Ausgabe 
3.6.1888
 
Einzelbild herunterladen

*

cc R

179..

5

Kommen Sie, sagte Wellner zitternd und verließ das Zimmer.

[QAuAber das Taschentuch von den Augen, kommandirte der

Hauptmann,Sie sehen ja aus wie Eva, als sie aus dem Paradiese gejagt wurde; ein Taschentuch hatte diese freilich nicht. Wellner sah Erbarmen erregend aus und Plauen glaubte ihn kaum in diesem Zustand sich selbst überlassen zu dürfen.

Erst nach einigen Tagen, nachdem er den energielosen Menschen

sicher auf einem nach Amerika segelnden Schiffe untergebracht,

kehrte der Hauptmann nach Travemünde zurück.

Am Tage der Abreise Brunner's ging Frau Präsident Wellner gegen Abend allein am Strande spazieren. Rolfs sah sie vom Fenster aus.Jella ist allein, rief er athemlos,ich wage es, ich ertrage es nicht länger! und er stürmte hinaus aus seinem Zimmer, wurde aber von Zaghaftigkeit und Scheu gepackt, als er vor ihrem Zimmer stand. Er öffnete leise die Thür des Salons; Jella, im weißen Kleide, ruhte unbeweglich auf dem Sopha. Den Kopf mit den schwarzen Locken hatte sie leicht zurückgeworfen, ihre Augen waren geschlossen. Rolfs stand bebend vor ihr, seine ganze Seele lag in dem Blicke, mit dem er die edle, hochherzige Dulderin betrachtete, welche, müde von der Last, die das Leben auf ihre zarten Schultern geladen, still und friedlich hier ruhte. Auf dem schmalen bleichen Gesicht lag ein Zug tiefen Leides, stiller Resignation, und Rolfs, hin⸗ gerissen, aufgelöst in Begeisterung und Liebe, kniete vor ihr nieder, nahm die in ihrem Schooße ruhende Hand und küßte sie inbrünstig. Sie schlug die großen dunklen Augen auf und sah ihn, ohne sich zu regen, träumerisch an, schloß dann wieder langsam die Augen und es ging wie selige Verklärung über ihr bleiches Gesicht. Ihre Lippen flüsterten seinen Namen und ein Seufzer hob die junge Brust.

Jella, meine einzige geliebte Jella! rief er in stürmischem Entzücken und streckte sehnsüchtig die Arme nach ihr aus. Sie richtete sich jäh auf und starrte ihn angstvoll an.

Erschrick nicht, Jella, bat er;ich habe mich hier ein geschlichen, weil ich es nicht mehr ertragen konnte, Dir so nahe zu sein und Dich doch nicht zu sehen. Siehe, ich habe die langen Jahre gewartet, nun endige die Qual, sei endlich mein!

Curt, Du weißt nicht, was auf mir lastet; Du weißt nicht, daß ich Deiner ausdauernden Treue nicht mehr würdig bin. Ja, verzeihe, daß der Augenblick mich hinreißt, einmal traut und innig zu Dir zu reden, es wird ja nur dieses eine Mal im Leben sein, und hohe Gluth bedeckte ihr Gesicht, ihre Lippen bebten und Thränen rollten über ihre Wangen, als sie ihm die Hand reichte.

Ich weiß Alles und liebe Dich mehr wie je! rief er und schaute sie mit leuchtenden Blicken an.

Ich dachte es wohl, daß nun das Geheimniß preisgegeben sei; der unvorsichtige, unglückliche Mensch! rief sie und erbleichte. Sie wissen also auch, Herr von Rolfs, sagte sie, und ein bitterer, herber Zug zeigte sich auf ihrem Gesicht,daß ich willig an dem Betrug Theil genommen und mich Baronin von Brunner nennen ließ. Als Mann des Rechts wissen Sie auch, wie das Gesetz mit den Leuten umgeht, die unter falschem Namen leben; es war mir Alles bekannt und ich habe unter dem Betrug ge⸗ zittert und gebebt. Jetzt bin ich ruhig, Herr von Rolfs, es giebt ein Uebermaß und darnach hört die nagende Qual auf; ich erwarte mit Geduld, was da kommen soll. Ihr schönes Haupt war tief gebeugt, sie stand da, ein Bild rührender, stiller Ergebung. 8

Jella, sprach Curt mit tief bewegter Stimme und beugte unwillkürlich das Knie vor ihr,wenn Du Dich mir jetzt noch einmal entziehst, nun, wo ich Deinen ganzen Werth kenne, wird mein Leben von dieser Stunde an ein tödtlich verwundetes sein. Kennst Du diese Handschrift? Weißt Du, 705 des Ster⸗ benden letzter Athemzug mich zu Dir gerufen hate a f

Ihr Blick irrte verwirrt über die Blätter, die er ihr hin⸗ reichte; sie blieb einen Augenblick, wie unter der Last eines nie geahnten Glückes, zweifelnd, unschlüssig, dann erhob sich ihre Ge⸗ stalt, ihr Gesicht wendete sich mit einem Ausdruck überirdischer Glückseligkeit ihm zu. Ich will Dein sein,

8 Curt, im Leben und im Tode; begehe ich hiermit eine Sünde gegen Dich,

so möge der barmherzige

Gott sie mir verzeihen; ich vermag ihm nicht zu entsagen, dem himmlischen Glück, Dein Weib zu sein!

