Ausgabe 
2.9.1888
 
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282.

Die Volkmar's durften mit gerechtem Stolze auf eine lange Reihe von Ahnherren zurückblicken, deren kaufmännische Fähigkeiten ebenso große Anerkennung gefunden, wie ihre Bürgertugenden und ihr streng sittenreines Leben ihnen allezeit die ungetheilte Hochachtung ihrer Mitbürger erworben hatten. Nunmehr aber stand die Zu kunft des Hauses Volkmar nur auf zwei Augen, welche obendrein weniger den scharfen Blick des die Vortheile des Lebens wahr⸗ nehmenden Kaufmannes, als den schwärmerischen Ausdruck eines unverbesserlichen Idealisten besaßen. Hätte Gisbert Volkmar seiner sreien Neigung folgen dürfen, würde er seine Zeit nur der Aus übung der schönen Künste, vornehmlich der Musik gewidmet haben. Handel und Gelderwerb waren Dinge, an welche er nur mit leisem Schauer zu denken wagte. Nichtsdestoweniger hatte er in richtiger Erkenntniß seiner Pflichten als dereinstiger Chef des alten Hauses und als zärtlicher Sohn seiner auf den Glanz dieses Hauses stolzen Mutter niemals nur den leisesten Versuch ge macht, sich der ihm von den Vätern überkommenen Aufgabe zu entziehen; er hatte sich vielmehr bis dahin allen Anforderungen der Mutter bereitwillig gefügt, denen zufolge er sich nach Ver lauf seiner Studienzeit noch ein paar Jahre in der Welt umsehen sollte, um dann als fertiger Mann an die Spitze der alten Firma zu treten. Nun standen die Universitätsferien vor der Thüre, und mit ihnen der Abschluß von Gisbert's Lehr- und der Anfang seiner Wanderjahre.

Freute sich der junge Mann wohl des ungebundenen Lebens, das ihn jetzt erwartete, des Fluges in die Freiheit, um den ihn so viele seiner vom Schicksale weniger begünstigten Studien genossen beneiden mochten? Der wehmüthige Ausdruck seiner Züge drückte eher alles andere aus, denn Freude, wie er an diesem schönen Herbsttage, inmitten eines Schwarmes fröhlicher Gesellen, die von der Spätnachmittagssonne beschienene Fahr straße hinabschritt, welche unweit vom Lindenhause vorüberführte. Jetzt zweigte ein schmalerer Weg sich ab, und das Auge des jungen Mannes spähte forschend nach dem Hause hinüber. Doch, so anmuthig und harmonisch das Bild auch sein mochte, das sich dort den Blicken der Näherkommenden bot, Gisbert Volkmar's Antlitz verdüsterte sich nur bei dem Anblicke, der ihm zu Theil wurde.

Auf einer der unter der Linde angebrachten Bänke saß nur ein einzelner Gast, ein hochgewachsener, breitschulteriger, junger Mann, dessen gebräunte Wangen die Spuren manches heißen Sommertages trugen, und dessen ganze Erscheinung den wohl habenden Landwirth verrieth. Ihm gegenüber jedoch, an den Stamm des Baumes gelehnt, stand ein junges Mädchen, das neckend mit einem großen, langhaarigen Hunde spielte, der den zottigen Kopf liebkosend an des Mädchens Knie drückte. Die Unterhaltung der beiden jungen Leute schien ebenso lebhaft wie heiterer Natur zu sein, denn das Eifersucht geschärfte Ohr des jungen Kaufherrn vernahm deutlich das aus fröhlichem Geplauder hervorklingende, silberhelle Lachen des Mädchens; in diesem Augen blicke aber erschien auch die untersetzte Gestalt Meister Steffens in der offnen Hausthüre, und mit einem schnellen Blicke nach der Landstraße hin trat er auf die Beiden unter der Linde zu.

Schönen guten Abend, Herr Heinrich, schon so früh Feier abend gemacht? fragte er höflich, doch nicht ohne eine gewisse Verlegenheit.Mich dünkte, die Herren Landwirthe stäken noch bis über die Ohren in der Ernte! Aber freilich, der Herr Nachbar können sich's ja leicht machen, thun Recht daran. Und sich zu seiner Tochter wendend, als ob er diese erst jetzt gewahre: Ach, da bist Du ja, Käthe! Die alte Hanna hat vorhin nach Dir gefragt, und überdem es könnten wohl etliche Pfirsiche gebraucht werden die ersten im Freien gereiften, Herr Heinrich, sind gestern erst angekommen und noch sündhaft theuer! Aber Sie wissen, den reichen, jungen Herren, welche mein Haus be ehren, kommt es darauf nicht an ganz charmante junge Herren, wahrhaftig, und so vornehm und gebildet. He, so gehe doch vorher einmal in Deine Stube, Käthe, Deine Locken sind ja ganz zerzaust, rief er der sich eilig Entfernenden noch nach, indem er den herankommenden jungen Herren mit verbindlichem Gruße entgegen ging.

Auch Herr Heinrich, wie der Wirth ihn angeredet, erhob sich nun; ein Schatten war über sein ehrliches, nicht unschönes Ge sicht geflogen, aus dem die hellbraunen Augen so offen und treu

herzig in die Welt hineinblickten. Die Ankunft dercharmanten, vornehmen, jungen Herren schien ihm jedenfalls weit weniger Freude zu bereiten, als dem behäbigen Meister Steffens, der eben seine Gäste zu den Tischen hin bekomplimentirte.

