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Gott sei Dank, er war unverheirathet und dabei noch hübsch, sehr hübsch und sehr stattlich! So sagte sie wenigstens zu Lieschen am nächsten Tage. Diese hatte natürlich kein Ver— ständniß dafür. Ob die sich überhaupt wohl verlieben konnte? Schwerlich. Wie oft war sie selbst aber eigentlich verliebt ge— wesen, allerdings im besten Falle nur auf einige Stunden, aber doch verliebt? Sie konnte es nicht zählen, so wenig wie am Tage vorher die Minuten. Das war nun ja schließlich auch ganz gleichgültig, jetzt, wo eine goldene Zeit anbrach, anbrechen mußte.
Der erste Tag gab ihr auch Recht, aber schon am zweiten zog ein Schatten herauf. Sie, das verzärtelte junge Mädchen, das von der Herrenwelt immer auf Händen getragen wurde, bemerkte zum ersten Mal mit Erstaunen, daß Jemand sich von dieser Gewohnheit ausschloß, daß er zwar freundlich und zuvor— kommend, aber doch nicht so gegen sie war, wie es nach ihrer Meinung seine Pflicht gewesen. Ja, er vernachlässigte sie sogar, hatte oft nur halbes Ohr, wenn sie zu ihm redete, war aber die Aufmerksamkeit selbst, wenn er mit Lieschen oder Lieschen mit ihm sprach. Und was erzählten sie sich? Langweilige Dinge über Goethe, Schiller und was wußte sie wen sonst noch! Gott, sie hatte ja auch Goethe gelesen, ihn lesen müssen, auch Auf⸗ sätze darüber geschrieben, sie schreiben müssen, aber das war doch immer zum Cinschlafen gewesen. Da mußte man so entsetzlich viel grübeln und denken, und das Denken war doch absolut nicht amüsant. Aber dieser Herr Körber schien sonderbarer Weise gern zu denken, deshalb unterhielt er sich wohl so gern mit Lieschen, die ja auch immer so erschrecklich gern dachte und sann, deshalb suchte er wohl immer sich den Platz neben ihr aus, deshalb... Sie senkte den Kopf und sann nun auch, sogar mitten im Gewoge der Festhalle, unter den Tönen der konzertirenden Kapelle. Ein Gefühl von Neid regte sich im Herzen des verwöhnten Kindes, wenn sie sich darüber auch nicht klar wurde. Aber sie wollte sich rächen. Sie wollte ganz gewiß mit Lieschen kein Wort mehr sprechen, kein Wort außer dem, was sie mußte. Sie würde es schon durchsetzen gegen eine so schlechte Schwester. N
Und sie setzte es durch an dem Abend und dem darauf folgenden Tage. Aber dies selbstauferlegte Schweigen wirkte niederschlagend auf die ganze Stimmung des lebhaften Mädchens, sie sprach jetzt auch kaum mehr zu den Anderen. Man fragte sie und sie gab Kopfschmerzen an. In der That wurde es ihr so schwer zu Sinn, so schwül zu Muth, so dumpf im Kopf; sie hatte wohl wirklich Kopfschmerzen. Und dabei diese Schwere auf der Brust, als wenn sie ein Centnergewicht mit sich herum— tragen müßte. Sie fühlte es auch jetzt, wo sie das Haupt in die Kissen drückte, am zweiten Abend, an dem sie kein Wort mit Lieschen gewechselt hatte. Sie schloß die Augen und wollte so gern schlafen. Es ging nicht, aber ein beängstigendes Gefühl, ein unsagbares Weh stieg plötzlich in ihr auf, bewegte ihr den Athem und stieg höher und höher, bis heiß in die Augen und fand seinen Ausbruch in Thränen erst, als sie schon auf Lieschens Bettrande saß und die Arme in wilder Leidenschaft um ihren Körper schlang:„Ach Lieschen, Lieschen, zürne mir doch nicht, bitte, bitte, thu's nicht! Ich habe ihn Dir ja nicht gegönnt— ich wußte es gestern noch nicht, aber ich weiß es jetzt. Und ich habe Dir dadurch weh gethan, Dich gekränkt. Verzeihe, es soll ja nicht wieder vorkommen. Du sollst ihn ja haben und behalten und ihn recht, recht lieb haben, ihn, der so groß und edel und gut ist. Und ich werde ihn ja auch lieb haben, ganz gewiß, aber anders wie Du, und werde Dich nie mehr kränken, e
Lieschen hatte Alles gehört, denn sie hatte ja nicht geschlafen, aber ihr war doch, als wenn sie nichts vernommen hätte. Die Scene war so fremdartig und fremdartig die Worte, Alles, Alles. Und so sprach sie nur automatisch nach, was ihr vorgesprochen, während sie das thränenüberströmte Antlitz der Schwester an sich zog:„Alma, wen soll ich haben? Was ist Dir? Was redest Du?“
„Ihn, Herrn Körber, und recht, recht lieb sollst Du ihn haben, so wie er es verdient. Ach Lieschen, weshalb sagst Du es mir denn nicht, daß Du ihn liebst, schon von dem ersten
Augenblicke an, wo Du ihn gesehen. Ich weiß es ja, ich fühle es und bin doch kein Kind mehr, jetzt nicht mehr.“
