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„Sie weiß ganz genau, was sie will; niemals thut sie etwas halb,“ dachte er, mit Ungeduld vorwärts eilend.
Fränzchen schien seine Nähe zu ahnen. Schnell stieg ihr das Blut in die Wangen, ihre Augen nahmen unwillkürlich einen wärmeren Ausdruck an, und mit einem leisen Laut der Freude streckte sie ihm beide Hände entgegen.
„Mein Liebling, finde ich Dich im Sonnenschein!“ fluͤsterte er zärtlich in ihr Ohr.
„Mir ist's, als ob die Sonne zu mir gehörte, als könnte in Finsterniß ich gar nicht leben,“ meinte sie.„Wir waren von jeher gute Freunde miteinander, und schon als Kind schlich ich oft heimlich aus dem Bette, um ihren ersten feurigen Strahl jubelnd zu begrüßen.“
Wle schwer sie ihm in ihrer Ahnungalosigkeit sein fürchterliches Geständniß machte.
„Glaubst Du Fränzchen, daß es auf der Welt Vergehen giebt, für welche selbst die zärtlichste, verzeihende Liebe keinen Entschuldigungs— grund zu finden vermag?“ fragte er leise.
Groß und verwundert blickte sie ihn an.„Wie sonderbar Du nur fragst. Betrifft es, meinst Du den Albrecht?“ sagte sie ängstlich.
Er schüttelte den Kopf, und als sie sich wie beruhigt abwandte, seufzte er tief. Wie sollte er seine Beichte beginnen, wie sie voll— enden diesen klaren Augen gegenüber!
Unten im Dorf begann ein heiseres Glöcklein in langgezogenen Schwingungen zu läuten; deutlich trug der Wind jeden der klagenden Töne über den See—
Fränzchen lauschte, dann faltete sie die Hände und ihre Lippen bewegten sich wie im leisen Gebet.
„Das ist die Sterbeglocke, nun hat der Mäller endlich aus— gelitten. Herr, gieb ihm die ewige Ruhe!“ flüsterte sie, sich halb unterbrechend.
Wie ihn die fromme Einfalt dieses Kinderherzens rührte. Welche unfaßbare Seligkeit, zu denken, daß sie für ihn und sein Heil betete. Und er, der durch den ersten Kuß ihrer reinen Lippen doch längst entfühnt war, sollte sie absichtlich noch immer weiter täuschen? Nein, letzt mußte gesprochen werden, jetzt gab es kein Zaudern, kein Be— sinnen mehr.
Er lag zu ihren Füßen im welken Laub, krampfhaft hielt er ihre Knie umklammert.
„Stoße mich nicht von Dir, Fränzchen, wenn Du mich gehört, hast,“ flehte er.„Wende Deine Augen fort, damit mir das Be— kenntniß meiner Schuld leichter werde, doch laß mir Deine liebe Hand ein Führer sein aus der Finsterniß. Du zltterst vor der Enthüllung, süßes Kind. Ach, kein Verbrechen, keine Blutschuld befleckt meine Seele. Wenn ich mich verging, so war es gegen Dich allein, und Du allein sollst auch mein Richter sein. Der Athem versagt mir, die Zunge sträubt sich gegen das furchtbare Wort. Fränzchen, kannst Du mir verzeihen? Ich, ich bin verheirathet.“
Schrill klang die Todtenglocke, leise rauschten die Wellen an's Ufer, sonst regte sich kein Laut.
Julian hatte seine Stirn auf ihre Knie gesenkt, und hielt die immer kälter werdenden Hände mit festem Druck umspannt. Wie still sie war, sie athmete kaum. Ein Aufschluchzen des Schmerzes, ein Schrei des Abscheu's hätte Erlösung ihm gedünkt in diesem Augenblick, doch diese unheimliche Stille ließ ihm fast das Herz— blut stocken.
