1 zu lindern, ihre Anspruchslosigkeit und ihre immer sich gleich
hospital auch schon überfüllt.
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Leinwand, deren heiteres Aeußere nicht ahnen ließ, wieviel Jammer sie oft bargen, wie oft die menschliche Kunst vergeblich gegen die tückische Krankheit ankämpfte. Das milde Klima und die geschützte Lage des Hospitals am Südabhange einer kleinen Anhöhe ließen fur viele Wochen einen stärkeren Schutz gegen die Witterung überflüssig erscheinen.
Noch schneller, als es errichtet war, war das neue Kriegs— Es fehlte noch sehr an Pflegern und Pflegerinnen, und dringende Bitten waren nach Petersburg an die Gesellschaft vom rothen Kreuz gerichtet worden, freiwillige Krankenpflegerinnen senden zu wollen. Endlich kam von dort Nachricht, daß Hülfe kommen werde.
Es war auch hohe Zeit. Während Anfangs fast nur Kranke und leicht Verwundete erschienen, kamen jetzt auch schwere, selbst hoffnungsvolle Fälle in großer Zahl.
Eines Abends erschien endlich das langersehnte Hilfspersonal, das zugleich einen Sanitätszug mit großartigen Sendungen von Liebesgaben nach dem Kriegsschauplatze begleitet hatte. Es be— fanden sich dabei auch sechs freiwillige Schwestern vom Rothen Kreuz, welche, obgleich sehr ermüdet durch die unendlich lange Reise, doch sofort ihre Posten einzunehmen bereit waren.
Maxim hatte eben seinen Rundgang durch das eine Zelt beendet, als dieselben vor dem Gitterthor des Lazareths ab— stiegen. Sie schüttelten den Staub von den Kleidern, traten dann ein und erkundigten sich bei den umhergehenden Rekon— valeszenten, wo der Chefarzt zu finden sei. Maxim hörte die Frage, und froh über die endlich eingetroffene Hilfe trat er näher, begrüßte die Schwestern und bot sich als Führer an. Zu seinem maßlosen Erstaunen hörte er eine wohlbekannte
Stimme, welche seinen Namen nannte.
„Maxim Victorowitsch! Welch' angenehme Ueberraschung! Sind Sie gesund? Wie geht es Ihnen?“
Er blickte die Angekommenen forschend an. Ihre gleich— förmige, einfache, aber zweckmäßige Tracht erschwerte sehr das Wiedererkennen.
Doch plötzlich rief er mit dem Ausdruck lebhafter, unerwarteter Freude:
„Wera Andrejewna! Ist's möglich? Sind Sie es selbst?“
„Ich selbst! Und kein Gespenst, Sie können es mir auf's Wort glauben!“ war Wera's vergnügte Antwort.
„Wirklich?“ erwiderte Maxim.„Nun, ich habe Ihnen immer auf's Wort geglaubt und heute lieber als jemals. Wie be— findet sich Ihre Frau Mutter? Hat sie sich schwer von Ihnen getrennt?“
„Ich habe ihre Bedenklichkeiten bald überwunden, uud sie
billigte gerne meinen Entschluß, dem Vaterland zu dienen.“
„Ich freue mich, mit Ihnen gemeinsam zu arbeiten. Ossipow ist hier bei uns.“
„Fedor Wassiljewitsch? Wirklich?“ rief Wera hocherfreut. „Ich habe ihm Nachrichten von seiner Frau zu überbringen. Sie gab mir Aufträge für den Fall, daß ich ihren Mann auf dem Kriegsschauplatze treffen sollte.“
„Weiß sie denn nicht den jetzigen Aufenthalt von Fedor Wassiljewitsch? Er hat ihr doch ohne Zweifel darüber geschrieben.“
„Als wir von Petersburg abfuhren, wußte sie nur, daß Sie beide Bukarest verlassen hatten. Wir waren aber fast 14 Tage unterwegs von Petersburg bis hierher.“
Mit lebhafter allgemeiner Sympathie sah man die Schwestern vom Rothen Kreuz in diesem Hospital oder Hospital-Lager er— scheinen. Ueberall waren Kranke wie Gesunde bemüht, ihnen mit Höflichkeit und Hochachtung zu begegnen. Ueberall sah man auch bald die Wirksamkeit der ordnenden weiblichen Hand, welche mit Leichtigkeit, aber auch mit ausdauernder Sorgfalt vor Allem jene kleinen Unebenheiten glättet, jene kleinen Leiden beseitigt, die im Einzelnen unbedeutend scheinen, in der Gesammtheit, in der hundertfachen Wiederholung aber unerträglich werden können.
Auch
Wochen vergingen in angestrengtem Dienst. Der Chefarzt
war genöthigt, hohe Anforderungen an Alle zu stellen, auch an die freiwilligen Krankenpflegerinnen. Aber die Energie und die eiserne Ausdauer, mit der Wera auch das Uebermenschliche zu leisten strebte, ihre nie erlahmende Bereitwilligkeit, zu helfen
bleibende heitere Gemüthsruhe erwarben ihr die Liebe und die Achtung Aller.
