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seine Retterin. Von dieser Stunde an habe ich in immer⸗ währender Angst gelebt. Ich habe unter dem Betruge gelitten, als eine Baronin Brunner und seine Frau zu gelten. Meiner dringenden Bitte, unser Heim jenseits des Ozeans zu suchen, widersetzte sich mein Bruder, und so sind wir denn in Trave— münde, im äußersten Norden Deutschlands, wo er sich so sicher und behaglich wie möglich fühlt. Du schreibst nichts über Deine Gesundheit, mein lieber Onkel, darf ich daraus den Schluß ziehen, daß es Dir leidlich wohl geht?“
3. Ich lebe nicht mehr, ich vergehe vor Angst. Leo hat sein dunkles Geheimniß preisgegeben, wenigstens wissen neugierige forschende Mädchen, daß ich seine Schwester bin. Er ist stündlich mit ihnen zusammen, und ich weiß es von dem Vater dieser Miß Brimway, daß Leo spielt, große Summen verspielt. Onkel, Du hast ihn gekannt, mein Bruder ist ein Schwächling, ich ver— achte ihn.“
Curt's bebende Hände drückten die Blätter an seine Lippen, schwere Thränen liefen ihm die Wangen hinunter. Der Tag graute, als er sich, erschöpft von so viel Erregung, auf das Bett warf.
Um die Mittagsstunde nahte er, das Herz voll Glückseligkeit, Jella's Zimmern. Frau Wellner trat ihm erschrocken entgegen: „Aber Baron,“ flüsterte sie vorwurfsvoll,„warum findet meine Bitte so wenig Berücksichtigung? Gönnen Sie dem armen Kinde nur noch einige Tage, sich zu finden. Der Undank, den sie erfahren, nagt an ihr und läßt sie gleichgültig gegen den Verlust ihres Vermögens, was doch auch, meiner Meinung nach, wichtig genug ist. Zudem sind wir hier wie Gefangene, Jella will den unglückseligen Menschen nicht mehr sehen und dennoch seine Abreise nach Amerika hier abwarten. Vor einigen Stunden erhielt sie die Nachricht vom Tode eines Onkels, und obgleich sie ihn kaum gekannt, hat dieser Todesfall sie furchtbar erschüttert. Sie hat sich eingeschlossen und ich gönne ihr die Ruhe, deren sie so sehr bedarf.“
Frau Wellner reichte Rolfs hastig die Hand und drängte ihn der Thür zu. Was muthete ihm diese Frau zu? Jella, seine Jella liebte ihn, und er sollte sich ruhig gedulden, bis man eine Zusammenkunft für gut hielt? Alle seine Pulse hämmerten, er wanderte ruhelos von einem Ort zum anderen. Die Tischglocke läutete, er ging wie im Traum hinunter und setzte sich an seinen gewöhnlichen Platz neben den Tisch— nachbar, der ihm gutmüthig zunickte. Die Tische füllten sich, mit vielem Geräusch erschienen die Miß Brimway mit ihrem Vater, zuletzt trat Baron Brunner ein. Alle Augen richteten sich auf den Elegant des Badeortes, es verging kaum ein Tag, daß er nicht eine Pariser Neuheit zur Schau trug. Er wußte, daß er hier die Mode angab, und im Gefühl seiner Bedeutung näherte er sich langsam, nachlässig seinem Platz, die Augen zur Hälfte von den Lidern bedeckt und die Mundwinkel unter dem dünnen Schnurrbart etwas heruntergezogen. Dieser Ausdruck hochmütbiger Ueberlegenheit hatte seine Erscheinung nicht beliebt gemacht, ihr aber ein gewisses Ansehen verschafft. Die Damen fanden ihn außerordentlich distinguirt und seine Hände erfreuten sich einer allgemeinen Bewunderung.
„Wie gefällt Ihnen Baron von Brunner?“ fragte Curt's Tischnachbar, als sich Brunner zwischen Miß Mimy und Dolly niedergelassen.
Curt sah, wie aus einem Traum erwachend, dem ältlichen Herrn ins Gesicht.„Ich kenne ihn nicht,“ antwortete er zerstreut.
Der Hauptmann außer Diensten lachte gutmüthig.„Da liest man so viel in Büchern von einer neuen Krankheit des Ge— hirns, daß ich mir ein paar Tage lang eingebildet hatte, ich litte an dieser Krankheit; doch alle Schuld an dieser Täuschung trifft die Physiognomie des Barons von Brunner. Tag und Nacht plagte sie mich, und ich war mitten in diesem unheil— vollen Suchen, mit wem er eine auffallende Aehnlichkeit hätte, da fand ich es plötzlich und die peinliche Quälerei hörte auf.“
Der Hauptmann zog behaglich seine Serviette unter das Kinn und betrachtete Brunner mit sinnendem, befriedigtem Lächeln.
„Man freut sich immer, alte Bekannte zu treffen,“ fuhr er fort,„und Baron von Brunner ist ein alter Bekannter, dessen bin ich nun gewiß. Es mögen 14 bis 15 Jahre her sein, da brachte er aus Gesundheitsrücksichten einen Winter in Wien zu.