Mit kurzem Gruß schritt der stämmige Gutsbesitzer an den schlanken, eleganten Jünglingsgestalten vorüber, nur dem Wirthe in gewohnter, freundschaftlicher Weiseguten Abend wünschend, worauf dieser indeß ein wenig zerstreut antwortete. Hatte doch Meister Steffens jetzt Wichtigeres zu thun, als sich um den jungen Landwirth zu bekümmern, dessen Vater ihm zwar in früheren Jahren manchen Freundschaftsdienst erwiesen, und dessen un⸗ verkennbare Liebe zu dem schönen Töchterlein er bis vor Kurzem auch gar nicht ungern gesehen, da Heinrich Ortenbach, ohne gerade ein reicher Mann zu sein, doch in gesichertem Wohlstande auf dem von seinem Vater ererbten Gute saß, und als Freier für die Tochter des Lindenwirthes gewiß für eine sehr annehm⸗ bare Partie gelten durfte.

Aber Umstände verändern die Sache; was vor einem Jahre dem Wirthe noch ein rechtes Glück gedünkt, erschien ihm nun nicht werth, die Hand darnach auszustrecken. Meister Steffens wollte höher hinaus mit seiner Tochter. Und weshalb auch nicht? War Käthe doch ein sehr schönes, und den Begriffen ihres Vaters nach auch sehr gebildetes, vornehm erzogenes Mädchen. Hatte sie nicht, nachdem sie aus der Elementarschule entlassen, noch zwei ganze Jahre hindurch in einem feinen Pensionate ihre Kennt⸗ nisse bereichern dürfen? Hatte er ihr nicht Gesang- und Klavier⸗ unterricht ertheilen, sie in feinen Handarbeiten unterweisen und sogar ein Jahr hindurch ihr Malstunden geben lassen? Dafür hatte Käthe ihn zu seinem letzten Geburtstage auch mit einem schönen Aquarellbilde, einem Blumenstücke überrascht, und wenn Meister Steffens dabei die Kamelien für Rosen und einen Flieder⸗ zweig für Hortensienblüthe angesehen hatte, so war dies vielleicht ebenso sehr die Schuld seiner geringen Kenntnisse in der Botanik als von Käthchens fehlerhafter Darstellung. Das eine Gute hatte aber jene Verwechselung zur Folge gehabt, daß Käthe seither die Vorsicht gebrauchte, unter die Erzeugnisse ihres künstlerischen Schaffens jedesmal zu schreiben, was dieselben vorstellen sollten, wodurch denn fernern Mißverständnissen glücklich vorgebeugt wurde.

So viel stand fest, ein Mädchen wie seine Käthe durfte höhere Ansprüche an das Leben erheben, als der bäuerliche Gutsbesitzer ihr zu gewähren vermochte, und wenn Vater Steffens, der einst als Kegeljunge seine Karriere begonnen, sich auch im allgemeinen nicht viel mit phantastischen Träumereien abzugeben pflegte, so hatte er sich doch schon jetzt ein fertiges Bild von der Zukunft seiner Tochter entworfen, das einer fruchtbareren Einbildungskraft Ehre gemacht hätte.

Es war dem mit einer guten Dosis berechnender Schlauheit begabten Manne nicht entgangen, daß die Blicke des jungen Patriziersohnes wie gebannt an der schönen Erscheinung des aufblühenden Mädchens gehangen, schon gleich, wie er zum ersten Male mit einem Schwarm fröhlicher Studiengenossen unter das Dach des Lindenhauses getreten. Seit jenem Tage war er wieder gekommen, oft und immer öfter, allein und mit seinen Kommilitonen; immer hatte er Käthe's Nähe aufgesucht, hatte sie in das Gespräch gezogen und mit leuchtenden Augen dem naiv übermüthigen Ge⸗ plauder des Mädchens gelauscht. Und in der letzten Zeit hatte das Wesen des jungen Mannes den Stempel einer immer wachsen⸗ den inneren Unruhe getragen. Verwirrt und ängstlich schlug Käthchen die Augen nieder, wenn sie dem auf sie gerichteten heißen, leidenschaftlichen Blicke begegnete. Was war es denn doch nur, daß ihr dabei immer so beklommen zu Muthe wurde, wo sie doch die Huldigungen und galanten Redensarten der übrigen Studenten mit kindlich übermüthigem Lachen aufzunehmen pflegte! Auch in Heinrich Ortenbach's Augen begegnete sie häufig einem änhnlichen Blicke doch nein das war doch ganz etwas Anderes!

Heinrich! Jedesmal veredelte ein sinniges Lächeln des Mädchens liebreizende Züge, wenn es des langjährigen, treuen Freundes ge⸗ dachte. Zu ihm vermochte sie immer von Allem zu sprechen, was ihr die noch kindliche Seele erfüllte, vor seinem offenen, ehr⸗ lichen Blicke hätte sie gewiß nicht die muntern Augen nieder- geschlagen aber der vornehme, feine junge Herr, dessen schwär⸗ merische Huldigung ihrer Eitelkeit schmeichelte, war doch auch so ganz anders, als der derb biedere Freund ihrer Kinderjahre. 0 N