Aller,— das war unzweifelhaft. Aber nicht Aller in gleichem Maße! Da war Einer, welcher für diese Eindrücke ganz beson⸗ ders empfänglich, diesen Gefühlen ganz besonders unterworfen war,— das war der Hülfsarzt Maxim.
„Es ist nicht möglich,“ sagte er zu sich selbst,„einen niedrigen Verdacht zu hegen gegen ein Wesen, das in jeder Beziehung so viel moralische Kraft bethätigt, wie Wera. Son⸗ derbar,— wenn ich sehe, wie man von allen Seiten ihr Hoch— achtung entgegenbringt, so fühle ich immer eine Art von Stolz dabei. Mit welchem Recht?“
Ja, eine Art von Stolz,— aber daß dann immer auch ein gut Theil Eifersucht mit dabei war, das wollte sich der Herr niemals eingestehen. f
Maxim fühlte sich glücklich, in Gemeinschaft mit Wera seinen hohen Beruf auszuüben, vereint mit ihr dem Vaterlande frei— willig zu dienen. Oft erbat sie von ihm Belehrung über Krankenpflege, die er ihr willig ertheilte, und welcher sie auf— merksam und dankbar zuhörte. Gerne begleitete sie ihn auch auf seinen Rundgängen durch das Spital von einem Kranken— lager zum andern, theils um zu lernen, theils um zu erfahren, wo Hilfe am dringendsten nöthig sei.
„Hier, in diesem Zelt der Schwerverwundeten,“ Maxim eines Tages zu Wera,„fühlen wir am meisten unsere Unmacht. Nur selten gelingt es uns, einen seiner In— sassen dem Tode mit Erfolg streitig zu machen. Die Meisten verlassen diese Abtheilung, um in jenem kleinen Zelt dort unter— gebracht zu werden, auf welchem die schwarze Flagge weht. Dorthin werden Jene gebracht, welche aller Leiden des irdischen Lebens für immer enthoben sind.“ 1
Nach den blutigen, aber vergeblichen Stürmen vom 8. und 18. Juli 1877, welche die Russen auf die befestigte türkische Stellung auf den Hügeln bei Plewna unternommen hatten, folgte eine lange Pause. Der russische Oberbefehlshaber, Groß— fürst Nicolai, erwartete die neuen Armeekorps, welche in Ruß⸗ land eiligst mobilisirt und nachgesandt wurden, und beschränkte sich vorläufig darauf, Plewna von allen Seiten einzuschließen. Osman Pascha, der türkische Befehlshaber, ließ inzwischen seine Stellung immer mehr befestigen. Eine bedeutende Anzahl neuer Redouten mit starken Wällen wurde erbaut und mit Artillerie besetzt, während Schützengräben und Verhaue dieselben unter⸗ einander verbanden. So entstand eine festungsartige Position, fast so stark wie einst die dänische Stellung bei Düppel, und vertheidigt durch 50,000 Türken.
Endlich gegen Ende August wurde im Hauptquartier ein neuer Sturm beschlossen. Der blutige, äußerst erbitterte Kampf, an welchem auch die rumänischen Truppen Theil nahmen unter dem Befehl ihres jetzigen Königs Karl, dauerte mehrere Tage. Nach furchtbaren Anstrengungen und furchtbaren Verlusten gelang es der Tapferkeit der russischen Regimenter, einen Theil der türkischen Redouten und Verschanzungen östlich von Plewna wegzunehmen. Durch erneuerte heftige Vorstöße nahmen aber die Türken zuletzt die verlorenen Stellungen wieder in Besitz, nur die Griwitza-Redoute vermochten sie nicht mehr zurück— zuerobern. Diese blieb im Besitz der Russen. Aber es dauerte noch über drei Monate, bis endlich Hunger und Kälte den Untergang der türkischen Armeekorps bei Plewna herbeiführten.
Diese Vorgänge führten wieder eine Hochfluth von Kranken und Verwundeten allen Spitälern zu, ein Uebermaß von Leiden und Jammer, das durch sein plötzliches, lawinenartiges Er— scheinen um so überwältigender wirkte und alle Kräfte auf's Aeußerste anspannte. Wie alle, vom Chefarzt bis zum letzten Handlanger herab, so waren auch Maxim, Ossipow und Wera unermüdlich thätig. Letztere schien beweisen zu wollen, was so oft behauptet wurde, daß die weibliche Natur der männlichen an Ausdauer und Bedürfnißlosigkeit überlegen sei. Sie schien weder Schlaf, noch Speise zu bedürfen, war ununterbrochen bereit und auf ihrem Posten und erregte die Bewunderung Aller. Nament⸗ lich war sie immer gerne zugegen, wenn neue Transporte anlangten, und ihr mitleidsvoller Blick, ihr herzlicher, tröstender Zuspruch wirkten oft mehr und schneller, als die ärztliche Kunst.
Schluß folgt.)
bemerkte


