Ausgabe 
1.5.1887
 
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zu den

Ourrhessischen Machrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

nr 18

Gießen, den 1. Mai.

V.

Glaube nicht, mein armer Junge, daß ich neidisch mit rauher Hand Deine ländliche Idylle zerstören will. Du weißt, Dein alter Onkel hat in seiner Jugend auch manche Dummheiten gemacht, und stellt sich nun nicht auf ein Jugendpostament den Schwächen Anderer gegenüber, doch wenn solche kleinen Romane beginnen in die Oeffentlichkeit überzugehen, ist es die höchste Zeit, daß man der Sache ein Ende macht. Der an mich adressirte anonyme Brief hat längst in den Flammen sein Ende gefunden, doch Ellinor's spöttischen Mienen und dem lächelnden Achselzucken manches Be⸗ kannten merkt man es an, daß das Ding bereits seine Verbreitung gefunden. Ich tadele Dich nicht, mein Junge, daß Dein heißes Herz einmal wieder mit Dir auf und davon gegangen ist. Wer sehnt sich am Nordpol nicht hin und wieder nach südlicher Sonne Gluth, doch wie gesagt, alles hat seine Zeit. Bis hierher hatte Julian finstern Angesichts gelesen. Nun zerknitterte er das Blatt in der geballten Hand und schleuderte es wie etwas Giftiges von sich.

Ja, es hatte alles seine Zeit, und auch die Zeit, wo er, der träumende Phantast, erwachen und ein willensstarker Mann werden mußte, war endlich gekommen. Gutwillig zurückkehren in das alte Joch, worin Familienrücksichten ihn geschmiedet nimmermehr! Aus muthig zerbrochenen Fesseln wollte er frei hinaustreten in die Welt, bereit, sich eine Zukunft zu schaffen nach eigener Wahl. Wie ihn die nachsichtigen Worte des Briefes, die nonchalante Auffassung dieses sogenannten Verhältnisses empörte.Einen flüchtigen Rausch, eine kleine Liebelei nannte der treueste, beste Freund auf Erden ein Gefühl, so rein und heilig, wie es noch nie sein Herz gehegt. Jung, hoffnungsreich, ein anderer, besserer Mensch war er durch den Zauber ihrer holden Nähe, durch das wunderbare Gnadengeschenk ihrer Neigung geworden. Und doch, hatte er auch nicht hier, selbst ihr gegenüber die erste, höchste Pflicht, die der Offenheit versäumt? Unter erborgter Maske war er, Liebe werbend, vor sie getreten, und als dieses kindliche, blind vertrauende Herz wirklich sein geworden, da hatte er die Täuschung fortgesetzt, sich feige tröstend mit der unbestimmten Hoffnung, ein glückliches Etwas könne von Außen her zu Hilfe kommen.

Nun wurde er wirklich von Außen her unsanft geweckt, nun half kein Zaudern mehr, der gefürchtete Zeitpunkt der Eröffnung war gekommen. Wie würde sie die Wahrheit aufnehmen! Er fühlte bei dieser Frage sein Herz unruhig klopfen, und mit großen hastigen Schritten durchmaß er das kleine sonnenhelle Gemach. Ach, sie wird die kleine, unausgesprochene Lüge ihm verzeihen, muthig in dem bevorstehenden Kampf an seiner Seite stehen, liebend, mit zarter Hand ihn leiten, demüthig sich von ihm, dem Stärkeren, schützen lassen. Mitleidig hatte man von jeher in der Familie über

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Im Nebel.

Novelle von H. René. (Fortsetzung.)

sein sogenanntes Talent die Achseln gezuckt, ihm stets bewiesen, daß er mit seinem alten Namen eben nur Dilettant bleiben müsse, und nun sollte der geliebte Pinsel doch noch sein Handwerkszeug werden, Brod schaffen für ihn und für sie.

Wie freudiger Stolz das Blut ihm glühend in die Wangen

trieb! Nun wollte er ihr Alles bekennen, ihr alles sagen, nun wurde ihm, in der fieberhaften Unruhe, die ihn plötzlich erfaßte, jede Minute des Zögerns zum Unrecht. Wo er sie finden konnte, das wußte er. Schon frühzeitig, als noch der leichte Reif an den gelbblättrigen Kastanien hing, war sie hinausgewandert in die Haide, um den Holzfällern ihr Morgenbrod zu bringen. Nun mußte sie längst auf dem Heimweg sein, und wo sie dann gewöhnlich zu rasten pflegte, das wußte er auch; kannte er doch den kleinen, lindenbeschatteten Hügel mit der Aussicht über den endlosen, sonnenschillernden See ganz genau. Wie oft hatte er in den letzten Wochen mit ihr dort gesessen, sich ein fröhlicher, weltenstürmender Knabe an ihrer Seite edünkt. f Rasch verließ er das Haus. Auf den Korridor's und auf dem großen Vorflur war es todtenstill, er hörte den feinen Sand unter seinen eiligen Tritten knistern, aber auch in Hof und Ställen regte sich nichts. Der Albrecht mochte wohl wieder einmal nicht nach Hause gekommen sein, die Nacht in toller Gesellschaft durchzecht haben. Wie sollte das nur enden! Mitleidig gedachte er der alten Frau, die so schwer unter diesem Treiben litt.

Nun hatte er den Hof, die staubige Dorfstraße mit den arm seligen, strohbedeckten Hütten hinter sich, und vor ihm lag die Haide, vom goldenen Zauberlicht der Herbstsonne funkelnd umrahmt. Wie weit war der Blick ringsumher, wie klar der Himmel! Unwillkürlich hob er die Arme, als verlange es ihn, die ganze Welt an sein sehnendes und in diesem Augenblick doch wieder so furchtsames Herz zu ziehen.

Jetzt schimmerten dicht vor ihm die bekannten Linden. Der letzte Gewittersturm hatte arg mit den übriggebliebenen welken Blättern gehaust und sie zu einem großen Berge zwischen den alten nun halb kahlen Stämmen zusammengefegt. Auf diesem trübselig raschelnden Berg saß Fränzchen, neben sich einen großen Korb, halb mit gluthrothen Beeren, halb mit Haidekraut gefüllt. Die Arme über die Brust verschränkt, den Kopf mit dem vom Morgenwind zerzausten Haar leicht zurückgelehnt, schaute sie mit großen, ent⸗ zückten Augen auf die silberfunkelnden, im neckischen Spiel sich leise kräuselnden Wellen zu ihren Füßen. Es lag nichts Weiches, Träumerisches in ihrem Gesicht. Man sah, sie genoß mit vollem Bewußtsein die Schönheit dieses längst vertrauten Bildes.

Noch nie war Julian das Ernste, Durchdachte, die stolze Offenheit in diesen kindlichen Zügen so aufgefallen wie in diesem Augenblick.

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