ihr stand? Sie war erst undeutlich, wie in Nebel verhüllt. Aber jetzt durch drang diesen ein Strahl, der aus ihren Augen kam, hart und scharf, wie der Wiederschein von glänzendem Metall. Maxim kannte ihn wohl, diesen stahlblanken Blick, der wie eine scharfe Klinge zu seinem Herzen drang. Es war Wera's Bild, das hier vor ihm stand. Es blickte ihn ruhig, freundlich an, ohne Freude, ohne Kummer auf seinen schönen Zügen, so ruhig, wie blanker Stahl.

Maxim erwachte aus seiner Träumerei beim Eintritt Ossipow's, der ihm schweigend die Hand drückte.

Nun? fragte Maxim,seid Ihr fertig?

Ganz fertig, erwiderte Ossipow.Morgen früh um sechs Uhr auf der Anhöhe rechts von der Straße nach Bukarest, am Ufer der Donau.

Vortrefflich! sagte Maxim.Ich glaube, ich werde ihn zeichnen, daß er Zeit seines Lebens an mich denkt.

Ja, rief Ossipow lebhaft,wenn Du das könntest! Aber wer kann für die Kugel stehen, wenn Sie einmal aus dem Rohr ist! Erschießest Du ihn, was dann? Du hast einen großen Fehler gemacht, indem Du die Herausforderung des Majors annahmst. Warum hast Du doch meine Winke nicht beachtet, als der Se kundant hier war!

Deine Winke? fragte Maxim. Ich denke, die Sache ist klar wie der Tag! seine Herausforderung nicht annehmen?

Nein! rief Ossipow.Du solltest sie nicht annehmen! Du hast Deines Vaters Eigenthum bei ihm gefunden, er mußte also vor Allem sich vom Verdacht des Diebstahls, des Raubes reinigen, ehe er von Dir Genugthuung fordern durfte. Dann hätten wir erfahren, wie und wo das Feuerzeug in seinen Besitz gekommen und hätten die Spur weiter verfolgen können!

Nachdenklich ging Maxim im Zimmer auf und ab.

Du hast Recht! sagte er endlich kleinlaut,ich habe sehr übereilt gehandelt. Ich habe mich meiner blinden Wuth zu sehr hingegeben! Was ist nun dabei zu machen?

Ein merkwürdiges Duell! bemerkte Ossipow.Du darfst ihn nicht erschießen, aber selbst sollst Du Dich seinem Schuß aus

setzen. Nun, gut! rief Maxim.Ich bereue doch nicht, daß ich

Was giebt's da zu winken? Sollte ich etwa

den Elenden so behandelt habe, wie er es verdiente! Ich werde

die Folgen tragen! Er hat ohnedies den ersten Schuß. Schießt er mich todt, so ist es ja gleichgültig, ob ich den zweiten Schuß hätte ernstlich auf ihn richten dürfen oder nicht.

Auf jeden Fall, bemerkte Ossipow,suche ihn nicht tödtlich zu treffen. Solche Leute zu erschießen, ist zu viel Ehre für sie. Aber jetzt gehe einige Stunden schlafen. Es ist durchaus nöthig, daß die Nerven ruhig seien, wenn die Hand sicher sein soll.

Maxim ging, diesen wohlgemeinten Rath zu befolgen und legte sich auf den dunkelbraunen ledernen Divan, der im Zimmer stand, und seinem Aussehen nach wohl schon drei oder vier Mal die Russen an der Donau gesehen haben mochte. Jedoch, der Schlaf floh ihn. Er sah, wie Ossipow verschiedene Vorbereitungen traf, mehrere seiner kleinen Koffer nach einander öffnete, Ver schiedenes herausnahm oder hineinlegte, und sie wieder verschloß. Dann schrieb er einige Briefe, meist sehr kurz, versiegelte und adressirte sie, besichtigte sorgfältig seinen und Maxim's Revolver, sowie die mitgebrachten Patronen dazu. Auch seine chirurgischen Instrumente holte er aus einem besonderen, sehr solid gearbeiteten Etuis hervor und musterte sie sorgfältig. Endlich, nachdem er

Alles wieder sorgfältig verschlossen hatte, machte er sich zum Aus-

gehen fertig, und verließ das Zimmer. Es war schon spät Abends. Bei seiner Rückkehr nach längerer Zeit fand Ossipow den Freund schlafend, und legte sich dann auch für einige Stunden zur Ruhe, so gut es gehen wollte auf einigen Stühlen.

Maxim, stehe auf, es ist Zeit, rief Ossipow am frühen Morgen.Komm, ich habe Kaffee für Dich besorgt. Bei solchen Affairen muß man etwas Warmes trinken, damit nicht die Hände starr werden von der Morgenkühle. f

Die jungen Leute setzten sich zu Tisch und tranken schweigend N Kaffee. Während dessen trat ein junger Mann ein, welcher die Uniform der Militairärste trug. Ossipow stand auf, begrüßte den Kollegen lebhaft und machte ihn mit Maxim bekannt.

