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zu den
Oberhessischen Uuchrichten.
Ur. 27.
Gießen, den J. Juli.
Die Eröschaft der Tante. Novelle von Max Ning.
1
Auf dem Bahnhof-Perron einer bekannten großen Stadt stand eine Gesellschaft von mehreren, den besseren Ständen an⸗ gehörigen Personen, die verwittwete Stadträthin Sänger mit ihren beiden erwachsenen Töchtern Sophie und Else und ihrem Sohn Ludwig, Referendar am Landgericht.
Die frischen, prächtigen Rosensträuße in ihren Händen und die gespannten, aufgeregten Gesichter verriethen, daß die Familie mit dem nächsten Eisenbahnzug einen wichtigen oder ihnen sehr werthen Gast erwartete, welcher der Gegenstand ihrer sichtlichen Ungeduld und ihrer vertraulichen Unterhaltung war.
„Ich bin nur neugierig,“ sagte Sophie, die ältere der Schwestern, eine interessante, klug aussehende Blondine von ungesähr dreiundzwanzig Jahren,„wie sich die Tante bei uns gefallen wird?“
„Hoffentlich recht gut,“ erwiderte die Mutter lebhaft.„Natür⸗ lich müssen wir Alles aufbieten, was in unserer Macht steht, um ihr den Aufenthalt so angenehm und komfortabel als möglich zu machen.“
„Ganz gewiß! Ich will mir auch die größte Mühe geben, aber ich kann Dir nicht verschweigen, daß das Zusammenleben mit ihr auch seine Bedenken hat und unter Umständen für uns sehr störend werden kann!“
„Um des Himmels Willen,“ rief die Stadträthin, sich ängst— lich nach allen Seiten umsehend, als fürchtete sie, belauscht zu werden.„Wie kannst Du nur so unvorsichtig sein und so laut reden! Wenn Jemand Dich hörte! Ich halte es für ein großes Glück, für eine besondere Fügung des Himmels, daß die Tante sich endlich entschlossen hat, in die Stadt zu ziehen und bei uns zu leben.“
„Hat denn der Onkel Bock,“ fragte die jüngere Tochter ge— spannt,„wirklich ihr ein so großes Vermögen hinterlassen?“
„Wie sie mir in ihrem letzten Briefe mittheilte, sind es mehr als dreimalhunderttausend Thaler. Obgleich sie keine Kinder hat, ist sie seine Universalerbin und kann unumschränkt über Alles verfügen. Seine Geschwister haben deshalb das Testament an⸗ gefochten, aber den Prozeß verloren und müssen sich mit einigen unbedeutenden Legaten begnügen.“
Diese für die Familie Sänger höchst wichtigen und inter⸗ essanten Mittheilungen wurden jetzt durch das Eisenbahnsignal unterbrochen, das die baldige Ankunft des Zuges anzeigte. Die Stadträthin und ihre Angehörigen rüsteten sich zu dem beabsich⸗ tigten Empfang und eilten, sich so aufzustellen, daß die von ihnen. erwartete Tante ihren zum Theil mit Brillen und Lorgnetten bewaffneten Augen nicht so leicht entgehen konnte.
Wie ein umsichtiger Feldherr musterte die besorgte Mutter
ihre kleine Schaar; besonders gab sie ihrem etwas leichtsinnigen Sohn die nöthigen Anweisungen wegen der Bestellung eines
Wagens und der Besorgung des voraussichtlich sehr großen und
umfangreichen Gepäcks.
„Ich bitte Dich, Ludwig,“ mahnte sie diesen dringend,„sei nur ja recht aufmerksam und mache mir keine Deiner gewöhn— lichen Dummheiten, damit die Tante keinen Grund zu klagen findet. Der sel. Bock hat sie etwas verwöhnt und sie ist sehr eigen. Sie kann keine Vernachlässigung ertragen und würde Dir einen vergessenen Koffer oder eine gedrückte Hutschachtel nicht so leicht verzeihen.“
„Selber eine alte Schachtel,“ brummte er leise, indem er laut hinzufügte:„Du kannst ganz unbesorgt sein und Dich auf mich verlassen. Ich werde mich zum Kutscher setzen und das theure Gepäck mit Argusaugen bewachen.“
„Du wirst auch gut thun, Deine Zigarre ausgehen zu lassen. Die Tante ist gegen Tabaksgeruch sehr empfindlich und selbst der Onkel durfte in ihrer Gegenwart nicht rauchen.“
„Das scheint ja recht angenehm zu werden,“ entgegnete der lustige Referendar, indem er seine zum Glück bis auf einen klei⸗ nen Stummel ausgebrannte Zigarre zwar gehorsam, aber unmuthig fortwarf.„Hast Du sonst keine Schmerzen, liebe Mama?“
„Ich möchte Dich nur noch ersuchen, ein freundlicheres Gesicht zu machen. Du siehst so finster und verdrießlich aus, als ob Du Dich auf die Ankunft der Tante garnicht freutest, was sie Dir übel nehmen kann.“
„Ohl“ versetzte er, seinen Mund zu einem grinsenden Lächeln verzerrend.„Ich freue mich ganz unbändig und bin vergnügt wie ein lustiger Maikäfer. Ist es so recht, oder muß ich noch stärker lachen?“
„Thu' mir den einzigen Gefallen und verschone mich mit Deinen Späßen. Die Sache ist mir ernster und wichtiger, als Du Dir denkst. Vergiß nicht, daß unser Aller Glück, unsere Zukunft von dem Wohlwollen der Tante abhängt!“
In diesem Augenblick ertönte ein greller Pfiff und die Loko— motive rollte mit dem Zug brausend und zischend in die Glas— halle des Bahnhofs, eine schwarze Dampfwolke ausstoßend. Die Stadträthin lief dicht neben dem Gleise her und suchte durch die Lorgnette ihre Schwester zu entdecken. Plötzlich stieß sie einen lauten Freudenschrei aus und winkte mit dem Taschentuch und dem großen Blumenbouquet in ihren Händen.
„Sie kommt, sie ist da!“
„Wo denn?“
„Dort in dem Wagen erster Klasse. und sogleich erkannt.“
Wie elektrisirt stürzte sich die ganze Familie auf das bezeich⸗
Ich habe sie gesehen
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