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nete Kupee los; Ludwig riß ungestüm die Thür auf und reichte in seiner Hast statt der Tante einer fremden alten Dame seinen Arm, welche entsetzt über den Anblick des unbekannten bärtigen Mannes laut aufkreischte und um Hilfe schrie, weil sie ihn für einen Taschendieb hielt oder gar ein Attentat auf ihre verblühte Schönheit befürchtete.
„Mein Gott!“ rief die Stadträthin.„Wie kannst Du nur so einfältig sein. Das ist ja nicht die Tante.“
„Woher soll ich es denn wissen? Ich habe sie seit wenigstens zehn Jahren nicht gesehen.“
„So beeile Dich nur! schon aus.“
Auf dem hohen Wagentritt schwankte ängstlich eine stattliche, gut konservirte Dame von ungefähr fünfzig Jahren, in einem hellgrauen Reisemantel, darunter einen eleganten, mit schwarzen Glasperlen überladenen Traueranzug tragend; das volle, stark geröthete Gesicht von einem breitrandigen, dunklen Strohhut beschattet, in der einen Hand eine schwere Ledertasche, in der andern einen kleinen, häßlichen Affenpintscher festhaltend.
Auf einen Wink der Mutter half Ludwig der so beladenen Tante beim Aussteigen, wobei der durch die lange Fahrt und die fremde Umgebung aufgeregte Hund ihn wüthend anbellte und nach seiner ausgestreckten Hand schnappte, so daß der er— schrockene Referendarius die für seine schwachen Schultern zu schwere Last fast fallen gelassen hätte, wenn sie nicht von den weit geöffneten Armen der Stadträthin und ihrer Töchter noch
Es ist die höchste Zeit; sie steigt
gegangen? Du sitzest doch nicht auf meiner Hutschachtel und
Reisekoffern und mehreren Schachteln eingeklemmt, neben dem Kutscher sich ebenso unbehaglich fühlte. 1
So lange die Fahrt durch die Straßen der Stadt dauerte, befand sich die Tante in einer fieberhaften Aufregung, voll Furcht, daß das eine oder andere Gepäckstück herunterrutschen, verloren gehen oder gestohlen werden könnte. Aus diesem Grunde steckte sie von Zeit zu Zeit ihren Kopf aus dem Fenster, um nach⸗ zusehen und den leichtsinnigen Neffen zu ermahnen, daß er ja nur gut aufpassen sollte. 5
„Hast Du auch nichts vergessen, Ludwig?“ fragte sie besorgt. „Ist der schwarze Koffer da? Sind die Schlösser nicht auf:
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stellst auch nicht Deine Füße darauf? Ich muß Dich schon bitten, recht vorsichtig zu sein und auf die Sachen Acht zu geben.““
„Beruhige Dich, liebe Tante!“ erwiderte der Schalk, nur mit Mühe ein spöttisches Lächeln unterdrückend.„Es ist Alles in der schönsten Verfassung und so sicher, wie in Abrahams Schooß.“
„Sage doch auch dem Kutscher,“ fuhr sie in demselben Ton fort,„daß er nicht so schnell fahren soll. Wie leicht kann der“ Wagen umwerfen, eine Tasche herunterfallen oder sonst ein Unglück geschehen, was mir sehr unangenehm wäre.“ 3
Zum Glück bestätigten sich nicht die Befürchtungen der ängst⸗ 1 lichen Dame; an dem Gepäck fehlte kein Stück und auch die 1 Hutschachtel war nicht zerdrückt. Die Zufriedenheit und gute Laune der„geliebten Tante“ wurde noch erhöht, als sie in das zur Feier ihrer Ankunft bekränzte Zimmer trat und die zu ihrem
förmlichen Empfang getroffenen Vorbereitungen bemerkte. 0 Sämmtliche Räume waren behaglich durchwärmt, hell er— leuchtet und mit Blumen geschmückt. Im Speisesaal stand eine mit feinen Porzellantellern und Krystallgläsern gedeckte Tafel, welche der für die Annehmlichkeiten einer guten Küche nicht unempfänglichen und verwöhnten Amtsräthin ein ebenso feines
Souper versprach.
rechtzeitig aufgefangen worden wäre.
„Willkommen, willkommen!“ schallte es von allen Seiten wie aus einem Munde.
