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überhaupt mit Allem etwas zu thun!“— Die Leichtbewegliche hatte sich während dieses philosophischen Ausspruches schon herum⸗ gedreht und war zur Mutter gesprungen.—„Und nun, Mama, machen wir alles hübsch in Ordnung, gelt? Du nimmst das eine Zimmer und ich das andere. Die Schützen müssen sich hier wie zu Hause fühlen, das ist die Hauptsache. Ach, wird das ein Leben werden!“— Und sie begann schon wieder im Zimmer umherzutanzen.—
Die Tochter des Hauses hatte Recht. Es wurde in den beiden Räumen schließlich in einer Art gewirthschaftet, als wenn dieselben noch nie einen Besen oder ein Wischtuch in sich ge— sehen hätten. Der gestrenge Hausherr merkte von dem Allen nichts.„Die Früh- und Vesperschoppen sind doch zu vielen Dingen nütze!“ sagte die liebevolle Gattin zu öfteren Malen.
So kamen die Tage des IX. Deutschen Bundes- und Jubi— läumsschießens immer näher, für die ungeduldige Alma allerdings viel zu langsam. Es war am Freitag vor demselben, nicht lange nach Tisch. Herr und Frau Krieger pflegten der Ruhe, Lieschen war in ihr Zimmer gegangen und Alma saß im Wohn— zimmer und beschäftigte sich damit, nicht die Stunden— über die war sie ja schon längst hinweg— aber die Minuten zu zählen bis dahin, wo die Schützen, für die sie so mütterlich ge— sorgt hatte, endlich zu erwarten waren. Es wollte ihr aber nicht so recht gelingen, die garstigen Zahlen huschten immer wieder davon oder schwammen wohl gar ineinander. Sie hatte gerade ihr Bemühen als nutzlos aufgegeben, als die Klingel draußen ertönte. Das Mädchen öffnete und eine fremde Stimme fragte nach Herrn Rentier Krieger. Sie würde den Herrn sofort rufen, sagte das Mädchen, und bäte, hier nur näher zu treten. Die Thür zum Nebenzimmer wurde geöffnet, dann wieder geschlossen. Alma vernahm einige Schritte, dann war's still. Das war doch sonderbar, ein Besuch um diese Zeit! Was konnte das nur zu bedeuten haben? Das hing sicher mit den Schützen zusammen. Und wenn, so hatte sie doch ein Anrecht, es zu erfahren! Aber wie es nur anfangen? Der Vater würde spätestens nach fünf Minuten kommen, Zeit war also. Ob sie es wagen sollte? Warum nicht, es konnte doch nichts Schlimmes daraus entstehen. Und es war doch auch nicht schlimm, so ein Bischen neugierig zu sein, nur ein Bischen.
Sie brauchte ja nur die Thür zu öffnen, that so, als wenn sie etwas suchte, trällerte ein Liedchen:„Wer reitet so spät durch Nacht und Wind“— sah dann äuf— ein leichter Schrei und—: „Verzeihen Sie, ich wußte nicht— ich hatte keine Ahnung— Doch Sie wollen gewiß den Papa sprechen— Ich will ihn rufen gehen, wenn Sie gestatten.“
„O bitte; bemühen Sie sich nicht, gnädiges Fräulein, es ist schon geschehen.“
„Ah, um so besser. Dann nehmen Sie aber doch bitte Platz. Sie sind gewiß einer der Herren von den vielen Ausschüssen? Die haben wenigstens alle, glaub ich, so weiße Bärte, nur daß sie meistens nicht so lang sind, wie der Ihre. Schwärmen Sie auch so für die Schützensache? Nicht? Oder doch? Ich wenigstens, ich lasse mein Leben dafür.— Und Sie kommen gewiß der Schützen wegen, als Mitglied des Wohnungs-Ausschusses, heißt's ja wohl? Haben Sie denn schon welche für uns? Und was für welche und wann kommen sie? Wissen Sie, am liebsten nehmen wir Bayern oder Oesterreicher. Die Letzteren sollen ja so schlimm dran sein, der Papa sagt's immer, ich verstehe allerdings nichts davon.“
Alma schwieg und erröthete. Sie mochte einsehen, daß sie zu viel gesprochen. Es schickte sich doch nicht, der Zunge freien Lauf zu lassen. Die Mama sagte es ihr ja ein Dutzend mal am Tage.— Ueber das gebräunte Gesicht des alten Herrn ihr gegenüber flog aber ein sonniges Lächeln. Das Ganze schien ihm wie eine Fata Morgana, ein Feenmärchen: dies junge Mädchen in dem hellen, leichten Sommerkostüm mit den schlanken Formen, wie sie sich leicht in den Hüften wiegte und aus ihren braunen Augen noch weit mehr, weit Köstlicheres blicken ließ, als sie ohnehin schon sagte;— das Alles so plötzlich, wie vom Himmel gefallen. Sollte er das Märchen noch weiter spinnen, noch weiter sich sonnen an dem frischen jugendlichen Klang der Stimme, dem lustigen Blitzen der Augen? Ja, wenn er dreißig Jahre jünger gewesen wäre, aber so! Nun mußte er doch wohl
