Ausgabe 
1.4.1888
 
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weit, so niedrig hier, Alles machte den Eindruck der Oede und Leere. Jella ging das Herz auf bei dem Gedanken, das Haus und das Land bald zu verlassen! Sie trat in ein Vorzimmer, in welchem eine ältliche Dienerin beschäftigt war, Wäsche in einem Schranke zu ordnen.Kann ich meine Tante sprechen, Vera? fragte Jella mit gedämpfter Stimme.

Gnädige Gräfin haben keinen guten Tag gehabt, ant⸗ wortete die Kammerfrau.

Jella ging rasch an ihr vorüber und trat in das anstoßende Zimmer ein. Es war schwach von einer Hängelampe erleuchtet und zeigte einen behaglich, ja luxuriös eingerichteten Raum, der sonderbar gegen die Oede und Vernachlässigung der übrigen Behausung abstach. Von einem schwellenden, mit buntem tür⸗ kischen Seidenstoff überzogenen Divan erhob sich eine hellgeklei dete Dame und legte sich augenblicklich wieder nieder, als sie Jella erblickte.

Dein rasches Eintreten hat mich erschreckt, sagte sie mit sehr zarter Stimme.Es trägt gewiß Niemand mehr, wie ich, Deiner Jugend Rechnung; aber es ist doch die Erziehung, die einem jungen Mädchen das brüske Auftreten verbietet. Du muthest den Leuten starke Nerven zu; ach Gott! wir sind keine Kinder des Paradieses mehr, wir kommen schon mit kranken Nerven auf die Welt.

Ich habe gesunde Nerven, Tante Anka, sagte das junge Mädchen lächelnd. N a

Leider, ja, seufzte sie und wendete die blauen Augen nach der nat mythologischen Gestalten bemalten Zimmerdecke.Wie Deine Mutter, die durch ihren Mangel an Nerven der Quäl geist meiner Kinderjahre geworden ist.

Bei dem schwachen Lichte sah die anmuthig auf dem Divan hingegossene Gräfin sehr jugendlich aus. Sie war von einer krankhaften Blässe, hochblondes volles Haar fiel aufgelöst auf ihre Schultern, und die Gestalt war dünn und zart wie die eines Kindes.

Jella trat näher an den Tisch.Ein Brief von Papa! rief sie freudig und wollte darnach greifen. 8

Unglückseliges Kind! schrie Gräfin Anka auf und griff entsetzt nach einem Riechfläschchen.Willst Du mich denn tödten? Du bringst mir ja alle Gerüche des Pferdestalles und des Hunde zwingers unter die Nase. Vera, lüfte, räuchere fort, Jella, fort! Sie preßte das Spitzentuch auf Nase und Mund, wäh rend die Dienerin herbeieilte und Jella sich überglücklich mit dem so schmerzlich erwarteten Brief aus dem Zimmer flüchtete. Sie trat in den weiten Raum, der ihr vor einem Jahre bei ihrer Ankunft angewiesen worden war. Das war eine Halle, in deren Mitte Jella fragend stehen geblieben war.In mein

Zimmer möchte ich, in mein Schlafzimmer, wiederholte sie.

Die schweigsame Vera ging dem Divan zu, der sich der ganzen Länge der Wand nach hinzog, und hob ein Stück des Polsters in die Höhe, wie man den Deckel eines Kastens aufmacht. Hier schlafen das gnädige Fräulein, sagte sie und räumte aus dem Innern des Divans Kissen und Decken, welche sie auf dem Polster ordnete. An dieses Zimmer und an dieses Bett hatte sich Jella noch nicht gewöhnt.

Als der Vater sie bis Wien begleitet und Vera sie da in Empfang genommen, hatte der Vater gesagt:Es ist nur für ein halbes Jahr, Jella; findest Du manches anders, als Du es gewöhnt bist, so denke, daß Du Dich darein schicken mußt, dem alten Großpapa und Deiner Tante, der Gräfin Josika, zu Liebe. Der Gedanke schon, daß Voridori die Heimath Deiner Mutter, die Du nicht gekannt hast, ist, wird Dir den Ort lieb und angenehm machen. So hatte der Präsident Wellner zu seiner Tochter gesprochen. Ein halbes Jahr war vorüber gegangen, der Präsident antwortete auf Jella's stürmisches Drängen, er fühle sich leidend und habe einen vierteljährlichen Urlaub genommen, den Ver ordnungen des Arztes, einige Zeit in der heilkräftigen Luft des Engadin zuzubringen, nachzukommen. Dieses Schreiben erschütterte Jella tief. Ihr Vater fühlte sich leidend und er wünschte nicht, seine Tochter um sich zu haben? Verstand er denn ihre Briefe nicht, worin sie ihm sagte, der Großvater bedürfe ihrer nicht, und auch Tante Anka nicht. Wer bedurfte denn ihrer auf der weiten Welt? Kaum ein halbes Jahr war sie nach langen Jahren des Institutslebens bei ihrem Vater gewesen und hatte