Ich war so vorsichtig, bemerkte er,den Kollegen Smirnow um seine Assistenz zu bitten, da ich nicht wissen kann, ob ich mehr als Sekundant oder als Arzt in Anspruch genommen werde.

Tres faciunt collegium, sagte Smirnow, indem er Maxim heiter lachend die Hand bot.Wenn drei Aerzte zusammen wirken, wird es doch wohl gelingen, dem Patienten zur ewigen Seligkeit zu verhelfen. Böse Zungen behaupten ja, es sei schon ein Einziger von unserer Zunft dazu genügend. 8

Maxim dankte dem Kameraden für seine Bereitwilligkeit und für den Humor, den er mitgebracht. 9

Noch wissen wir nicht genau, sagte er mit einem ruhigen Lächeln,wer eigentlich der Patient sein wird. Aller Wahr⸗ scheinlichkeit nach nicht mein Gegner.

Ossipow traf indessen mit ruhiger Geschäftsmäßigkeit alle nöthigen Anordnungen. Duell-Pistolen waren natürlich nicht aufzutreiben, man nahm an deren Stelle die Revolver mit. Vor der Thüre stand ein Fuhrwerk von etwas seltsamer Bauart, welches hier als erbliche Equipage Dienste that.

Nachdem sich Ossipow überzeugt hatte, daß alles Erforderliche besorgt war, nahmen die drei jungen Leute Platz und fuhren ab.

Maxim fühlte sich angenehm erfrischt durch die laue Morgen⸗

luft des eben beginnenden prachtvollen Tages. Seine Stimmung.

war ernst, aber ruhig. Die Aufregung des vorhergehenden Tages war gewichen. Er war bereit, sein Leben auf's Spiel zu setzen, in der Hoffnung, über seinen Vater Nachricht zu erhalten, und er dachte weit mehr an diesen Zweck, der ihn so viele Jahre in Anspruch genommen, als an die Persönlichkeit seines Gegners.

Der Wagen bog jetzt vom Wege rechts ab und erreichte die kleine Anhöhe am Ufer der Donau. Bei einer verlassenen Hütte wurde Halt gemacht und alle Drei stiegen aus. In geringer Entfernung sah man einige Offiziere stehen, welche erwartungs⸗ voll herüber blickten. Unter diesen befand sich auch der Major und sein Sekundant, welche ihren Gegnern zuvorgekommen waren. Trotz der frühen Morgenstunde hatte sich auch ein großer Theil der gestern bei der heftigen Scene zugegen Gewesenen eingefunden.

Nachdem man sich von Ferne kalt aber höflich begrüßt hatte,

traten die Sekundanten vor, um eine geeignete Stelle auszusuchen.

Man konnte sich längere Zeit nicht einigen. Denn da die Sonne noch sehr niedrig stand, so war es um so wichtiger, ihr so wenig als möglich gegenüber zu stehen, und jeder der Sekundanten that sein Möglichstes für seinen Freund. Endlich glaubten sie, eine möglichst gerechte Vertheilung gefunden zu haben. Die Aerzte legten ihre Instrumente in Bereitschaft, die Sekundanten maßen fünfzehn Schritte ab. Dann luden sie zusammen beide Revolver mit je einem Schuß und nachdem sie sich gegenseitig davon über⸗ zeugt hatten, daß dieselben richtig geladen, überreichten sie sie den beiden Gegnern, welche nun ihre Stellungen einnahmen.

Der Major mußte dessen sicher sein, daß Maxim ihn immer und überallhin verfolgen werde, um die aufgefundene Spur nicht wieder zu verlieren, welche zur Auffindung seines Vaters führen konnte, bis endlich Alles aufgeklärt wäre. Aber gerade dies mußte er verhindern um jeden Preis. Er hatte den ersten Schuß und schien entschlossen, diesen Vortheil auszunutzen, um seinen Feind aus dem Wege zu räumen.

Lange zielte der Major. Maxim sah ihm starr in's Auge. Er sah die kleine gegen ihn gerichtete Mündung und den Eifer, mit der der Gegner ihn zu vernichten suchte. Er fühlte ein dringendes Verlangen, diesem an den Hals zu springen oder aus dem Bereich der Waffe zu entfliehen.

Mein Gott, dachte er,sollte ich gar ein Feigling sein? Wäre es möglich? g

Doch nur kurze Zeit dauerte diese Befürchtung. Er faßte sich gewaltsam. Seine stolze, ruhige Haltung störte den Major,

dessen Hand wurde unsicher, müde. Endlich fiel der Schuß, der

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