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N 2 2386
Wie er nachträglich von Syvert Gimse erfuhr, war der Besitz der Stromschnellen schon seit Generationen die Quelle ewigen Haders zwischen Fossevang und Gimse. Natürlich behauptete er, daß das Recht ganz und voll auf seiner Seite lag. Existirte aber darüber ein Zweifel, so konnte diesen nur ein Prozeß ent⸗ scheiden. Und keine Polizei würde sich bis dahin bemüßigt fühlen, einzugreifen. Daß der Kapitän sich an die betreffende Behörde zum Schutz seines vermeintlichen Rechtes wenden würde, könnte wohl moglich sein. Er, Syvert Gimse, glaubte es sogar, doch erreichen würde er damit nichts. Und mit diesen Voraussetzungen hatte Syvert, wie es sich herausstellte, Recht. Der Kapitän wandte sich vergeblich an die Behörde; trotz aller seiner Klagen belästigte Niemand den Amerikaner.
III.
Ewald schritt den Berg nach Fossevang hinauf. Er hatte beschlossen, den Streitpunkt in einer persönlichen Unterhandlung mit seinem Nachbar zu erledigen. Daß er erkannt werden könnte, fürchtete er nicht, und doch schlug sein Herz laut bei dem Ge⸗ danken, seinem Vater Aug im Auge gegenüber zu stehen. Er dachte eine Minute daran, die ganze Komödie aufzugeben, vor ihn hinzutreten und zu ihm zu sagen:„Ich bin Dein Sohn, Vater.“ Sein knabenhaft abenteuerlicher Sinn hielt ihn dann aber wieder davon ab.
Es war zwischen sechs und sieben am Abend. Die Sonne, die in dieser Jahreszeit fast bis in die Nacht hinein am Himmel bleibt, hing einer mächtigen, rothen Scheibe gleich ein paar Meter über dem Horizont. Wie Feuer leuchtete es hinter den Bergspitzen im Westen, während die Kuppen im Osten sich kalt und blauschwarz scharf von einem hellgrauen Himmel abhoben. Es war Ewald gar eigenthümlich zu Muthe, wie er durch die Roggen⸗ und Gerstenfelder, aus denen ihn unzählige grellrothe Klatschrosen verdächtig ansahen, schweigend dahinschritt. Kurz vor der Fosse⸗ vang⸗Villa blieb er stehen und blickte sich um. Da hatte er eine seltsame Vision. Es war ihm, als käme Olga Reimert sommer⸗ lich hell gekleidet, den schützenden Sonnenschirm über den Kopf haltend, über das Kornmeer auf ihn zugeschwebt. Er rieb sich die Augen und sah noch einmal zu. Und er sah es jetzt genau. Es war das Mädchen, das er am Morgen mit seinem Vater gesehen. Nur bewegte sie sich nicht, sondern stand irgendwo auf dem Feld. Regungslos blickte sie mit träumerischem Blick über die nickenden Aehren, das Antlitz unter ihrem rothen, von der Sonne geküßten Schirm rosig verklärt. Ewald hatte in allen seinen Prairie- und Goldminen-Abenteuern ein so zauberschönes Bild noch nicht gesehen. Er blieb stehen und sog das Bild mit langen, durstigen Zügen ein. Da entdeckte er zufällig, daß auf dem Grenzpfad zwischen dem Roggen- und dem Gerstenfeld ein niedriger Zaun dahinlief, auf welchem sie zweifellos saß. Das benahm dem Bild etwas von seinem Zauberhaften, that seiner Schönheit jedoch keinen Abbruch. Da saß sie vor ihm, wie ge⸗ tragen von der wogenden, silbergrünen Fluth, einer sich auf den Wassern schaukelnden Meernixe gleich. Und plötzlich sah er, wie sie den Kopf wendete, sich von ihr erkannt. Er suchte sich so schnell als möglich aus seinem Traum herauszuarbeiten, lüftete seinen Hut, und schritt über den Feldpfad auf sie zu.
„Ich komme, um mit dem Kapitän Nordahl zu sprechen,“ sagte er,„vielleicht können Sie mir sagen, wo ich ihn finde.“
Sie erwiderte aus der Ferne seinen Gruß mit Augen, die weder von Freude noch von Ueberraschung sprachen.
„Kapitän Nordahl ist nicht im Hause,“ antwortete sie.„Sie werden ihn irgendwo im Garten treffen können— oder auf den Feldern.“
„Danke.“
Er lüftete wieder seinen Hut und ging, da er keinen Grund wußte, warum er bleiben könnte, seines Weges weiter. Er blickte sich noch einmal nach ihr um und sah sie, mit der goldigen Sonne hinter sich, das Antlitz verklärt und wie von einem Heiligenschein umgeben, dasitzen.
