Ausgabe 
1.4.1888
 
Einzelbild herunterladen

ab

107.

da gelang es endlich Jella, wenn nicht einen Menschen, so doch

eine abgelegene verstaubte Kammer zu finden, in der die Bücher bis an die Decke angehäuft waren. Sie schlug einige der Werke, an denen der Zahn der Zeit und der Maus genagt, auf, und fand deutsche, englische und französische Klassiker vertreten, ebenso eine französische Uebersetzung der alten römischen Klassiker. Nun

war Gesellschaft da, und Fella vertiefte sich mit einem Eifer und einem Interesse in diese Werke, daß selbst auf ihrem Spazierritt die Betrachtungen und Aussprüche der tiefen Denker sie begleiteten und so lebhaft beschäftigten, daß sie Alles um sich vergaß. Sie waren ihr Trost und ihre Freude bis zur Stunde geblieben, aber nun endlich nach einem ganzen Jahr des Wartens hielt sie den Brief ihres Vaters in der Hand, der nur die Worte ent⸗ halten konnte:Ich werde diesen oder jenen Tag in Wien sein, Dich in Empfang zu nehmen.

Sie warf die Handschuhe und den Hut auf den Tisch ihres Zimmers, mit einem so freudig lebhaften Ausdruck, den Gräfin Josika unstreitig erschreckendbrüsk gefunden, daß er ihr Herz klopfen verursacht hätte. Seit drei Monaten hatte ihr Vater nicht mehr geschrieben; Jella richtete unermüdlich ihre Briefe nach seinem Wohnort, sie mußten ihm doch in das Engadin nachgeschickt werden. Sorgen um ihres Vaters Gesundheit hatten sie gepeinigt, bis sie ihm endlich geschrieben:Erhalte ich in vier Wochen keine Nachricht von Dir, so trifft Du mich bei Deiner Rükkehr aus dem Engadin zu Hause. Das hatte gefruchtet, nun war eine Antwort erfolgt.

Ein langer Brief, ganz gegen seine Gewohnheit, auch noch einer an den Großvater lag darin! Sie drückte ihn an ihr Herz, an ihre Lippen und entfaltete ihn mit bewegten Händen.

Es bedarf nicht Deiner Versicherung, daß Du die alten und neuen Philosophen eifrig studirst, so schrieb der Präsident, Deine Betrachtungen über Probleme, die ich mir in meinem vielbeschäftigten Leben nicht die Mühe gegeben habe, zu lösen,

beweisen mir zur Genüge, daß Dich Voridori zur Philosophin gemacht hat. Ich frage mich eigentlich, was mich veranlaßt hat, Dir bis zur Stunde ein Ereigniß zu verschweigen, zu dessen vernünftiger Auffassung Du kaum philosophische Anschauung nöthig haben wirst. Es ist Dir bekannt, daß die Stellung, zu der man mich erhoben hat, gesellschaftliche Pflichten mir auf⸗ erlegt; um Ihnen auf eine würdige passende Weise nachzukommen, mußte selbstverständlich mein Hauswesen auf einen andern Fuß gesetzt werden. Dies ist nun geschehen, meine liebe Jella. Ich bin seit drei Monaten verheirathet. Baronesse von Bessow, die ich nach kurzer Bekanntschaft in Engadin zur Frau Präsident Wellner machte, vereinigt als Dame der vornehmen Welt alle Eigenschaften, die mir als die wünschenswerthesten erscheinen. Sie ist dreißig Jahre alt, schön und imponirend. Die Liebe in der Ehe habe ich nicht gefunden, als ich jung war und bin dankbar überrascht von jedem Beweis einer aufrichtigen Zu⸗ neigung, die eine schöne junge Frau dem fünfundzwanzig Jahre älteren Gatten zukommen lassen will. Ich habe ihr gesagt, daß Du noch einige geit bei Deinem Großvater zubringen würdest, Deinen letzten drängenden Brief aber habe ich ihr gezeigt. Sie lachte und schüttelte den Kopf und meinte, sie fühle sich noch so jung in der Würde einer Stiefmutter. Ich bin nun der Ansicht, meine liebe Jella, daß wir der Frau Präsident ein wenig Zeit lassen, sich hier in die Verhältnisse einzugewöhnen, ehe wir ihr zumuthen, Dich in die Welt einzuführen. Bleibe Du den Winter ruhig bei dem Großvater, der Dich sicherlich ungern missen würde und verkehre getrost mit den großen Männern des Alter⸗ thums. Eine so ausgewählte feine Gesellschaft könnte ich Dir mit dem besten Willen in unserer Landstadt und in unserem ver⸗ flachten Zeitalter nicht verschaffen. Frau Präsident Wellner läßt Dich grüßen und würde gern einige Zeilen beigefügt haben, wenn sie nur Dir gegenüber den rechten Ton finden könnte.

Athemlos hatte Jella gelesen, heiße Blutwellen stiegen ihr ins Gesicht. Sie preßte die Hände an die Schläfe und stieß einen erstickten Schrei aus. Es tobte und wüthete in ihr, sie

hielt sich fest am Tische, um nicht der wahnsinnigen Strömung

zu folgen, die sie fortzureißen drohte, sie wußte nicht wohin. Das Einzige auf der Welt, das ihr gehörte, war nun verloren, unwiederbringlich verloren!(Fortsetzung folgt.)