der Vernunft die Oberhand bewahren. Und so sagte er denn, noch mit einem Abglanz der vorherigen Freude:„Entschuldigen Sie, mein Fräulein, daß ich Ihren Erwartungen leider wenig entspreche. Ich bin nämlich kein Mitglied irgend eines Aus⸗ schusses, könnte es nicht sein, sondern bin selbst Schütze und Theilnehmer am Bundesschießen. Mein Name ist Körber, Fabrikant a. D. aus München.“
Ein komisches Entsetzen spiegelte sich in Alma's Zügen. Sie war so bestürzt, daß sie sogar die nothwendige leichte Verbeugung vergaß.„Wie— Sie— selbst— Schütze?“
„Wundert Sie das, mein Fräulein? Sie glauben mich wohl zu alt? O, ich stehe noch heute meinen Mann, wenn auch nicht mehr ganz so gut wie vor fünfundzwanzig Jahren. Ich bin nun vom Komitee hierher gewiesen, da Ihr Herr Vater die freundliche Zusage gegeben hat, einem Schützen Quartier ge— währen zu wollen. Ich habe nämlich eine Antipathie gegen das Hotelwohnen.“
Alma war nahe daran zu erwidern, daß sie nur junge, hübsche Schützen aufnähmen, womöglich mit großem Schlapphut und wallender Feder. Da hörte sie ein verdächtiges Hüsteln sich nähern, sie sprang auf.„Da kommt der Papa. Sagen Sie um Gotteswillen nicht, daß ich hier gewesen, daß Sie mich schon kennen. Das gäbe einen furchtbaren Lärm.“ Ein flehentlicher Blick aus den braunen Augen und sie huschte zur Thür hinaus. Draußen blieb sie einen Augenblick mit traurig gesenktem Köpfchen stehen und begann dann langsam nach oben zu steigen.— Dazu hatte sie sich also in all' den Wochen ge— freut, dafür hatte sie gesorgt, gearbeitet! Für einen Mann mit einem weißen Bart, der vielleicht, nein, sicher in aller Bequem⸗ lichkeit ihr Großvater sein konnte! Das war also der geträumte Schütze mit dem großen Schlapphut und wallender Feder! Das der Eine, und der Andere hatte womöglich einen noch weißeren, einen noch längeren Bart.—„Ach, Lieschen, wenn ich mir das hätte ahnen können! Ich bin das unglücklichste Geschöpf auf der Welt! Denke Dir nur: so und so und das und das. Wo ist doch all' meine Freude geblieben? Und so lang ist der Bart, so lang und so weiß, Du kannst Dir gar nicht denken, wie weiß. Ist das nicht schrecklich? Puh, weiße Bärte sind mir ein Gräuel! Da kann man nicht lachen und scherzen, nicht singen und plaudern... Zwar, er hat mir ja ganz freundlich zugehört, aber— aber...“ g
„Du bist ein Kind!“ sagte Lieschen, mußte aber über die komische Verzweiflung der Schwester unwillkürlich lächeln.
„Ja, das sagst Du immer. Das weiß ich nun nächstens schon auswendig. Ich bin wie ich bin. Jetzt bin ich zum Beispiel höchst unglücklich.“
Die unglückliche Alma setzte sich in den Schaukelstuhl und begann sich eifrig hin und her zu wiegen. Lieschen nahm ihre Stickerei wieder auf und antwortete nicht weiter. Sie wußte aus Erfahrung, daß dasselbe Gesicht, das jetzt so betrübt und enttäuscht dreinblickte, nach einer Viertelstunde wieder heiter lachen würde. Das war ja von jeher nicht anders gewesen. So verharrten beide Mädchen in Schweigen, bis nach einer ganzen Weile draußen sich ein Schritt hören ließ und die Mutter in's Zimmer trat. a
„Kinder, ich habe Euch eine Neuigkeit mitzutheilen. Einer unserer Gäste ist bereits angekommen, ein würdiger alter Herr, Fabrikbesitzer Körber aus München.“— Alma rührte sich nicht vom Platz.—„Der Vater verhielt sich Anfangs sehr kühl, ist aber jetzt schon ganz Flamme für ihn als seinen demokratischen Gesinnungsgenossen, und denkt nicht mehr an seine Gicht.“— Alma saß noch immer theilnahmlos da.—„Sie sitzen und plaudern von alten Zeiten, nachher gehen Sie zum Vesper⸗ schoppen, zum Abendbrot erwarte ich sie zurück. Morgen trifft sein Sohn hier ein, der die Fabrik jetzt leitet, und natürlich auch bei uns wohnen wird.“
In die theilnahmlose Alma war Leben gekommen. Sie
sprang auf und stellte sich neben die Mutter.„Wie, sein Sohn! 1 3
Ist der hübsch? „Alma!“ Ein strafender Blick traf das Auge Mädchens.„Wie kannst Du nur so fragen!* das uns!“ „Aber mich kümmert's!“ sagte Alma leise.
Natürlich, aber doch auch unverheirathet?“ des jungen as kümmert
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