Nach einem Gang von einer halben Viertelstunde, während welcher das junge Mädchen ruhig weiter auf ihrem Feldplatz sitzen blieb, entdeckte er in einer Sandgrube, hart an der Grenze
Vater erkannte. Der alte Mann saß und bohrte seine Absäßze wie zerfallen mit sich und verzweifelt in den Sand. Bald r tete er sich halb auf, bald sank er dann wieder nieder, und da⸗ bei murmelte er vor sich hin und preßte die Hände zusammen. Ein paar Male stöhnte er laut auf, nahm den Kopf zwischen die Hände und drückte ihn, als wollte er ihn zermalmen.
saß er eine ganze Weile regungslos da, stützte die Ellenbogen auf seine Kniee und stierte auf den gelben Sand. Endlich stand er mit einem Seufzer auf und klomm die Bergseite hinan. Und Ewald stürzte, von dem, was er gesehen, zu Tode erschrocken, in der entgegengesetzten Richtung davon. 1 Am nächsten Abend wiedecholte er seinen Besuch. Er traf den Kapitän mit seiner Nichte auf dem das breite Thal über⸗ blickenden Balkon sitzend an. Er stellte sich vor, bat, seine Zu⸗ dringlichkeit zu entschuldigen und wurde mit kühler Höflichkeit empfangen. Der Kapitän sah matt und erschöpft aus, gleich⸗ wohl blickte er recht ingrimmig drein; und die junge Dame ne ihm gab sich auch weiter keine Mühe, seinen Unmuth mit gutem Zureden zu beschwören.
„Ich komme hierher,“ hob Ewald an, nachdem er auf dem ihm zugeschobenen Stuhl Platz genommen,„um, wenn möglich, den Streit zwischen uns Beiden beizulegen.“
„Kann so nicht beigelegt werden,“ brummte der Kapitän.
„Wie dann, wenn nicht so?“
„Prozeß! Prozeß!“ rief der Alte.
„Bis zur Entscheidung eines solchen werde ich Ihnen aber alle Fische aus dem Fluß fortgeangelt haben und längst wieder drüben in Amerika sein.“ 5 8
Der alte Mann zielte auf seinen Gast einen seiner stechenden Blicke ab, stand auf und ging in das Haus hinein. Nach einer Weile kam er wieder zurück und sagte mit erzwungener Ruhe:
„Wäre ich nur zwanzig Jahre jünger, Herr Yankee, so würde ich schon wissen, wie ich Sie, auch ohne das Gesetz in Anspruch zu nehmen, von dem Wasser fortbrächte.“
„Verzeihung, auf den Titel„Nankee“ habe ich aber eigent- lich kein Anrecht,“ versetzte Ewald, die Herausforderung üͤber⸗ hörend.„Vorerst habe ich stets nur im Westen gelebt und dann bin ich auch von Vater her Norweger. Sie sehen, ich spreche so fließend norwegisch wie englisch mit Ihnen.“
„Sie brauchen mit mir gar nicht zu sprechen,“ fiel der alte Brummbär ein. Dann schien er sich zu besinnen und fuhr etwas freundlicher fort:„Da Sie nun aber einmal da sind, so machen Sie Ihrem Herzen Luft, nur bitte ich— schnell!“ 3
„Ich möchte beiden Theilen gerecht werden,“ begann Ewald, „ich will Ihnen zu einem von Ihnen zu bestimmenden unteren Stromschnellen abpachten, die, wie ich höre, Ihnen ohne Widerrede gehören; und können Sie sich dann ja einen ausbedingen, der Sie für Ihre Ansprüche an das Wasser oben, wo ich fische, entschädigt.“ 19
Der alte Mann saß eine Weile, den Kopf auf die Hände gestützt, nachdenklich da, dann blickte er plötzlich auf und sah dem Amerikaner voll ins Gesicht. Der Antrag schien ihm fast über die Maßen anständig, und doch, ließ er sich nicht so leicht zum Friedensschlusse herbei. Seine Selbstachtung verlangte einen kurzen, wenn auch nur scheinbaren Widerstand.„Oho,“ knurrte er,„Sie denken wohl, es ist mir um die paar Groschen zu thun. Nein, werther Herr, das Geld kann ich Ihnen eben so gut Aber verkaufen will ich mein Recht nicht.“
Er stand auf und ging von neuem auf und nieder, und seine laut knarrenden Stiefel ließen selbst sein Schweigen trotzig er⸗ scheinen. Ewald folgte ihm bewundernd mit den Augen. Das Herz war ihm voll von Liebe und Mitleid. Wenn er nut 1 wie er seine Maske jetzt von sich werfen könnte! Mit jeder Stunde, die verlief, machte er es sich schwerer und schwerer, aus der falschen Rolle, die er angenommen, herauszutreten. fing an, mit Olga, auf die er glaubte einen günstigen Eindr gemacht zu haben, über gleichgültige, alltägliche Dinge zu spree und ließ sich von ihr über Amerika ausfragen. Sie war e verwundert über alles, was sie von ihm erfuhr, über seinen Patriotismus. Sie konnte gar nicht begreifen, sie, wie jemand für einen bloßen geographischen Begriff so e genommen sein könne. 3
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der Besitzung, eine gebückte, einsame Gestalt, in der er seinen
„Denn was ist dies Amerika nach allem weiter, als
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