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An der Saale hellem Strande.
Von Frida Schanz.
In einem Dachstübchen am Dowplatze der alten Saalestadt Naumburg wohnte bis vor kurzem ein schlichter Mann, den die ganze Stadt kannte, den aber trotz seiner freundlich-ernsten Augen, aus denen eine Welt von Güte und Geduld sprach, Niemand leiden mochte. Meister Engert war Todtenbitter, und es lebten unter den Kindern nur wenige im ganzen Orte, denen bei seinem Anblick nicht eine wehe Erinnerung, ein schmerzliches Bild, das man am liebsten zu vergessen strebt, gewaltsam ins Gedächtniß gerufen wurde.
So kam es, daß Gottfried Engert bei Zeiten vereinsamte und außer mit seinem Sohn, einem vierzehnjährigen, schweigsamen und nachdenklichen Jungen, mit Niemand verkehrte. Die Freunde aus früherer Zeit, in der Engert als Dachdeckermeister sein gutes Brod gehabt hatte, sahen fast mit Hohn auf ihn herab, seitdem er, seiner schwachen Brust und des häufigen Schwindels wegen, von dem wag⸗ halsigen Gewerbe lassen und— in Ermangelung eines besseren Auswegs— zu jenem anderen, armseligen und verachteten greifen mußte.
Endlich gab Gottfried Engert jedoch sein Handwerk auf, vor⸗ läufig auf einige Tage oder Wochen, weil er sich schwächer und schwächer fühlte und durch Stubenhaft und Pflege das Uebel zu bessern hoffte, dann aber auf immer und ewig, weil der Tod für die Dienste, die er ihm geleistet, ihn sanft und leise aus dem Schatten des Domes, zu dessen Füßen er Jahre lang gehaust hatte, in den tieferen und dunkleren Schatten des ewigen Vergessens versenkte.
Johannes wußte es seit Wochen im Voraus, daß sein Vater sterben mußte. Der Doktor, der einmal dagewesen war, um seine Verordnungen für den ganzen Verlauf der klar vorgezeichneten Krankheit mit einem Male zu geben, hatte dem Knaben Zeit und Stunde des nahen Endes so ziemlich richtig vorausgesagt. Den Kranken überkam inmitten seiner sicheren Genesungshoffnung nur hie und da einmal eine blitzartige flüchtige Ahnung, daß sein Lebens⸗ ziel doch vielleicht nicht mehr weit sei.
Mit der freundlichen Gesprächigkeit, die ihm dem Knaben gegenüber seit dem frühen Tode der Mutter eigen war, ging er dann auf diese Möglichkeit ein, die für ihn nichts abstoßendes und grausiges hatte, da ja der Tod sein Freund, sein Schützer und Brodherr gewesen war.
„Den Verwandten brauchst Du gar nichts zu schreiben,“ sagte er, indem er dem Knaben ruhig heiter in die gedankenvollen Augen sah.„Was sollte es auch nützen? Die Schwester kann von den Kindern nicht weg und hat wohl auch in ihrem Hab und Gut kaum ein Kleid, in dem sie zur Leiche gehen könnte. Für den Schwager ist's auch besser, er bleibt auf seinem Schusterschemel sitzen; die armen Würmer würden es spüren, wenn er einen Tag kein Geld verdient.“
„Wer weiß, Vater, vielleicht wirst Du wieder gesund,“ sagte Johannes mit rauhem, schmerzlichen Ernst.
„Vielleicht?— o, recht sehr vielleicht, hoffe ich,“ gab der Kranke lebhaft zurück.„Aber sollte es doch einmal geschehen, so weißt Du, was Du zu thun hast. Das Beutelchen mit den beiden Goldstücken steckst Du zu Dir für Deine spätere Wanderschaft. Davon braucht Niemand etwas zu wissen. Deinen Alltagsanzug und den meinen dazu packst Du in ein Bündel; den Einsegnungsrock ziehe an. Es ist gut, wenn Du sauber und nett daherkommst. Den ganzen übrigen Kram kannst Du hier lassen; die Wirthin hat mir versprochen, ihn so gut wie möglich zu verkaufen, vom Erlös das Begräbniß zu be⸗ zahlen und den Rest an Dich zu schicken. Bei unsrer Abmachung mit dem Schwager bleibt's also. Du gehst zu ihm nach Camburg und lernst die Schusterei.'s ist ein geachtetes Brod— und kein Schwindel dabei,“ fügte er hinzu, über seinen eigenen, traurigen Scherz lächelnd.
Johannes nickte und lächelte auch, aber aus seinem Lächeln hätte man es ablesen können, wie viel ernster, reifer und freudloser er war, als jeder andere seines Alters.
Drei Tage nach dem letzten derartigen Gespräch, mit dessen letzten Worten der Kranke heiter und nichtsahnend hinübergeschlummert war, stand der Knabe reisefertig vor der Thür seines Heimathhauses.
Es war am frühen Morgen eines Frühlingstages.
