zu den
Ouerhessischen Muchrichten.
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Gießen, den 2. Dezember.
Ein gefährliches Inkognito.
1 Novelle von Hjalmar Hjörth Boyesen. Deutsch von Arthur Noehl. .(Fortsetzung.)
5 Ewald Nordahl stand auf einem Plattstein in der Mitte der
Stromschnelle und ließ seine Angel in der Strömung tanzen,
Fuße folgte.
als er plötzlich durch das Tosen des Wassers hindurch eine mensch— liche Stimme zu hören vermeinte. Er sah sich um und erblickte ein hochgewachsenes, junges Mädchen vor sich, das die Elsen— büsche für einen alten Herrn auseinander hielt, der ihr auf dem 0 Sie trug ein eng anschließendes, blaues, einfaches Kleid und hatte auf dem Kopf einen weißen, breitränderigen Strohhut. Das Gesicht, das unter ihm hervorlugte, war jung und zart, gleichwohl sprach Charakter daraus. Die obere Partie
desselben war phantastisch, die untere praktisch. Die kühn ge⸗
schwungenen, über dem Auge ziemlich vollen Brauen liehen ihr einen Ausdruck von Edelsinn und Muth; ihre großen, dunkel—⸗
braunen Augen sprachen von Leidenschafr und Enthusiasmus,
doch die feine, leichtgebogene diplomatische Nase, ihr fein⸗
geschnittener Mund und ihr vornehmes Kinn schienen mit alledem
wenig im Einklang. Wenn man sie zum ersten Male sah, drängte fich einem unwillkürlich das Wort auf die Lippen:„Welch ein reizendes, natürliches Mädchen!“ Bei der zweiten Begegnung fügte man dann aber wohl hinzu:„Ein kritisches Mädchen, das bei all ihrer bezaubernden Natürlichkeit doch ihren Nächsten mustert und studirt.“
Der alte Herr, der hinter dem Mädchen herkam, hätte sicher sechs Fuß messen müssen, hätte er sich ebenso grad wie seine Begleiterin getragen. Indeß er ging gebückt. Sein großer, zrauer Kopf mit den blauen, stechenden Augen und den buschigen 1 5 darüber sprach von Schmerz und von Trotz und— ge⸗ vesener Größe. Er ging ohne Stock, obwohl er gut hätte einen nauchen können; allein er betrachtete einen Stock für eine Art Krücke, die sich ein Seemann so leicht nicht zu tragen herbeiließ. Zonst hatte er ein grobes, blaues Jaquet von enormer Schulter- reite und weite, blaue Beinkleider an. Auf dem Kopf trug r einen weichen, billigen Filzhut. i Das Mädchen drehte sich, wie es die Zweige auseinander ielt, halb nach ihm um und reichte ihm ihre Hand; er aber Ehnte sie ungeduldig ab. Die Sonne, die auf die glänzenden lätter über ihnen schien, warf zitterige Lichtstreifen über ihre Gesichter. Auf dem feuchten Boden wuchs das Farrenkraut aus len welken Blättern vom vergangenen Jahr heraus und wand ine rostig⸗grünen Filigranbüschel um des alten Mannes Knie. Und rings herum füllte das Geräusch zischenden, brausenden Dassers die Luft. Ewald Nordahl stand wie versteinert da. Es war ihm, als wären ihm beide Beine eingeschlafen. Er var nahe daran, zu taumeln und der Länge nach zu Boden Zu sürzen. Die Hände waren ihm steif, und ein plötzliches Gefühl
überkam ihn, als ob er das alles, was um ihn vorging, nur träumte. Sein Vater war der Mann, der vor ihm stand! Sein Vater— der Mann mit dem grauen, ehrwürdigen Haupte, der ihn mit gar zornfunkelnden Augen anblickte, ihn, den einzigen Sohn, der allem zum Trotz, was geschehen, mit seiner alten Bewunderung an dem Vater hing. Nur gut, daß die Strom— schnelle zwischen ihnen lag, er hätte sich sonst vielleicht gleich auf der Stelle verrathen. f
„Mein Vater, mein Vater!“ murmelte er, den Thränen nahe. Gerührt hielt er den Greis im Auge, den Kummer und der Jahre Last gebeugt, aber nicht gebrochen hatten. Wie Jakob in uralten Zeiten, hatte er mit dem Herrn gerungen; und wenn auch mitgenommen von dem Kampfe, stand er doch noch auf seinen Beinen. f
Er verlor keinen Blick von dem alten Mann, der nervös dicht an den Flußrand herabkam, sich schwerfällig hochreckte und ihm mit der Hand gebieterisch über das Wasser zuwinkte. Dann drang eine Stimme, wie eine Löwenstimme mächtig, über das Tosen des Wassers hinweg an sein Ohr:„Ich verbiete Ihnen, im Namen des Gesetzes, in diesem Fluß zu fischen.“
Er sprach englisch und Ewald rief, sich rasch fassend in der— selben Sprache zurück:„Ich habe die Fischerei von Syvert Gimse gepachtet.“
„Der aber gar kein Recht hat, sie zu verpachten; denn sie ist mein.“
„Dann halten Sie sich an ihn. Ich bleibe hier und werde
hier so lange fischen, bis das Gesetz zwischen Ihnen beiden ent—
schieden.“
Der Kapitän knurrte in ohnmächtiger Wuth und warf einen ingrimmigen Blick über das Wasser hinüber.
„So sollen Sie von mir, noch ehe Sie es denken, zu hören bekommen,“ rief er.„Die Polizei soll Ihnen sagen, was Sie thun und was Sie nicht thun dürfen.“
Statt jeder Antwort ließ Ewald ruhig seine Angel in das Wasser fallen, und kaum hatte diese das Wasser berührt, als ein herrlicher Lachs durch die Strömung dahergeschossen kam, der eine Weile des jungen Mannes ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Als er endlich nach einem ziemlich hartnäckigen Strauß mit dem Fisch seine Beute in seinen Korb warf und nach dem Elsengebüsch hinüberblickte, waren sein Vater und Fräulein Olga verschwunden. g
So weit war ihm das Schicksal günstig gewesen. Der Kampf um den Fluß hatte ihm die erwünschte Gelegenheit verschafft, persönliche Bekanntschaft mit seinen Nachbarn zu machen und überhob ihn einer Menge für dieses Ziel geplanter Manöver.
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