rascht nach den rebenbedeckten Ufern jenseits der Save. ersten Male wollte es ihr scheinen, als sei Kroatien doch nicht so ganz aller Reize baar; es war ja das Heimathsland der
zu den
Oberhessischen Uachrichten.
Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Gießen, den 1. April.
Ein dunkler Schatten.
Novelle von M. Elton.
i 1 Das Abendroth färbte mit glühenden Farben den herbstlichen
Wald. Das gelbrothe Laub spielte im Abendwinde und rauschte
und flatterte wie ein mächtiger Purpurmantel, der seine ephemere Pracht noch einmal übermüthig zur Schau trägt. Zum letzten Male geküßt vom Abendroth, lösten sich die Blätter ab und fielen zur Erde nieder. Unter dem Blätterregen trabte ein edel— gebautes schwarzes Pferd durch den Waldweg, welches auf seinem Rücken eine Last trug, deren es sich kaum bewußt zu sein schien. Die schlanke junge Dame im dunkelgrünen Reitkleid, den mit einem grünen Filzhut bedeckten Kopf zu dem in dem letzten Sonnen⸗
strahl erglühten Laubwerk erhoben, träumte wie die dahinsterbende
Natur. Die Hände hielten schlaff die Zügel und in der aanzen liebreizenden Gestalt war ein weiches Ausruhen, ein stilles Dahin— träumen zu bemerken. Es paßte so ganz zu dem Frieden der
sterbenden Natur, das stille ernste Gesicht mit einem leisen An⸗
flug von stummer Trauer. Die Reiterin erwachte aus ihrem tiefen Sinnen, als plötzlich das freie Feld vor ihr lag. Sie
richtete sich im Sattel auf, nahm fest die Zügel in die Hände
und war im Begriff, das Pferd in Galopp zu setzen, als sie eiligst ein robustes Geschöpf eine kleine Anhöhe herunterrutschen und auf sich zueilen sah. Etwas ungeduldig hielt sie das Pferd an und reichte die lose in dem langen Handschuh steckende Hand
dem mit einem langen gräulich-gelblichen Hemd, als einziges
Kleidungsstück, bekleideten Jungen herunter. Er packte die schmale Hand eifrig mit den beiden schmutzigen Händen und drückte sie kräftig an die wulstigen Lippen, lief aber darauf schleunigst wieder die steile Anhöhe hinauf, wo oben auf der Fläche einige seiner Obhut anvertraute dunkelborftige Schweine wei— deten. Noch einige Mal wiederholte sich das Schauspiel mit den in den langen Hemden steckenden Jungen, die Amazone schüttelte aber nur den Kopf, rief einige Worte auf kroatisch und sprengte vorüber. Vor ihr in einiger Entfernung zog die Save
wie ein Purpurstreifen sich dahin, die scheidende Sonne tauchte
das Land ringsum in Gluth, das junge Mädchen sah über— Zum
Mutter, die sie nicht gekannt. Sie war vor einem Jahre hier⸗ hergekommen mit dem festen Vorsatz, dieses Land zu lieben, trotz⸗ dem war es ihr fremd geblieben und nun stand sie auf dem Punkte, es zu verlassen. Ihr feines Gesicht färbte sich mit einer hellen Röthe bei dem Gedanken des Scheidens, die schwarzen Augen
sprühten frohen Lebensmuth, und sie jagte auf ein in rothen
Backsteinen erbautes, zweistöckiges Gebäude zu, das, langgestreckt,
immer mehr sichtbar wurde. Sie stieg in einem weiten, von
niedrigen Gebäuden umgebenen ö die Zügel einem Knecht zu, de ih Said ergriff und küßte. Sie ließ die sinnlof llose Huldigung ge— schehen, die nur den Abstand zwischen Herr und Diener be— zeichnet und ihr noch immer ein Gefühl des höchsten Unbehagens verursachte. Hier waren die Menschen sich weniger ihrer Menschenwürde bewußt, das hatte sie erfahren. Land und Leute waren ihr unsympathisch gewesen von der ersten Stunde an. Sie trat in ein großes niedriges Zimmer ebener Erde, in dem in einem mächtigen Kachelofen das Feuer brannte und ihr eine erstickende Wärme nach dem schnellen Ritt verursachte. Drei große Jagdhunde sprangen ihr entgegen und bewillkommten sie stürmisch. Ein alter Mann, der in seiner Haltung etwas stramm Militärisches hatte, saß in einem altväterlichen Lehn⸗ stuhl dicht beim Ofen der Stube, in welcher schon tiefe Dämme— rung herrschte.
„Bist Du schon lange von der Jagd zurück, Großvater?“ fragte das junge Mädchen.„Ich habe auf meinem Ritt durch den Wald rechts und links geschaut und dachte Dir zu begegnen.“
„Ich war zu Hause, ehe Du fortrittest, Jella,“ erwiderte der alte Oberst Androchich.„Die drei Rekruten hier wollten nicht Ordre pariren, als ich zum Rückmarsch blies; die Vaga⸗ bunden, die Deserteure, die! Wer kann es ihnen klar machen, daß der da oben nun auch den Alten auf Voridori in den Ruhe⸗ stand zu versetzen anfängt; es geht auch mit der Jagd nicht mehr, absolut nicht mehr.“ Er senkte tief den weißen Kopf mit dem gebräunten Gesicht und seine Stimme klang hohl und trostlos.
„Das ist nur der Anfang, Großvater,“ sagte Jella und schlang liebkosend den Arm um den alten Mann.„Du bist so stark und rüstig, nur wieder ein bischen Uebung nach dem langen Sommer und Du wirst sehen, es wird schon wieder gehen.“
Er machte eine Bewegung, als wolle er den runden Arm abschütteln.„Meinst Du, ich sei nun auch kindisch geworden und sollte an die Vertröstungen eines achtzehnjährigen Kindes glauben? Nein, Mädchen, so trostbedürftig bin ich nicht— wir bleiben den Winter zu Hause, ich und die Rekruten, das ist Alles.“
Jella fuhr flüchtig mit der Hand über die Augen. Es war keine Thräne, die in dem dunklen Auge schimmerte, nur lag der Blick einen Augenblick lang tief und innig auf dem alten Manne mit den harten Zügen, als könne sie es noch immer nicht fassen, daß derselbe bis zur Stunde keine milde, freundliche Regung gegen die Enkelin verrathen habe. Sie verließ das Zimmer und ging nachdenkend die breite Treppe hinauf. Alles war so


