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zu den
Obhrrhessischen Uachrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Gießen, den 4. März.
XIV. Das Duell.
In der russischen Armee ist der Zweikampf seltener, als in manchen anderen europäischen Heeren. Es soll damit nicht ge— sagt sein, daß in Rußland das Ehrgefühl schwächer entwickelt sei. Aber man ist daselbst verträglicher, ebenso, wie der Russe im Umgang, in Gesellschaft meist weniger schroff und rechthaberisch ist, als in vielen Fällen der Deutsche, Schwede, Engländer, ebenso wie sein Benehmen mehr Höflichkeit, Nachgiebigkeit, Zu— vorkommenheit zeigt, mehr Bestreben, sich liebenswürdig, angenehm unterhaltend und umgänglich zu erweisen, als das das Germanen, — in gleichem Maße sind auch Streitsachen seltener, und werden mit weit weniger Unversöhnlichkeit behandelt. Zwar verlor ge— rade Rußland zwei seiner bedeutendsten Dichter, Puschkin und Lermontow, durch Duelle, aber es waren, namentlich bei Ersterem, sehr ernste Gründe, zwingende Umstände, welche zu diesen tragischen Ereignissen Anlaß gaben. Jene blutigen Duelle wegen klein⸗ licher Eifersüchtelei, wegen offenbarer Nichtigkeiten, wie sie leider in Deutschland nicht selten sind, bleiben dem Russen unverständlich, wenigstens sehr unsympathisch.
Aber eine so unerhörte Beleidigung, wie sie Maxim dem Major vor so vielen Zeugen zugefügt hatte, durfte dieser nicht ruhig hinnehmen, wenn er nicht befürchten wollte, schimpflich aus dem Dieust gejagt zu werden. Ein Duell war unvermeidlich, trotz des herrschenden Kriegszustandes. Auch Lermontow fiel im Duell, obgleich er im Kaukasus als aktiver Offizier vor dem Feinde stand.
Ossipow hatte Maxim in ein Nebenzimmer geführt und gab sich die größte Mühe, ihn zu beruhigen, während Maxim, der Raserei nahe, im Zimmer auf und ab ging.
„Höre, Maxim,“ sagte Ossipow, in herzlichem, eindringlichem Tone,„beruhige Dich doch etwas. Du weißt, wie sehr ich mit Dir fühle, wie sehr ich Deine Aufregung, Deinen Zorn theile. Aber es ist dringend nothwendig, daß wir uns mit Ruhe klar machen, was Du gethan hast und was jetzt geschehen muß.“ „Ruhe! Beruhigen! Wie kannst Du davon sprechen!“ rief
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Maxim.„Was jetzt geschehen muß? Nichts Anderes, als dem Räuber das Messer an die Kehle setzen und ihn nöthigen, seine schändlichen Verbrechen einzugestehen.“
„Mir scheint,“ erwiderte Ossipow,„an sein Blut wäre uns viel weniger gelegen, als daran, daß wir die durch einen so merkwürdigen Zufall entdeckte Spur verfolgen, bis wir Deinen Vater wiederfinden.“
„Ja! ja! Freund,“ rief Maxim.—„Das ist's! O Himmel, hilf mir, die Wahrheit aufzudecken. Es kann nicht anders sein, der Major ist sein Mörder, denn mein Vater trug zur Zeit, als
Vor dem Sturm.
Roman aus dem modernen russischen Leben von A. L. Berthoff. (Fortsetzung.)
er von Irkutsk abreiste, eine bedeutende Summe bei sich. Aber Rache muß ich haben, ich reiße ihn in Stücke, den Elenden!“
„Das wäre das schlechteste Mittel, um Deinen Vater auf⸗ zufinden, wenn er noch am Leben ist. Komme doch zur Ruhe, Maxim, damit wir überlegen können, was zu thun ist.“
Maxim sah verwundert seinen Freund an. Ossipow hatte Recht, man mußte handeln, aber mit Ueberlegung.
„Schonen soll ich den Schuft?“ rief er.„Das ist wirklich schwer. Mir kocht das Blut, wenn ich nur an ihn denke. Kommt er mir nochmals unter die Augen, so wird es mir wirklich un— möglich sein, mich zurück zu halten.“
„Es ist nöthig!“ antwortete Ossipow,„durchaus nöthig. Be— denke, daß Du Dich jeder Hoffnung beraubst, wenn Du Deine Selbstbeherrschung nicht wiedergewinnen und bewahren kannst.“
Ein Klopfen an der Thüre unterbrach die Unterhaltung der beiden Freunde. Auf Ossipow's Ruf trat einer der Offiziere ein, welcher dem Vorfall beigewohnt hatte und wendete sich an Maxim.
„Ich habe die Ehre, mich Ihnen vorzustellen, Stabs-Kapitän Schutow vom 97. Infanterie-Regiment. Ich komme im Auftrag des Majors Uschakow vom 97. Infanterie-Regiment, um Sie zu fragen, ob Sie nach dem heutigen Vorfall bereit seien, ihm in Gegenwart der dabei zugegen gewesenen Offiziere Abbitte zu Leier
„Wie?“ fuhr Maxim auf,„von Abbitte wagt der Major zu sprechen? Ist er von Sinnen?“
„Oder,“ fuhr der Offizier fort,„ihm Genugthuung mit den Waffen dafür zu geben.“
„Natürlich,“ rief Maxim mit nervöser Hast, ohne Ossipow's Winke zu beachten,„ich brenne vor Verlangen darnach! Aber nun auch keinen Aufschub. Noch heute! Fedor Wassiljewitsch,“ wandte er sich an Ossipow,„kann ich auf Dich rechnen?“
„Gewiß,“ erwiderte dieser,„unter allen Umständen!“
Maxim machte die beiden Sekundanten mit einander bekannt, welche darauf das Zimmer verließen, um die Einzelheiten des Zweikampfes festzustellen.
Als Maxim allein geblieben war, kehrte eine erfrischende Ruhe bei ihm ein. Die Spannung der letzten Stunden ließ nach, er versank in eine Art von Halbschlummer. Das Bild seines Vaters, als lebensfroher kräftiger Mann, schwebte ihm vor. Sein freundlicher Blick war auf Maxim gerichtet, wie um ihn zu ermuthigen in dem, was ihm bevorstand, und Maxim fühlte sich dadurch ungewöhnlich gehoben und gestärkt. An den Aus⸗ gang des Duells dachte er nicht. Dann sah er seine Mutter,
blaß, bleich, mit kummervollen Blicken und gefalteten Händen.