„Theure Schwester!“
„Gute Tante!“
„Meine lieben, lieben Kinder!“
„Wie wohl Du aussiehst! Du hast Dich auch garnicht verändert.“
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„Und Du bist ordentlich jünger geworden.“
„Das macht die Freude, Dich nach so langer Trennung wieder bei uns zu sehen.“
„Ich fürchte nur, Euch beschwerlich zu fallen.“
„Wie kannst Du glauben! Wir sind so glücklich, wie ich es garnicht sagen kann, daß wir Dich haben und Du für immer bei uns bleiben willst.“
Diese lauten Versicherungen der zärtlichen Verwandten wur— den durch herzliche Küsse und wiederholte Umarmungen noch be— kräftigt, welche die eben angekommene Tante zu erdrücken drohten. Selbst der boshafte Affenpintscher wurde nicht vergessen, sondern geliebkost und gestreichelt, was aber auf den undankbaren Hund keinen besondern Eindruck zu machen schien, indem er noch immer leise knurrend seine spitzen Zähne wies und für alle Schmei— cheleien unempfänglich blieb. ö
Während der rührenden Familienscene stand eine halb städtisch, halb ländlich gekleidete Frau unbeachtet in der Nähe und be— obachtete die Betheiligten mit scharfen, mißtrauischen Blicken ihrer grünlichen Augen und mit einem kaum merklichen ver— bissenen Lächeln ihrer runzligen, zusammengekniffenen Lippen.
„Was will denn die alte Hexe dort?“ fragte Ludwig seine Mutter leise.„Das Weib sieht ja so aus, als ob sie uns Alle vergiften möchte.“
„Still!“ flüsterte die Stadträthin, welche jetzt erst die ver— dächtige Frau erblickte.„Nimm Dich in Acht! Das ist ja das Faktotum der Tante, die alte Dietrich.“
Zugleich reichte sie mit übertriebener Freundlichkeit der Alten ihre Hand, welche dieselbe mit einer Mischung von geheuchelter Unterwürfigkeit und natürlicher Verschmitztheit küßte. Auf den Wunsch der Mutter begrüßten auch der Referendar und die jungen Damen mit einigen freundlichen Worten die„liebe Dietrich“, welche dazu ein Gesicht wie der griesgrämige Affenpintscher machte.
Mittlerweile hatte Ludwig den Wagen bestellt und das
Gepäck besorgt, worauf die Tante wie eine Fürstin, von ihrem
ganzen Hofstaat begleitet, den Bahnhof verließ, um in die für sie bereit stehende elegante Equipage zu steigen, die aber für sechs Personen viel zu eng war, so daß die beiden Schwestern, zwischen denen Frau Dietrich ungenirt Platz nahm, höchst un⸗ bequem saßen, während der Referendar, zwischen zwei großen
„Es thut mir nur leid,“ sagte sie freundlich,„daß Ihr Euch meinetwegen so viele Umstände macht.“
„Die sind nicht der Rede werth,“ entgegnete die Stadträthin. „Du mußt schon vorlieb nehmen und Dich mit unserem guten“ Willen begnügen. Wir sind keine reichen Leute, und ein Schelm giebt mehr, als er hat.“ f
Nachdem die Tante ihren Reisemantel abgelegt und mit Hilfe ihrer Nichten die etwas in Unordnung gerathene Toilette und ihre falsche Frisur arrangirt hatte, setzte sie sich auf den Ehrenplatz am Tisch und ließ sich das wirklich vorzüglich be⸗ reitete Abendbrot und einige Gläser vom besten Wein so gut schmecken, daß sie in eine höchst gemüthliche, fast gerührte Stim- mung gerieth. 8
„Ihr glaubt garnicht, liebe Kinder,“ sagte sie bewegt,„wie wohl ich mich in Eurer Mitte fühle. Das Sprüchwort hat recht: Blut ist kein Wasser.“ f.
„Ja, ja!“ versetzte die Stadträthin, ihr beistimmend und mit dem Kopfe nickend.„Es geht doch nichts im Leben über die Familie. Unsere Verwandten sind unsere geborenen Freunde, die uns die Natur geschenkt hat. Darauf wollen wir anstoßen: es lebe die Familie, meine geliebte Schwester soll leben!“ 5
„Tante Bock,“ intonirte der Referendar,„lebe hoch und abermals hoch und zum dritten Mal hoch!“ g
Die ganze Familie erhob sich und stieß auf das Wohl der Tante an, daß die Gläser hell erklangen, und ließ sie immer von Neuem leben. b
„Ich kann es wirklich nicht begreifen,“ sagte die Amtsräthin, nachdem sie Alle nach der Reihe geküßt und ihnen gedankt hatte, „daß ich so lange ohne Euch leben und mich auf dem Lande fern von Euch langweilen konnte.“.
„Das war Deine Schuld,“ erwiderte die Stadträthin zärt⸗ lich.„Warum bist Du nicht schon früher zu uns gekommen?“
„Es war immer mein sehnlichster Wunsch, aber es ging nicht so leicht, wie Du denkst. Mein seliger Bock wollte von der Stadt nichts hören und wissen, wenn er auch sonst in Allem meinen Willen that. Nur in dem einen Punkt war er, Gott verzeih' mir die Sünde, eigensinnig wie ein störrisches Pferd.“ Nach seinem Tode hatte ich mit der Regulirung der Erbschaft und mit dem fatalen Prozeß so viel zu thun, daß ich nicht fort⸗ kommen konnte. Auch mußte ich schicklicher Weise das Trauer⸗


