Ausgabe 
3.6.1888
 
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zu den

Oberhessischen Machrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Ur. 23.

Gießen, den 3. Juni.

Ein dunkler Schatten.

Novelle von M. Elton. (Schluß.)

Also der Sterbende forderte ihn mit dem letzten Athemzuge auf, nach Travemünde zu reisen, was enthielten diese Blätter mit der feinen Handschrift? Sie waren numerirt, er entfaltete Nummer eins und las:Mein lieber Onkel, zürne mir nicht, wenn Deine Warnungen, Deine Prophezeiungen nicht vermögen, mir Deine Ueberzeugung beizubringen. Ich glaube an den armen unglücklichen Mann und will und muß an ihn glauben. Sie haben ihn Alle verlassen, Tante Anka hat Nervenzufälle bekommen, als sie ihn gesehen, er hat nicht gewagt, sich ihr ein zweites Mal zu zeigen, keinen seiner Briefe beantwortete sie. Mein Vater hat mich bis Berlin begleitet, da sollte Leo zu uns kommen, er hatte endlich eingewilligt ihn zu sehen. Als Leo in unserm Gasthof erschien, war Papa nicht zu finden, es wurde mir ein Schreiben von ihm gebracht, welches erklärte, daß er in seiner Eigenschaft als Präsident des Landgerichts es vorziehe, die Zusammenkunft zu vermeiden. Da lachte Leo laut auf, es war ein Lachen, das mir durch die Seele schnitt. Siehst Du, lieber Onkel, er ist verlassen von den Menschen, krank und zerfallen mit sich und einer Welt, die er haßt und verachtet. Ist es nun nicht an mir, die ihm am nächsten steht, es zu versuchen, ihn mit sich und dieser Welt auszusöhnen? Du hast keinen Glauben daran, daß es mir gelingen werde. Es ist dies vielleicht ein lächerlich anspruchsvolles Unternebmen und ich muß mir ein gestehen, daß mir keine anderen Hilfsmittel zu Gebote stehen, wie

mein grenzenloses Mitleid und meine Liebe zu dem armen Aus-

gestoßenen. Ich hoffe, daß die kräftigende Luft auf dem kleinen Plätzchen Erde an der Ostsee ihm wohl thun wird. Ruhe und Pflege werden seinen heruntergekommenen Organismus heben, ihm bald wieder Gesundheit und Kraft bringen, und ihn damit dem Leben wiedergeben. Wenn Leo wieder ein ordentlicher Mensch ge worden ist, dann kommen wir zu Dir nach Nizza. Dann wirst Du ihn lieb gewinnen und die letzte Spur der Vergangenheit wird verwischt sein. Sei so gut und sage mir nicht mehr, daß Du kein Vertrauen in Leo's Charakter setzest. Du kennst ihn nicht, Du hast den schönen, übermüthigen jugendlichen Offizier gekannt, Du vergißt, was zehn Jahre des Unglücks, des Elends und der Noth aus dem Menschen machen können. Deiner gütigen Hilfe bedürfen wir nicht, ich danke Dir herzlich; wir können Alles ganz gut mit den Zinsen der Erbschaft decken. Lebe wohl.

2. Wir wohnen seit längerer Zeit in Travemünde, mein Bruder wollte es so. In seinem Befinden ist kein Wechsel ein getreten, in seiner Lebensweise wenigstens nicht. Du willst von mir hören, theurer Onkel? Ach, was wäre von mir zu sagen,

seit meine Existenz im Dienste einer andern ist! Das ideale Wesen aber, das Du in mir sehen willst, bin ich nicht. Du gehst in

Deiner Bewunderung so weit, mich mit den Märtyrern zu ver gleichen, für die, in Anbetracht der zu erwartenden Himmels freuden, die Güter der Erde nichts sind. Aber ist nicht hinter dieser Bewunderung eine gute Portion Schadenfreude, freilich mit Mitleid gepaart, versteckt? Mein Oheim, ich kenne Dich, beim ersten Anblick fand ich in Dir den ersehnten Freund. Du bist überzeugt, daß ich um den Himmel, den ich mit meiner ganzen Seele herbeiflehe, betrogen bin! Ich stehe manchmal wie erstaunt vor dem Problem, dessen Lösung mir nach mehr wie zwei Jahren ferner liegt, denn je. Ich gleiche den Märtyrern nicht, Onkel, ich verachte nicht die Güter der Erde, mein Herz ist in Leid und Weh vergangen, als ich Abschied von ihm nahm, den ich liebe. Ich gleiche meiner Mutter: ich liebe einmal. Ich liebe, diese stille Liebe ist mein ganzer Reichthum, und während ich mir tausend Mal die glückselige Zeit zurückrufe, kann er, Curt von Rolfs, sich meiner nur erinnern als einer Leichtfertigen, Wortbrüchigen. Er wird mir keinen Gedanken mehr widmen; einer Andern ist wohl das Glück zu Theil ge worden, das Glück, dem kein anderes auf Erden gleicht. Nun hast Du mich ganz, wie ich bin. Es muß mir gelingen, meinen Bruder mit sich und dem Leben auszusöhnen, ich muß ihn dem thätigen Schaffen und Wirken wiedergeben, denn ich habe mein Glück dafür preisgegeben. Wäre ich um diese Errungenschaft betrogen, hohnvoll, schmählich betrogen, so es giebt Dinge, die man nicht zu Ende denken darf!

Im Schwarzwald war's, da wo eine Stunde von Rippoldsau sich zwischen den dunkeln Fichten weißschäumend der Bergstrom hinunterstürzt, daß er mir hastig zuflüsterte, er sei mein Bruder. Mit keuchendem Athem theilte er mir mit, daß er krank, herunter gekommen in Voridori erschienen sei, daß Tante Anka vor ihm geflohen und ihm durch Vera Geld geschickt habe mit der Weisung, augenblicklich das Land zu verlassen und nie mehr zurückzukehren.

Jella, willst Du mir eine treue Schwester sein, willst Du daran alauben, daß ich noch ein brauchbares Glied der mensch lichen Gesellschaft werden kann? rief er mir mit einem so ver zweifelten Ausdruck zu, daß ich, einer Ohnmacht nahe, mein Gesicht in den Händen barg; ich hatte Furcht und Entsetzen vor seiner schuldbelasteten Vergangenheit. Ich hörte ihn nicht mehr, bis plötzlich seine Stimme aus dem Plätschern des Wasserfalls erklang, und ich ihn oben auf einem vorspringenden Felsstück hängen sah.

Willst Du Dich meiner erbarmen? Willst Du nicht, so lasse ich nur die Hand los und liege zerschmettert zu Deinen Füßen.

Ich will, ich will! schrie ich in Todesangst, und einige Minuten darnach küßte er mir die Hände und umarmte mich,

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