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Nacht Ihr Wildfänge!— Hüten Sie sich, Miß, daß die Wan⸗ derlust der Zigeuner Sie nicht ansteckt!—“ und lachend ihre Schleppe aufraffend, sprang sie an Heinz' Arm die Treppe hinunter.—
Nelly hatte sich förmlich und kalt verbeugt; die unverdienten Kränkungen schmerzten sie, aber sie war ja darauf vorbereitet, seit sie sich entschlossen, allein ihren Weg durch die Welt zu suchen.—
„Liebe Tante Nelly, willst Du mit uns Cro— quett spielen?“ bat die kleine Dora, sich an das junge Mädchen an— schmiegend.
„Dolly, lieber Schatz, es ist noch zu heiß dazu, ich werde Dir einen an— deren Vorschlag machen, Darling, wir wollen auf die Wiese gehen und Ver— gißmeinnicht für die Mama suchen. Ja?— habt Ihr Lust dazu?“
„Ja, ja,“ riefen Beide,“
das wollen wir, und Du erzählst uns dabei eine schöne Geschichte; kennst Du nicht eine Zi— geunergeschichte, Tante, von den nackten braunen Kindern?“
„Nein!“ lachte Nelly hell und fröhlich,„die weiß ich wirklich nicht, — doch ich will sehen, vielleicht fällt mir eine andere ein. Holt Eure Hüte und dann kommt, wenn Mama nichs da— gegen hat!“
„Ja, Kinder, geht,“ nickte Frau von Haldern, „aber seid hübsch artig und quält die gute Nelly nicht so sehr.“
Die kleinen Mädchen sprangen selig davon. Helene aber trat an Nelly heran, strich ihr zärtlich über die zarte Wange, und, indem sie ihr einen flüchtigen Kuß
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auf die Stirn drückte, sagte sie: „Weißt Du, Nelly,
mir ist, als wäre mir in Dir eine geliebte Schwester geschenkt wor— den, die ich stets so sehr. vermißt habe.— Laß Dein Köpfchen nicht so hängen über Irma's Lieblosigkeiten und, wenn Dir einmal Dein Herz schwer sein sollte, dann flüchte zu mir; Trost, Rath und Hülfe sollst Du bei mir nie vergeblich suchen!“
Dankbaren Blickes küßte Nelly die ihr gebotene Hand.
„Du bist so gut, Helene,“ erwiderte sie,„ich bin unendlich glücklich hier, und es würde sehr unrecht von mir sein, wollte ich Dich durch Kopfhängerei betrüben. Irma kann mich nicht kranken, denn ihre Angriffe find nur Aeußerungen einer un— begründeten Eifersucht;— sie glaubt, ich stünde ihr im Wege!“
Tante, fällt Dir garnichts ein von den Zigeunerkindern?“ fragte Dora's bittende Stimme.
Die Kleinen hatten sich in das Gras gelagert und waren
Kommt zu Tische!
Nach dem Originalgemälde von Fr. Sonderland.
beschäftigt, die gepflückten Blumen zu sortiren und Nelly zuzu⸗ reichen. Das junge Mädchen saß auf einem leichten Feldstuhl und wand einen Kranz, dessen Entstehen die Kleinen mit neu— gierigen Blicken verfolgten.
„Nein, Dora, eine Geschichte weiß ich Dir nicht zu erzählen, aber ich bedaure die armen kleinen Kinder recht von Herzen, sie müssen hungern und frieren und haben kein Bettchen zum Schlafen.“
„Ja, haben sie denn keine Mama, Tante?“
„O ja, die haben sie wohl,“ lächelte Nelly, „aber die Mama ist arm und hat keine Wohnung und keinen Garten. Sie muß von einem Ort zum andern ziehen und muß Geld verdienen und das Essen kochen, da kann sie sich um ihre Kleinen nicht kümmern.“
„Nun, da brauchen die Kinder wohl gar— nichts zu lernen?“
„Doch, Ihr Schlau⸗ köpfe! Sie müssen viel mehr lernen wie Ihr! Sie müssen alte Kessel flicken, Töpfe mit Draht bebinden, Vögel in Schlingen fangen und manchmal auch die Hüh— ner der Bauern und Kartoffeln von den Fel— dern stehlen zum Abend— brot.“
Die Kleinen rückten gespannt näher— das wurde vielleicht doch noch eine Geschichte,— aber plötzlich erschien ein anderer Gegenstand, der ihre Aufmerksamkeit weit mehr fesselte.
„Pollux,“ riefen Beide, erfreut aufspringend, um ihren Liebling zu be— grüßen,— dann blieben sie verlegen stehen, sich an ihre Beschützerin an— schmiegend—„Onkel Udo,“ flüsterten sie fast erschrocken.
„Guten Abend, Miß Longsword!“ erklang die tiefe, dem jungen Mäd— chen schon so wohlbe⸗ kannte Stimme,„und Ihr drolligen kleinen Kerle kommt her und reicht mir die Hand!“
Die Kinder waren seinem Ruf sofort gefolgt;— sie hatten ihn sehr. lieb,— eigentlich lieber, als den lustigen Onkel Heinz, — aber sie getrauten sich nicht, unaufgefordert ihre Zuneigung zu zeigen.— Jetzt hingen sie Beide mit strahlenden Gesichtern an seinen Armen.
Nelly war überrascht aufgesprungen, und dunkle Röthe hatte ihr Antlitz bis unter die hellbraunen Stirnlöckchen übergossen, während sie sich tiefer, als sie es sonst Herren gegenüber gewöhnt war, vor dem Schloßherrn verneigte.
„Guten Abend, Herr Graf!“ sprach sie mit etwas befangener Stimme,„wir haben im Wiesengrund Vergißmeinnicht gesucht und davon einen Kranz gewunden.“— Sie schwieg, von Neuem erröthend; denn was sie gesprochen, schien ihr entsetzlich thöricht, und etwas Vernünftiges wollte ihr nicht einfallen.
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