zu den
Obherhessischen Unchrichten.
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g Gießen, den 2. September.
Sanft wie die Tauben. Erzählung von Lenore Werth. J. gebrachten Huldigungen unbefangen hin als einen pflichtschuldigen Der Nachmittag eines schönen Spätsommertages ging zur Tribut; ihr Wesen aber war bei alledem stets natürlich und wahr Neige, und die scheidende Sonne tauchte die Bergspitzen noch geblieben; sie war ein lebensfrohes, offenherziges, kindliches einmal in helles, goldenes Licht, bevor sie den grauen Dämme⸗ Mädchen, dem auch keine Spur von berechnender Koketterie an—
rungsschatten Platz machte. Etwas abseits vom Wege und haftete und das in seinen Gedanken gewiß nie über den kleinen
schienbar eingeklemmt zwischen den hier beinah senkrecht abfallenden[Kreis hinausverlangt hätte, in den Geburt und Lebensstellung Bergwänden, lag ein schmuckes, einstöckiges Haus, das mit seinem es verwiesen. hellen Anstrich und den frischen, weißen Vorhängen hinter den Anders der für sein Kind, für sein Kleinod ehrgeizige Vater!
blanken Scheiben einen überaus freundlichen Eindruck machte. Nicht ohne Absicht hatte er darnach gestrebt, mit Hülfe seiner Ein glänzend lackirtes Schild über der grün gestrichenen Thüre vorzüglichen Weine sein Haus zum Wallfahrtsort sowohl für die
kennzeichnete das Haus als eine Gastwirthschaft, und die mächtige[akademische Jugend, wie für die Offiziere des Kavallerie-Re—
Linde, welche sich vor den Fenstern erhob, und eine Anzahl sauber[gimentes zu machen, dessen Garnisonsstadt nur ein paar Meilen angestrichener Tische und Bänke beschattete, hatte demselben den[vom Lindenhause entfernt lag, und der sonst wohl etwas hoch— Namen gegeben. müthige Mann sah es nicht ungern, wenn sein im übrigen der
„Das Lindenhaus“, dessen behäbiger Wirth sich eines stetig[Schenkstube fern gehaltenes Töchterlein sich solch vornehmen wachsenden Wohlstandes erfreute, genoß des besten Rufes in der[Gästen gegenüber selbst um die Bedienung kümmerte, hier den
ganzen Umgegend, besonders aber waren es die Studenten der goldig funkelnden Wein in den bräunlichen Römern kredenzte,
nahen Universitätsstadt, welche hier einzukehren liebten, und welche dort den Waldmeister oder die aromatisch duftenden Erdbeeren
den einfach aber schmackhaft zubereiteten Speisen ebenso gerne[zur Bowle herbeibrachte. zuzusprechen pflegten, wie auch den Vorräthen in Meister Steffens Um die Zeit, da unsere, dem Leben entnommene, schlichte berühmtem Felsenkeller. Doch wenn im Lindenhause der Braten Erzählung beginnt, pflegte Meister Steffens nun sein Kind
auch weniger saftig, der Wein weniger kühl und klar gewesen häufiger noch als sonst zu derartigen kleinen Dienstleistungen
wäre, so hätte dies bei einer großen Anzahl der hier mit Vor⸗Therbeizuziehen, und wer sich die Mühe gegeben hätte, Be—
liebe Einkehrenden der Anziehungskraft doch keinen Eintrag ge- obachtungen anzustellen, hätte bemerken müssen, daß dies regel—
than, da Meister Steffens' Haus neben den bereits gerühmten[mäßig der Fall war, so oft die buntstreifigen Cereviskäppchen Vorzügen noch einen besondern Magnet besaß in der Person von einer gewissen, im Geruche besonderer Exklusivität stehenden des Wirthes einzigem Töchterlein, einem in frischester Jugend- Burschenschaft im Herrenstübchen des Lindenhauses auftauchten. blüthe prangenden, siebenzehnjährigen Mädchen, das des Vaters[Es würde demselben dann auch jedenfalls aufgefallen sein, daß ganze Freude ausmachte, und auf dessen wirklich hervorragende[Schön-Käthchen doch nicht allen Gästen mit der gleichen freund— Schönheit dieser nicht wenig eitel war. lichen Unbefangenheit begegnete, und daß sie verwirrt die Augen Es war ein Glück für das schon früh der Mutter entbehrende niederschlug, so oft sie den heißen, bewundernden Blick eines Mädchen gewesen, daß sein innerster Kern so rein und klar aus schlanken, jungen Mannes auf sich gerichtet sah, dessen Erscheinung der Hand des Schöpfers hervorgegangen wie Bergkristall, und[und Sprache den Norddeutschen verriethen. Es war indeß keine daß des Vaters eitle Vergötterung und liebende Schwäche hieran jener markigen Gestalten, mit welchen unsere Phantasie ja vor— so wenig zu verderben vermocht, wie auch der übertriebene Weih-⸗zugsweise unsere Stammesgenossen aus dem nördlichen Deutsch⸗ rauch, der von den jüngeren Gästen ihrer aufblühenden Schön- land auszustatten pflegt; der blauäugige, im Anfange der Zwanziger heit gestreut worden, so lange sie sich zu erinnern vermochte. stehende junge Mann war nur von mittlerer Größe und sehr „Welch reizende Kleine, welch liebliche Mädchenknospe!“ hatte] schmächtig gebaut. Die Züge des feinen, blassen Gesichtes waren es schon immer geheißen, als die kleine Käthe noch mit dem von fast mädchenhafter Schönheit, doch lag um die noch bart— Bücherranzen auf dem Rücken aus der Schule heimwanderte, und losen, schmalen Lippen ein Ausdruck zähen Eigensinnes, der mit solche Bemerkungen waren auch nicht an ihrem Ohre vorüber⸗ dem schwärmerischen Blicke der Augen und dem ganzen, träume⸗ geklungen. Käthe war sich ihrer Schönheit wohl bewußt, aber rischen Wesen des jungen Mannes seltsam kontrastirte.
sie freute sich ihrer nicht anders wie sie sich auch der bunten Gisbert Volkmar war der Sprößling eines alten, hochange⸗
Bänder und der oft mehr massiv kostbaren, als geschmackvoll sehenen Patriziergeschlechtes, das seinen großen Reichthum aus⸗ ihrem Alter angepaßten Schmuckstücke freute, mit welchen der gedehnten Handelsgeschäften verdankte und dessen Name schon Vater sie freigebig zu beschenken pflegte. Sie nahm die ihr dar- seit ein paar Jahrhunderten mit Auszeichnung genannt wurde.
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