Ausgabe 
2.9.1888
 
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284.

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Pförtner schwieg. Dann fragte er nach einer Weile:

Du willst lieber das Duell vermeiden?

Ich halte es für eine Narrheit.

So will ich darauf verzichten.

Natürlich hast Du eine Bedingung. Meine Frau? Ich sagte eben schon

Mensch! Der ganze kräftige Körper des Apothekers bebte, sodaß Steinwald doch ein wenig unsicher auf seinem Platz rückte. Du wirst noch in dieser Stunde das Haus verlassen und nicht zurückkehren so lange Deine Gattin noch hier weilt. Das Letztere sprach er zögernd, es schien, als versage ihm die Stimme.

Steinwald überlegte.

Es ist jetzt elf Uhr, Bester. Und zur nächtlichen Stunde aus dem Hause seiner Väter verbannt zu werden, gehört nicht eben zu den Alltäglichkeiten.

Einen Menschen, dem ich Alles zutraue, mache ich gern un schädlich. Er zog die Uhr aus der Tasche, als Steinwald schwieg. Zehn Minuten nach elf. Du hast fünfzig Minuten Zeit.

Langsam gab der Gutsherr seinen Sitz auf.

Euch zwei soll ich wahrscheinlich als Hüter meines Anwesens zurücklassen und traue Euch nicht einmal besondere ökonomische Befähigung zu. Doch am Ende hier bin ich's ohnehin leid geworden. Laß sehen zwei Uhr fährt ein Nachtzug nach Hannover, wäre gegen sieben da Topp, meinethalben! Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften! wenn mir auch der Abschied nicht sauer wird.

Bis übermorgen wirst Du mir eine Adresse angeben, wo Dich Nachrichten von hier treffen können. Still, kein Ver sprechen! Aber thust Du es nicht

Auge in Auge! Die lässig schlanke, elegante Gestalt Steinwald's schien sich doch einen Augenblick zu beugen. Dann aber richtete er sich wieder hoch auf und stampfte ingrimmig mit dem Fuße. So verließ er, ein spöttisches Lächeln um die Lippen, das Gemach.

Fräulein Marie, ich bedarf für Vieles Ihrer Verzeihung.

Ihre großen Augen sahen stumm zu ihm empor eine ganze Zeitlang, bis sie sich langsam mit Thränen füllten und es leise um ihre Mundwinkel zuckte.

Sie mir? Ich weiß nicht Sie können keinen Spott mit mir treiben wollen, die Zeit wäre schlecht dazu gewählt. Bitte, quälen Sie mich nicht! bat sie leise, indem sie den Kopf senkte. Und als er sie nicht verstand:Gestern bat ich Sie um Nachsicht, und noch haben Sie mir nicht gesagt, ob Sie mir vergeben wollen, daß ich einen Augenblick jenem Hedwig's Mann halben Glauben schenkte. Es hat mich gedrückt, noch ehe das Unglück kam und es mir wie Schuppen von den Augen siel.

Sie mußten mein Benehmen gegen Sie mißdeuten.

Nun sah sie ihn wieder verwundert an.

Sie sind mir seit Wochen fremder begegnet als in der ersten Zeit Ihres Aufenthaltes bei uns. Aber ich hatte kein Recht, ein Anderes von Ihnen zu erwarten

Heiß stieg es ihm zu Kopf.

Kein Recht! Sie ahnten den Grund nicht

Er sagte ihr Alles.

Und nun bin ich nun berechtigt, Sie um Vergebung zu bitten?

Sie beugte sich tief auf ihren Schooß hinab, vor ihm das flammende Roth zu verbergen, in welches ihre lieben Züge ge taucht schienen und ihr junger Busen hob und senkte sich in immer heftigeren Athemzügen. Plötzlich sprang sie auf, sie wußte selbst nicht, wie so schnell es kam er hielt sie in seinen Armen!

Auf der Ebenholzplatte des Piauinos lag neben anderen Musikalien auch die Sammlung Mendelssohn'scher Lieder. Nach dem sie den ersten Sturm, das Neue, Plötzliche ihrer Liebe über⸗ wunden hatte, wies sie unter Thräuen lächelnd auf den rothen Band.

Ich glaube, ich sang an jenem Abend das Lied für Dich und ahnte nicht, daß er währenddem in's Zimmer getreten war, um mir nachher sie schauderte und schmiegte sich unbewußt, eine Schutzbedürftige, dichter an ihn.Und doch erst einige Tage später durchschaute ich ihn vollends draußen Du

weißt, am Newelskampe Die arme Hedwig! Er hätte sie verlassen, weil mein Geld das ihre überbot. Ich weiß nicht, wie schnell ich nach jener Szene heimgekommen bin.