Lieschen antwortete hierauf nicht, aber sie tröstete die Wei— nende mit lieben Worten so lange, bis die Thränen stockten und das Schluchzen aufhörte. Sie sagte der Schwester, daß sie ihr nicht zürne, sondern daß sie ihr gut sei, jetzt noch mehr als früher. Und dann lag Alma ja auch wieder in ihrem Bette und entschlummerte bald. Aber Lieschen fand den Schlaf nicht. Vor ihr sah sie in gedämpftem Mondlicht immer eine Gestalt, ein junges schlankes Mädchen im weißen Nachtgewande mit auf— gelöstem braunen Haar, das Nacken und Busen überfluthete, aber es konnte ja nicht ihre Schwester sein, es schien eine holde, beglückende Fee, denn sie hatte ihr ja gesagt, daß sie liebte, sie, die kein Herz hatte, und liebte ihn, ihn... Das Herz pochte ihr so stürmisch, daß sie glaubte, es müsse zerspringen. War es wohl möglich, liebte sie ihn?... Sie wagte nicht, sich Antwort zu gebe
Am folgenden Morgen, als die Familie mit den Gästen beim Frühstück saß— Alma war wieder wie sonst; die Kopfschmerzen wären vergangen, sagte sie— erhielt der junge Herr Körber ein Telegramm von einem früheren Studienfreund, der in einer Stadt Norddeutschlands jetzt eine ausgedehnte ärztliche Praxis besaß und ihm seine Ankunft in Frankfurt für denselben Nach⸗ mittag noch ankündigte.—„Wir haben uns erst für Anfang nächster Woche ein Stelldichein gegeben, das Schützenfest scheint ihn früher hergezogen zu haben,“ erklärie Herr Körber.—„Sie bringen ihn natürlich mit, er wohnt bei uns,“ sagten Herr und Frau Krieger aus einem Munde.— Die beiden Gäste wollten das Opfer zwar nicht annehmen, der Hausherr erklärte aber sofort die Debatte für geschlossen und es blieb bei seinem Willen.
Wenige Stunden später rückte denn der neue Gast auch schon ein. Es war ein lebhafter Herr mit ewig blitzenden Brillen— gläser, einen halben Kopf kleiner als sein Freund und mit einem mächtigen Schnurrbart, den er selbstgefällig zu zwirbeln liebte. Er halte sich schon nach einer halben Stunde eingelebt. Pracht⸗ voll stand er sich natürlich gleich mit Alma.—„Schießen Sie auch, Herr Doktor?“ war eine ihrer ersten Fragen.—„Nein, prinzipiell nicht, aber ich morde doch.“—„Das ist aber schade.“ —„Was, daß ich morde? Nun, das liegt mal so im Hand⸗ werk. Oder daß ich nicht schieße? Dann würde ich mich selbst morden, und das soll gefährlich sein.“— Also er schoß gar nicht und einen großen weichen Schlapphut trug er auch nicht, im Gegentheil einen ganz gewöhnlichen Strohhut ohne wallende Feder. Aber das war ja schließlich auch nicht unbedingt erfor— derlich, amüsant war er doch. Gott, die Witze, und immer andere und bessere. Alma kam nicht aus dem Lachen heraus.
(Schluß folgt.)
Lose Blätter.
Titulaturen waren, will man wissen, in Deutschland niemals un— beliebt, im 17. Jahrhundert aber war man damit ganz besonders frei— gebig. Ein katholischer Arzt mailäudischer Abkunft, Namens Hippolytus Guarinonius, der auch als Schriftsteller thätig war, widmet seinen zu Jugolstadt gedruckten Folianten mit dem Titel„Greuel der Verwüstung meuschlichen Geschlechts“ der„allerheiligsten, großmächtigsten und unüber— windlichsten Fürstin und Frauen, Jungfrauen Maria, gekrönten Kaiserin des himmlischen Reiches, Großherrscherin der neun englischen Heerschaaren, geborenen Königin zu Israel, Kurfürstin des gelobten heiligen Landes, Fürstin von Juda ꝛc. Ew. Jungfräulichen, Kaiserl. Königl. Majestät allerunterthänigstes, allerdemüthigstes und allerverworfenstes Knechtle.“
Ein passendes, derselben Zeit angehörendes Seitenstück bildet folgende Widmung, die auf der Tafel einer protestautischen Kirche 710
„Dem allmächtigst, allheiligsten und unüberwindlichsten Herru, Herrn Jesu Christo, von Ewigkeit gekröntem Kaiser der himmlischen Heerschagren, erwähltem unsterblichen König des Erdbodens, des heiligen römischen Reiches einzigem Hohenpriester, Erzbischof der Seelen, Kurfürsten der Wahrheit, Erzherzog der Tugend, Herzog von Bethlehem und Landes— fürst von Galiläa, gefürsteten Grafen zu Jerusalem und Freiherrn von und zu Nazareth, Ritter der höllischen Pforte, Herrn der Heiligkeit, Seligkeit, Gerechtigkeit, Pfleger der Wittwen und Waisen, Richter der Lebendigen und der Todten, unserm allerheiligsten Herrn und aller— gnädigsten herablassenden Erlöser ꝛc. c.“ E. Rr.
Ein Student macht bei einer Familie Besuch und findet die Damen mit Wäschelegen beschäftigt.„O,“ ruft er galant,„so fleißig, meine Damen! Und noch dazu bei der Wäsche! Das ist eine echt deutsche Sitte, die schon bei den alten Griechen gepflegt wurde.“ Mz.