Er schloß sie mit einem Jubelruf fest in seine Arme.

Sie blieben nur noch wenige Tage in Travemünde, nur so lange, bis der Hauptmann Plauen zurückgekehrt war.

Herr Wellner küßt Herrn von Rolfs und allen lieben Freunden die Hand, berichtete dieser vergnüglich,eine Erb schaftsgeschichte hat ihn urplötzlich nach Amerika gerufen; ich will mich nur schnell meines Auftrags den Brimways gegen über entledigen.

Zwei Monate später stellte Curt von Rolfs seine junge Frau glückstrahlend seiner Mutter vor.

Es sind Jahre darüber vergangen, die Nachbarn von Mutz dorf nennen den Ortdas Eden. Die Großmutter blickt mit frohem, dankbarem Herzen auf eine Schaar blühender Enkel. Man zählt Curt von Rolfs und seine Frau zu den wenigen leut Menschen, denen nichts auf Erden zu wünschen übrig

eibt.

Frau Präsident Wellner ist Wittwe und hat ihr Domizil in Mutzdorf aufgeschlagen, woselbst sie einen lebhaften Verkehr mit der Nachbarschaft unterhält.

Von dem Schwager in Amerika hat Baron von Rolfs öfters das Vergnügen, etwas zu hören. In Anbetracht seineran gegriffenen Gesundheit, welche Wellner die Arbeit unmöglich macht, hat ihm Curt ohne Wissen seiner Frau eine Pension aus gesetzt, die er regelmäßig ausbezahlt erhält. Rolfs sorgt dafür, daß keine peinliche Erinnerung das glückliche Lächeln von dem lieben Angesicht scheuche, das ihm der Ausdruck seines ganzen Erdenglückes ist.

Schloß Warren.

Novelle von Georg Harnisch. (Fortsetzung.)

Mama, Mama! Wir haben einen ganz braunen Mann und eine braune Frau gesehen, beide bunt angezogen; die Frau trägt ein nacktes Kind auf dem Rücken! Marie sagt, es wären Zigeuner. Es sollen noch viel mehr hier sein mit Kindern und Pferden. Marie sagt, sie hätten ein großes Lager bei der Roth- buche aufgeschlagen. Liebe, gute Mama, dürfen wir hingehen und uns das Lager ansehen?

Nein, Kinder, heute nicht; wenn Ihr artig seid, vielleicht morgen! Mein Gott, wie erhitzt seid Ihr, setzt Euch her und kühlt Euch vor Allem erst ab!

Da haben die beiden Irrwische doch schon wieder die Neuigkeit aufgespürt, lachte Heinz.Ich habe das gelbe Ge sindel während meines Morgenrittes gesehen; drei, vier Wagen, ein Dutzend zottiger Ponies, ein paar Bären, Esel und last not least einen Haufen schmutziger und rauchender Kerle, Weiber und Kinder. Eine alte, weißhaarige Hexe wollte mir partout die Zukunft prophezeien; Unsinn, ich will sie garnicht wissen, was kommen soll, kommt doch! Das Lager könnten wir uns aber dennoch am Abend bei qualmenden Feuern einmal an⸗ sehen, natürlich von fern, aus dem Wagen.

Ach ja, lieber, guter Onkel Heinz, morgen schon, nicht wahr? baten die kleinen Mädchen mit leuchtenden Augen.

Halt, Ihr Quälgeister, darin habe ich nichts zu sagen, da müßt Ihr Mama fragen. Wie wäre es aber, mein gnädiges Fräulein, wandte er sich an Irma,wenn Sie sich morgen an dem Abenteuer betheiligten? Solch fahrendes Volk macht, aus der Entfernung betrachtet, einen ganz poetischen Eindruck, und in der Nähe nun, da versöhnt uns der Anblick des Elends mit dem Zwang der Gesittung, der es uns versagt, ebenso un gebunden umherzulungern.

Jawohl, Irma, fiel Frau von Haldern ein,hole uns morgen Nachmittag ab!

Thut mir leid, Helene, entgegnete Irma,wir sind morgen bei Wallheims zum Gartenfest geladen. Vielleicht berühren wir heute bei unserem Spazierritt das Lager! Was meinen Sie, Graf, wenn wir beide uns weissagen ließen? Doch kommen Sie! mein Fuchs wird unruhig. Leb' wohl, Helene! Gute

.

.