Minutenlang, während er innig ihre Hand drückte, sie Beide.

Und nun spielen wir Komödie, sprach sie dann heiter und richtete sich auf.Vergebung auf beiden Seiten wie zwischen den Helden im Schlußkapitel eines Romans..

Und das soll diese Stunde uns bleiben, ja? Und das Leben ein ncues Leben wird für uns beginnen, und Du wirst mir folgen als mein Theuerstes mein Weib? sagte er leise.

Sanft hatte sie sich aus seinen Armen losgemacht.

Ich folge Dir aber Du verlangst es nicht eher, als bis ich hier entbehrlich geworden bin.

Froh schaute Lützel auf seine Braut.

Das könnte binnen Kurzem der Fall sein. Steinwald wird bei der Scheidung nicht viel Schwierigkeiten machen, voraus⸗ gesetzt, daß es Hedwig auf ein paar Tausend weniger nicht an⸗ kommt, und dann Er sann einen Augenblick nach und der erst halb scherzhafte, dann verächtliche Ton seiner Rede machte einem ernsteren Platz:Allerdings ist Hedwig noch nicht ganz außer Gefahr

Aber nahe daran, sagte Doktor Zange, der unerwartet ein getreten war, sich gemüthlich die Hände reibend.Aber Potz Blitz Herr Verehrteste Er stand wie versteinert; denn Marie hatte nicht an sich halten können, die Exeignisse der letzten Tage hatten zu heftig auf sie eingewirkt, bei den wenigen Worten des Arztes hatte es sie eine Sekunde freudig durchzuckt, dann bebte ihr ganzer Leib, instinktiv floh sie wieder zu Wolf, an dessen Brust sie schluchzend ihr Köpfchen barg. Der Doktor hatte seine Brille abgenommen und rieb bedächtig an ihren Gläsern. Dies ist allerdings so gewissermaßen im Schlachtendonner haha! Na, meine herzlichsten Glückwünsche! Donnerwetter, wird sich meine Frau freuen! Stoff zu fünfundzwanzig Damen⸗ kaffees, hahaha!

Acht Tage später leitete der Anwalt in Kirchberg für Hedwig den Scheidungsprozeß ein; der Besorgniß der Freunde entgegen hatte Steinwald doch gleich von Hannover aus, wie man von ihm verlangt, seine Adresse eingesandt. Auf seinem Gute theilte sich Pförtner unter Heranziehung eines Sachkundigen mit Wolf Lützel, so lange dessen Aufenthalt währte, in die Verwaltungs⸗ geschäfte; für die Apotheke hatte er allerdings einen erfahrenen Provisor gewinnen müssen; denn Alexander Schruller befand sich die ersten Wochen nach der Südhorner Katastrophe in ähnlicher chronischer Aufregung wie sein Herr. Letzterer hatte ihm zwar die Verwechslung der Mixturen gern verziehen, aber ihn doch darüber zur Rede gestellt. Da war er ganz verlegen ge worden, hatte erst mit der rechten, dann mit der linken Hand sein Haar ein bischen durchwühlt und schließlich gestottert, das sei am Tage vor dem Unglück in Südhorn gewesen, Sophie Bretters, welche die Rezepte brachte, habe geklagt, es gehe ihrer Herrin gar nicht gut, und da sei er von solchem Mitleiden er⸗ faßt worden, daß er für einen Augenblick seine Gedanken wohl mehr auf die Leidende als auf seine Hantirung gerichtet habe, und in solchem ZustandeSehen Sie, Herr Pförtner, ich kenne ja Frau Steinwald noch von der Zeit her, da ich ein elf⸗ jähriger Junge war, und immer

Dabei erröthete der Apotheker mit seinem Lehrling einmal um die Wette. f

Als aber an einem Spätsommerabend des folgenden Jahres Hedwig Steinwald als seine Gattin in sein Haus einzog, da glänzten helle Thränen in Alexanders ehrlichen Augen, und die Thür des Wohngemachs krönte über dem üblichenWillkommen ein kolossales Transparent, dessen Idee von zweifelhaftem Werthe, auf das er aber nicht wenig stolz war: Amor mit dem Schlangen⸗ stabe des Aeskulap an Stelle eines Pfeiles.

Am gleichen Tage hatte in der Südhorner Dorfkirche der alte Pfarrer noch zwei Paarezusammengegeben, wie der orts⸗ übliche Ausdruck lautete: Marie und Wolf, die gleich nach des Letzteren gesegnetem Wirkungskreise abreisten, und Sophie mit Töne. Dieser baut noch seine Kartoffeln auf dem Kotten seines Schwiegervaters recht vergnüglich; denn das Gut ist

schwiegen

verkauft, und der neue Besitzer hat nicht nur auf Wolf's Grund⸗

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