sich so wohl bei ihm gefühlt. Zum ersten Male fühlte sie sich

zu Hause und fand ein unbeschreibliches Glück darin, ihm seine kleinen Wünsche aus den Augen zu lesen. zu Hause, die Dienstgeschäfte und auch das gesellige Leben

nahmen ihn viel in Anspruch in der nicht sehr großen Stadt,

und Jella war noch zu jung, um an den geselligen Vergnügungen Theil zu nehmen. Als der Herbst gekommen war und Fella, nun siebenzehn Jahre alt, jeden Tag in dem Gesichte ihres Vaters zu lesen glaubte, daß er ihr die Eröffnung machen werde, ein hübsches Ballkleid herrichten zu lassen, weil er sie auf ihren ersten Ball zu führen gedenke, da schlug ihr Herz in der frohen Erwartung, am Arme des theuern, noch immer so schönen statt⸗ lichen Vaters dieser Welt vorgestellt zu werden, die gewiß das Töchterchen des allgemein beliebten Präsidenten des Landgerichts mit offenen Armen empfangen werde. Der Vater hatte es ihr selbst gesagt, daß sie hübsch sei. Eines Abends, als sie fragend seinem Blick begegnete, der mit tiefem Sinnen auf sie gerichtet war, hatte er es ausgesprochen:Du gleichst Deiner Mutter, Jella, ganz ihre bestrickende Schönheit, nur hast Du nicht ihre wilden Augen; um so besser für Dich, daß Du von sanfterem Charakter bist, und ein Seufzer entrang sich des Präsi⸗ denten Brust. f

War meine Mutter nicht sanft? fragte das hocherröthete Mädchen.

Sie hatte große und schöne Eigenschaften, aber was dem Manne das Weib besonders werth macht: die häuslichen Tugen⸗ den und die Geduld, das besaß sie nicht. Du warst kaum ein Jahr alt, da verunglückte sie bei einem tollen Ritt, sagte hastig der Präsident und verließ das Zimmer.

Jella wußte es, daß er ungern die Vergangenheit berührte; es konnte ihr aber Niemand von der Mutter und dem Bruder, der in Australien umgekommen, erzählen, wie der Vater. Er

war so oft von dem einen nach dem andern Ort versetzt worden,

und hier in dem reizenden Städtchen am Mittelrhein bekleidete er erst seit zwei Jahren die Stelle eines Präsidenten. Dienst⸗ boten und die ganze Einrichtung waren eiligst von dem ge wandten Mann seiner neuen Stellung entsprechend gewählt worden und das schöne Töchterchen fühlte sich bei seinem Aus tritt aus dem Institut außerordentlich wohl in dem eleganten Heim. Statt des Eintritts in die Welt der Winterfreuden suchte ihr der Präsident begreiflich zu machen, daß sie den mütter⸗ lichen Verwandten einen längeren Besuch schuldig sei. Jella wehrte sich zwar ein wenig, den Vater sobald schon wieder ver lassen zu sollen, reiste aber dann wohlgemuth ab; der Vater und die Schwester ihrer Mutter wollten sie kennen lernen, hieran ließen sich die wohlthuendsten Erwartungen knüpfen: wie wollte sie den Greis und die unglückliche Tante auf dem einsamen Landgut lieben!

Nun wußte sie es: der Greis war ein unzugänglicher, in sich vergrämter Mann und die unglückliche Frau fand ihren Trost und ihren Lebenszweck in ihren Nerven und ihren Sonderbar⸗ keiten. Diese beiden Menschen genügten sich, jeder für sich, sie waren abgeschlossene Naturen,hermetisch verschlossene Seelen, in die kein Lichtstrahl Eingang fand. Zu dieser Erkenntniß war Jella schon nach den ersten Monaten gelangt. Der Winter auf dem einsamen Gute war von erschreckender Länge; das junge Mädchen litt in dieser eisigen Atmosphäre, der Oberst war auf der Jagd, die Tante blieb Wochen lang in ihren Zimmern ein⸗ geschlossen, der Nichte ganz unsichtbar und pflegte ihre Nerven, studirte eingehend französische Modejournale und die neuesten fran⸗ zösischen Romane. Dienerschaft war außer der Gräfin Kammer⸗ frau Vera keine auf dem Gute, einige häßliche rohe Mägde und Knechte, die nur ihr Kroatisch sprachen, wirthschafteten in der Küche und den Oekonomiegebäuden. Alles, Alles machte auf Jella den Eindruck des Verfalles, der heillosesten Wirthschaft. Ein Pferd war ihr zugestanden worden, es standen deren ja ein halbes Dutzend müßig in dem Augiasstalle; sie durchritt die

Gegend, so lange das Wetter es erlaubte; als aber der Schnee

das Gut eingeschneit hatte, da irrte sie in den leeren Räumen umher und suchte einen Menschen. Der Großvater lag im Lehnstuhl am riesigen Kachelofen und schlief, bis der Schnee nachgelassen hatte, die Gräfin Josika ließ die neueste Pariser Morgentoilette von Vera anfertigen bei verschlossenen Thüren;

Er war wohl wenig

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