Damals hieß es, Graf Josika habe ihn adoptirt, und der jun, Lieutenant, der sich gern Graf Josika nennen ließ, wurde in dessen Hause wie ein Sohn behandelt. Kurze Zeit da ließ sich der junge Mann in Ungarn arge Fehltritte zu Schul den kommen und verschwand dann vom Schauplatz. Ich würde ihm hier recht gern sein Vergnügen lassen und ihn nicht in der Entfaltung der Pariser Moden stören, wenn nicht ein halbes Dutzend ungarischer Offiziere auf dem Wege nach Travemünde wäre, die ihn ohne Zweifel erkennen und Gründe haben könnten, ihn weniger glimpflich zu behandeln. Sie sehen mich an, Herr Baron, als wollten Sie sagen:„Was geht denn mich diese ganze Geschichte an.“ „Sie irren sich, Herr Hauptmann,“ fiel Rolfs ein,„es inter⸗ essirt mich Alles, was Sie hier erzählen, wenn auch nicht der liebenswürdigen Erscheinung Brunner's wegen.“ „Ich verstehe,“ nickte er und lächelte verständnißvoll.„Das liebliche Wesen, das dieser Mensch an seine Seite zu fesseln ge⸗ wußt hat— man weiß nicht wie— ist der höchsten Achtung, aber auch der größten Theilnahme würdig. Es muß dem Menschen um ihretwillen geholfen werden. Ich bin ein Mann, der augenblicklich über wenig zu verfügen hat; wollen Sie mir eine kleine Summe leihen, die ich Brunner zu sofortiger Ver- fügung stellen kann? Er ist auf dem Trocknen, gestern Abend hat er den letzten Rest seines Geldes verspielt und gegen Ver⸗ pfändung seines Ehrenwortes Schulden gemacht. evor es Nacht wird, muß er, da er seinen Verpflichtungen nicht nach⸗ kommen kann, Travemünde verlassen; er muß wieder über den Ocean.“ 1 „Recht gern stelle ich Baron Brunner die nöthige Summe zur Verfügung,“ erklärte Rolfs. Nun wird Jella, wenn endlich einmal der jahrelange Druck von ihr genommen wird, wieder aufathmen können, dachte Curt bei sich und drückte bewegt dem Hauptmann die Hand, indem er sagte: 1 5 sind ein guter Mensch, Herr Hauptmann.“ „Ei, das Kompliment gebe ich Ihnen zurück,“ antwortete er eifrig.„Habe Allen in die Augen gesehen und mir gesagt: der da wird helfen, wenn er kann.“ Man erhob sich von der Tafel. Miß Dolly und Miß Sally, sprachen laut über eine Fahrt auf dem Meere, Brunner lehnte nachlässig an einem Stuhl und drehte eine Cigarette. Der Hauptmann ging mit Curt an Brunner vorbei und sagte dicht i vor dessen Ohr:„Lieutenant Wellner.“. Brunner wandte sich plötzlich um und starrte den Haupt⸗ mann mit offenem Munde an, sein Gesicht war leichenblaß, die 1 bläulichen Lippen bebten.. „Fürchten Sie nichts, folgen Sie mir,“ flüsterte der Haupt⸗ mann und ging weiter. Einen Augenblick zögerte Brunner, wie vom Schwindel ergriffen. 41 „Was ist Ihnen?“ rief Miß Mimy mehr erstaunt wie erschreckt. „Die Luft hier, nur einen Augenblick, ich werde sogleich wieder hier sein,“ antwortete er verwirrt und eilte hinaus. Draußen erwartete ihn der Hauptmann. Wellner warf einen mißtrauischen Blick auf ihn und wollte ausweichen. Der alte Offizier trat fest auf ihn zu.„Sie sind in Gefahr,“ sagte er ihm ernst.„Eilen Sie, nehmen Sie den nächsten Zug und dann ohne Zögern aus Europa hinaus. Ich werde Ihnen ein kleines Reisegeld auf Ihr Zimmer bringen.“ g Als der Hauptmann nach einer kleinen Weile in Wellner's Zimmer trat, fand er ihn auf dem Bette liegend, den Kopf in den Kissen versteckt, laut schluchsend. Einen Augenblick blieb der Offizier vor dem Jammerbild stehen, Mitleid und Abscheu kämpften in ihm. 8 5 „Stehen Sie auf, schämen Sie sich, verlieren Sie Ihre Zeit nicht. Ich begleile Sie zur Bahn, wir verschwinden hinten durch den Garten, um kein Aufsehen zu erregen.“ 5 „Sie sind der Hauptmann Plauen, der Bruder des Privat⸗ sekretärs des Grafen Josika,“ sagte Wellner mit matter Stimme, „von Ihnen habe ich nichts zu fürchten.“ 18 „Von mir nicht, aber von den Anderen, die heute Abend von Wien hierherkommen,“ antwortete der Hauptmann und nannte Namen, vor denen Wellner erbleichend zusammenschre
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