Ausgabe 
2.9.1888
 
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283 W.

Abh.

lichen Herzen wohl begehrenswerth erscheinen mag.

Dieser war ihr lieb und vertraut, wie ihr bisheriges sorglos

heiteres Leben; jener verkörperte ihr eine Zukunft voll Pracht und

rauschender Lust; mit seinem Namen verknüpfte sich ihr eine Vor⸗

stellung von herrlichen Toiletten, Brillanten und seidenen Wagen

kissen, von Bällen, glänzenden Gesellschaften und fröhlichen Fahrten, kurz von Allem, was einem in der Liebe noch ungeprüften, weib War es dem unerfahrenen Mädchen zu verargen, daß des Vaters wohlgezielte Bemerkungen allmählich Wurzel bei ihr geschlagen und sie sich immer häufiger in phantastische Träume versenkte von einem Märchenprinzen, der sie auf goldenem Wagen heimholen würde in sein buntes Feenreich? Das Antlitz dieses Märchenprinzen trug aber allemal die Züge Gisbert Volkmars.

Sonderbarer Weise gedachte sie dieser Träume nie, wenn, was ziemlich häufig geschah, Heinrich Ortenbach zu einem Plauder stündchen vorsprach. Dann fühlte sie sich immer so heiter und so sroh gestimmt, daß sie gar an nichts Anderes dachte als an die Lust des Augenblicks. Auch heute hatte sie sich mit dem ehe maligen Spielgefährten weidlich herumgeneckt; er hatte ihr die schönsten, goldgelben Birnen aus seinem Garten gebracht, und sie ihm zum Danke ein neues, gesticktes Halsband für den zottigen Pluto verheißen, da das letzte zum größten Theil in Büschen und Hecken hängen geblieben war. Er hatte sie eingeladen, doch zum nächsten Sonntage einmal mit ihrem Vater hinüber zu kommen und sich das neue Gartenhäuschen anzusehen, das er habe bauen lassen, und das er ihr zu EhrenKäthe's Ruh taufen werde, falls sie dort die Einweihungsbowle kredenzen wolle; und sie hatte sich das wohl gefallen lassen, und für sich speziell nur die guten Mandel plätzchen zur Bowle ausbedungen, welche Heinrich's altes Haus faktotum, die Frau Martin, so vorzüglich zu backen verstand. Da war plötzlich ein Schatten über ihr lachendes Gesicht geflogen, als ihr Vater unter die Thüre trat, um dem fröhlichen Geplauder ein schnelles Ende zu bereiten. Mit verlegenem Abschiedsgruße war sie in's Haus geschlüpft und der Weisung ihres Vaters folgend, vorerst in ihr Stübchen getreten, um ihr bei dem Spiele mit dem Hunde zerzaustes Haar wieder zu ordnen. Sie mußte es damit aber doch nicht so eilig gehabt haben, denn als nach Verlauf von einer halben Stunde des Vaters Stimme laut ihren Namen rief, stand sie noch immer an derselben Stelle am Fenster ihres Kämmerchens und blickte nachdenklich in den sinkenden Abend hinaus. Wem diese Gedanken wohl gelten mochten? Dem ide alen Märchenprinzen im Zauberschlosse und im vergoldeten Wagen, oder dem schlichten Landwirthe im traulichen Stübchen mit dem gediegenen Großväterhausrath?(Fortsetzung folgt.)

In der Heimath.

Novelle von Hermann Birkenfeld. (Schluß.)

Wolf Lützel war zurückgetreten und preßte die Stirn an die

kalten Scheiben des Fensters. Nun verstand er Mariens Worte

von vorhin und hätte Steinwald zermalmen mögen wie die zierliche Sevres-Schäferin, die er mechanisch von einem Nipptischchen ge nommen und unbewußt in Stückchen gebrochen hatte. Und dennoch empfand er eine schrille Freude er sah freien Raum vor sich kein Hinderniß mehr zwischen sich und Marie! Wieder ging er auf seinen Freund zu und fragte halblaut:

Bleiben wir noch, Karl?

Pförtner stand mit verschränkten Armen mitten im Zimmer und starrte finster auf Sophie Bretters, als sei sie verantwortlich für das Unheil, von dem ihr Mund berichtet hatte.

Ich muß ihm erst gegenüberstehen, Auge in Auge.

Ein frommer Wunsch, den ich mich glücklich schätze, a tempo erfüllen zu können.