Ueber dem Dom, welcher mit seiner wuchtigen Steinmasse die ganze niedere Häuserreihe, in deren kleinstem Bau der Todtenbitter gewohnt hatte, in bleichem, thauduftigen Schatten hielt, blickte ein tiefblauer, lichtgetränkter Himmel hernieder. Machtvoll dröhnend
gingen die Glockensänge von dem Hauptihurme aus in die festta, Weite, und ihnen entgegen flutheten warm und süß die Düfte de unzählbaren goldigweißen Dolden des wilden Hollunders, der in jedem Gärtchen der Stadt, auf jedem Platz, in allen Anlagen, Höfen und Hecken in verschwenderischer Ueppigkeit gedeiht. Diese Bläthen und die Glocken, die Zeugen und treuen Genossen seiner Kindheit, geleiteten Johannes mit Duft und Klang aus dem Städtchen hinaus. a Mit seinem Bündel und dem ungefügen Wanderstock, welcher seinem Vater gehört hatte, ging der Knabe, steif und ernst, ohne sich umzusehen oder ein Mal die Mütze zum Gruß zu ziehen, an den schöngeputzten Kirchgängern vorbei und durch die sanft ansteigende, villenbegrenzte Promenade nach dem von Akazien und Frührosen durchhauchten Bürgergarten, von dessen höchstem Punkt aus man die ganze Stadt übersah, die mit ihren spitzen Ziegeldächern, ihren Kirchen und dem Alles überragenden Dom bunt und freundlich aus
dem Violett und Blaugrün der bis zu den fernen Bergen hinüber⸗ 1
wallenden Klee- und Kornfelder emportauchte. 4
Auf der Aussichtsbank unter den vier Pappeln, auf der der Knabe an jedem sonnigen Sonntag einige Stunden lang mit seinem 1 Vater gesessen hatte, rastete er auch jetzt ein paar Minuten aus,
das bekannte, traute Bild mit einem langen, thränenlosen Abschieds⸗ 0
blick umfassend. ö Dann ging er still wieder thalein, ließ die Stadt zur Rechten und strebte auf schmalen Wiesen⸗ und Feldwegen der breiten, pappel-⸗ umsäumten Landstraße zu, die sich vorhin als hervorstechendste Linie aus der weitgebreiteten Landschaft gehoben hatte. a Den ersten Rastpunkt auf dieser Straße und zugleich etwa die Mitte zwischen Naumburg und Kösen bildet ein Dorf, das dem Reisenden durch das Landschaftsbild, welches man von der Terrasse des Gasthofes aus zu genießen pflegt, unvergeßlich bleibt. 0
Beim Anblick des Wirthshausschildes fiel es Johannes ein, daß er die Suppe, die ihm die Wirthin zum Frühstück gegeben, dem zottigen Haushund vorgesetzt, der mit Winseln und Heulen seinen Reisevorbereitungen zugesehen hatte und der nur,— nach Art alters. schwacher Gefühlsschwelger,— durch die unverhoffte gute Mahlzeit zu bewegen gewesen war, seinen Schmerz zu vergessen und den Freund allein in die Ferne ziehen zu lassen. ö
So trat der Knabe, um sich durch einen billigen Trunk zur Weiterreise zu stärken, mit seinem Bündel und Stock schüchtern in den hinter dem Hause gelegenen, terrassenförmig angelegten Wirths⸗ garten ein und nahm in einer Laube dicht neben der Steinmauer Platz, hinter welcher der mit Buchen und Flieder begrünte Berg⸗ hang malerisch zum Thalboden hinabfiel, aus dessen tiefster Senkung das vom Sonnenlicht übergossene, stahlfarbene Gefunkel der Saale heraufblitzte.
Weich und weit hinausblauend stiegen die rebenbepflanzten Höhen jenseits des Flusses wieder hinan; leichte Wolkenschatten unterbrachen das schönbeleuchtete Bild mit halber, traumhafter Dämmerung; aus dem Dorfe, das vom Gasthaus nieder sich in's Thal streckte, um sich drunten wohlig im Schutze der alten, spitzthürmigen Kirche aus⸗ zubreiten, stiegen weiße, zartverschlungene Rauchschleier in's Blau, welche droben zwischen den Schwingen der kreisenden Schwalben lustig in Nichts zerflatterten.
Des Knaben Seele war für die heitere Schönheit dieses Bildes wenig empfänglich. Ihn beschäftigte es mehr, daß er nun zum ersten Mal wie ein Erwachsener, im schwarzen Rock, dessen durch die über⸗ mäßige Länge und Weite nur vermehrte Aermlichkeit er nicht ahnte, auf seiner ersten Reise begriffen, im Wirthshause saß und wie die Anderen sein Glas Bier vorgesetzt bekam.
Zwischen der freudlosen Kindheit, die hinter ihm lag, durch den Tod des Vaters schmerzlich beschlossen, und dem harten Jünglings⸗ alter, dem er entgegenging, war diese Stunde ein goldener Rast-⸗ punkt, ein Aufathmen im Licht, dessen Reiz er halb bewußt, halb unbewußt genoß.
Während er mit langsamen Zügen sein Glas leerte, füllte sich der Garten, der schon vorher von frühen Gästen halb besetzt war, mehr und mehr. b
Eine große Gesellschaft, aus Erwachsenen, Kindern, jungen Herren und frischen, schönen Madchen bestehend, nahm die Aufmerksamkeit der Kellner hauptsächlich in Anspruch. Man rückte eine Anzahl Tische zu einer langen Tafel zusammen, die Knaben holten Stühle und Fußbänke herbei, während die Herren Wein und Frühstück bestellten.