Die Einquartierung. Novellette von Paul Bader.

Und ich sage Dir, daß wir der Aufforderung des Wohnungs⸗ Ausschusses nachkommen müssen. Erstens aus Liebe zur Schützen⸗ sache, zweitens aus Lokalpatriotismus und drittens

Und drittens?

Frau Rentier Krieger erröthete leicht.Und drittens, weil weil das Renommee der Stadt und unseres Hauses es ver langt. Im Uebrigen wüßte ich nicht, daß Du irgendwie da durch belästigt würdest.

Nicht belästigt? Sehr gütig. Ich kenne das besser. Du wirst natürlich nicht verfehlen, den Einziehenden einen Platz an unserer Tafel anzuweisen! Darin bist Du ja von jeher groß ge wesen. Die Denkwürdigkeiten der Stadt müssen ihnen gezeigt werden, von früh bis spät heißt es also mit ihnen herumlaufen. Ich darf mich natürlich nicht ausschließen, ich mit meiner Gicht in den Beinen. Da sind der Palmengarten, zoologischer Garten und sonstige Gärten, da sind Ausflüge in die Umgegend, und was weiß ich. An Solidität kranken die Schützen auch nie, das ganze Hauswesen wird auf den Kopf gestellt, das ist, wie Du weißt, für mich Gift. Am Ende wollt Ihr mich etwa gar auf den Festplatz schleppen, mich mit meiner Gicht in den

Herr Krieger murmelte den Rest in seinen struppigen Schnurr⸗ bart und widmete sich wieder seinem Kursblatt. Die Gattin sagte nichts, es trat eine längere Stille ein. Sie schien be⸗ sänftigend auf den alten Herrn zu wirken, denn nach einer Weile erhob er sich und sagte in etwas freundlicherem Tone: Na, ich seh es Dir ja an, daß Du's doch nicht lassen kannst. Meinetwegen denn. Die acht Tage werden ja wohl auch vor⸗ übergehen. Aber kommt mir nun nicht mit Reinmacherei oder ähnlichen Geschichten. Ihr wißt, daß ich das nicht leiden kann. Die Leute mögen so einziehen, wie sie es finden. Er öffnete die Thür, schlürfte hinaus und schloß sie langsam hinter sich.

Das wird sich allerdings finden! meinte Frau Rentier Krieger und sah in etwas kriegerischer Laune ihrem Gatten nach.Aber was machst Du denn da, Alma! Du tanzest ja wohl gar im Zimmer umher? Schämst Du Dich denn nicht?

Schämen? Das junge Mädchen blieb hochaufathmend vor der Mutter stehen.Schämen? Weshalb denn, Mama? Weil ich glücklich bin, daß wir nun doch Schützen bekommen? Puh, wie sah der Vater zuerst aus! Ich hatte schon alle Hoff nung aufgegeben und nun doch. Aber weißt Du, Herzens⸗ mamachen die Schelmin legte den Arm um die Mutter und blickte sie mit den braunen Augen so verführerisch bittend an weißt Du, aber recht hübsche und schlanke müssen es sein, mit einem großen Schlapphut und wallender Feder daran! Und einen Preis müssen sie sich auch erschießen, die, die bei uns wohnen. O, ich werd's ihnen schon sagen, oder ich spreche sonst, kein Wort mit ihnen, kein einziges Wort. Sage ihnen sonst sicher nicht Adieu!

Aber so rede doch nicht so unverständig! verwies die Mutter und versuchte streng zu blicken. Es wollte ihr aber nicht recht gelingen, sie wußte ja selbst, wie sie in der Jugend ge⸗ wesen, ebenso leicht bewegt, ebenso ausgelassen, wie ihr Liebling. Du bist doch kein Kind mehr, Alma. Da sieh Dir Lieschen an, die beträgt sich doch, wie es einem jungen Mädchen geziemt. Sie läßt sich durch dergleichen nicht aus ihrer Ruhe aufschrecken!

Ja, Lieschen! Das junge Mädchen trat zu der um ein Jahr älteren Schwester heran und sagte kopfschüttelnd: Sag' mal, Lieschen, berührt Dich denn so etwas garnicht? Hast Du denn eigentlich gar kein Herz?

Die Schwester erhob das Haupt von der Stickerei und sah mit ihren blauen Augensternen zu der sie Anredenden empor. Es lag verschleierter Schmerz und eine stille Wehmuth in dem Blick und zitterte auch in dem Ton, in dem sie antwortete:Aber, f Alma, ich wüßte nicht, was das Herz mit dem Allen zu thun 3 haben sollte! Sie hatte ja den Vorwurf in den Worten a der Mutter nicht überhört und hatte ja auch möglicher Weise gar kein Herz. Hören mußte sie es ja oft genug, weshalb sollte sie schließlich nicht selbst daran glauben?

Was das Herz damit zu thun hat? Alles! Das Herz hat 1

9