Steinwald! Mit eiserner Ruhe in den harten Zügen, wenn auch der Lichtschein des Flurfensters auf ein bleiches Gesicht fiel. Pförtner's Arme lösten sich langsam aus ihrer Verschlingung, er machte eine Bewegung, wie um vorzutreten, aber er blieb fest⸗ gebannt auf seinem Platze. ö

Ein süperbes Komplott! Gelassen setzte sich Steinwald auf die Sophalehne und drehte an den Enden seines Schnurrbarts. Alle Verschwörer hübsch zusammen, da erscheint in ihrer Mitte

wie aus dem Boden gestampft der Gegenstand ihrer Rache. Können's auch umkehren: Die Tugend sitzt zu Tisch über der Verderbtheit, verkörpert in der Person eines Don Juan⸗artigen Individuums, und plötzlich tritt dieses keck unter sie und spricht: Herrschaften, ich habe die ganze Kriminaluntersuchung mit an gehört und bin nur noch nicht so ganz entschlossen, mich hoch dero Jurisdiktion zu unterwerfen. Diabolus ex machina! Theater- coup, was? Genau wie auf der Bühne, Akt V, dritter Auftritt oder so, nur daß das weibliche Personal etwas würdiger ver treten sein könnte. Steinwald warf einen spöttischen Seiten blick auf sein Dienstmädchen.Also Auge in Auge! sagte er dann, zu dem Apotheker gewandt.

Dieser gab Sophie einen Wink, sich zu entfernen. Er hatte Zeit genug gehabt, sich zu fassen und zu mäßigen. Mit mehr Ruhe als zuvor wiederholte er deshalb:Jawohl, Auge in Auge. Und da Du behauptest, so ziemlich Alles, was hier gesprochen wurde, belauscht zu haben, so überhebst Du uns der Mühe, Dir Worte zu wiederholen, welche einem anständigen Menschen nicht leicht werden.

Steinwald nickte.

Sehr schön gesagt! Bis auf den Ton, der mir nicht ganz gefällt, wenn ich bedenke, daß ein Fremder ihn in meinem eigenen Hause mir gegenüber anschlägt. Seht, ich könnte ja fragen, mit welchem Rechte Ihr sans façon hier eindringt und Euch in meine Interna mischt, ich könnte Euch ersuchen, das Haus zu verlassen und, wenn Ihr nicht Folge leistet, der würdigen Dienstmagd hier befehlen, ein paar Knechte aus den Betten zu treiben, welche Euch gut ländlich zur Thür hinauswürfen. Aber ich bin nicht empfindlich. Warum auch nicht in Ruhe mit einander verhandeln! Der langen Rede kurzer Sinn ist doch wohl der, daß mein lieber Wolf Lützel bereit ist, die Kousine meiner Gemahlin aus ihrer hiesigen Bedrängniß zu erlösen und ihre hunderttautend Thaler großmüthig mit in den Kauf zu nehmen, und daß Du, bester Freund und Apotheker, Dich als Beschützer meiner Gattin, der gekränkten Unschuld, aufwirfst. Gut gerathen, wie?

Und daß ich Dich tödten werde, wie man giftiges Gewürm vernichtet, wenn Du Dich weigerst, Dich mit mir zu schießen, vollendete Pförtner kalt.

Hm, eigentlich habe ich Lützel gegenüber schon bemerkt, warum ich ein Duell für eine kolossale Dummheit halte. Nun kommt gar Jemand, der mit der Pistole meine Frau gegen mich ver theidigen will. Und ich erhebe nicht einmal mehr Anspruch auf ihren Besitz!

Du würdest ihn auch verwirkt haben.

Steinwald lachte, aber sein Lachen hatte etwas Gekünsteltes.

Scheinst ja Deinen vorjährigen Besuch hier gründlich aus genutzt zu haben, schier besser als ich ahnte, da Du so offen als Anwalt auftrittst Wunderbar! Ich hatte eigentlich ganz andere Pläne, glaubte, die alte Liebe unseres idealistischen Lützel werde nicht im Handumdrehen einer neuen Platz machen und hätte mich ihm gegenüber ganz willig gefunden. Da kommst Du als cavaliere servente, mich zu zwingen

Ich. Ich würde Dich verfolgen auf Schritt und Tritt und ein wehrloses Wesen gegen Dich sichern, so lange ich es in Deinen Krallen weiß. N

Schmeichelhaft! Aber langweilig für beide Theile. Und schon deshalb bin ich durchaus willens, dies wehrlose Wesen ab zugeben, meinethalben an den Meistbietenden. Bitte, keine unparlamentarischen Ausdrücke! Der Preis der Theuren ist einfach der: Ihr laßt mich ungeschoren.

Lützel hatte sich voll Verachtung abgewandt, in seinem Freunde aber kämpfte noch immer der Grimm gegen den Elenden. Er ballte die Faust f

Bestehst Du noch auf Deiner Forderung? fragte Steinwald. Ja? Gut denn, aber machen wir so wenig Umstände wie möglich. Ein Unparteiischer als solchen will ich Lützel an⸗ erkennen wird genügen, die Sekundanten sind meist doch nur zum Staat da. Zeit: Meinethalben morgen früh gegen halb acht; Ort nun, wir können's ja hinten auf der Bleiche ab⸗ machen, da stört uns Niemand. Waffen: Natürlich Pistolen. Du hast wohl welche bei Dir? Wenn nicht, so kann ich mit gutem Gewissen ein Paar empfehlen, die im Jagdzimmer in ihrem Kasten liegen. Einverstanden?