Langsam und scheu schlug er die Augen zu ihr auf, doch er erschrak. Wie ein thaufrischer Blumenanger, über den ein giftiger Windhauch plötzlich verwüstend gestrichen, erschien ihm ihr blasses, hoffnungsloses Gesicht. Müde, wie erloschen, starrten ihm die Augen entgegen, und nun fühlte er auch, wie sie leise ihm ihre Hand entzog.
„Nicht so, Fraͤnzchen, Du hast mich nicht verstanden,“ rief er außer sich.„Nur äußere Rücksicht, kein heiliges Band knüpft mich an die aufgedrungene Gattin, der nie mein Herz gehoͤrte, der ich nichts entzog, als ich um Deine Liebe warb. Jenes kaltsinnige Weib wird nichts bei diesem Wechsel empfinden. Wie kann man von Trennung sprechen, wenn nie eine Gemeinschaft der Seelen be— stand. Du zürnst mir, Fränzchen, aber Du wirst mir auch ver— zeihen. Mein Herz war frei, und frei ist auch bald die Hand, die ich Dir für's Leben reiche.“
Schaudernd machte sie sich aus seinen Armen frei. Sie schwankte, als sie auf den Füßen stand und zertrat achtlos die Blumen, die sie noch eben froͤhlichen Sinn's sorgfältig gesammelt.
Julian packte es wie Verzweiflung bei diesem Anblick.
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„So darfst Du nicht von mir gehen,“ rief er, ihr den Weg ver— tretend.„Du mußt mich hören, und alle Mächte Himmels und der
Erde werden mir helfen die Worte stellen, damit ich bei Dir Glauben und Verzeihung finde. Es mag schmachvoll gewesen sein, daß ich mich um des schnöden Mammons willen verkaufen ließ, doch ich war jung, weich und träumerisch, in Abhangigkeit von dem strengen Vater von jeher erzogen. Nie konnte ich in dieser erzwungenen Verbindung die Heiligkeit der Ehe sehen; wie ein Hohn erschien mir dieses Wort. Heilig allein ist die Liebe für Dich, mein Fränzchen, und darum ist es unser gutes Recht einander zu gehören. Drüben, überm Ocean, ist freies Land. Dort will ich für Dich leben, arbeiten, ja hungern, wenn es sein muß. Geliebte, sage, hoͤrst Du, verstehst Du mich?“
Ihre blassen Lippen bewegten sich, doch kein Laut drang daraus
hervor.. g„Nur ein Wort, einen Blick,“ flehte er.„Ach, auch dieser Augen blick des Schreckens wird vorübergehen, und die Sonne einer glücklicheren Zukunft uns später leuchten. Wohl arm an Gütern, aber reich an treuer Liebe und freudigem Kampfesmuth soll sie uns finden. Nicht wahr, mein Liebling?“
Sie wich seiner Berührung aus.„Es ist alles Lüge. So wie ihr, wirst Du zum zweiten Mal auch mir den Schwur brechen,“ sagte sie, und seltsam heiser, fast wie gebrochen klang ihre Stimme.
„Du hast den Glauben an mich verloren, doch Du wirst ihn wiederfinden,“ rief er, überzeugungseifrige Zärtlichkeit in jedem Ton.
Matt schüttelte sie den Kopf.„Wie könnte ich das? Du hattest ein Weib und sprachst zu mir von Liebe,“ flüsterte sie.
„O, nicht dieses Wort, diese Bezeichnung für sie, die nie es mir war,“ bat er leise.„Mein Weib, die treue Gefährtin in Freud und Leid, sollst Du allein mir sein.“
Sie starrte ihn an; alle widerstreitenden Gefühle ihres Herzens spiegelten sich in den braunen Sternen wieder. Dann schlug li die Hände über's Gesicht.„Also zwiefacher Meineid gegen Gott, und die Menschen!“ stoͤhnte sie.
Betroffen trat er einen Schritt zurück. Noch nie hatte er an das große Machtgebot seiner Kirche, die Unlöslichkeit der Ehe, ge— dacht. Und wenn auch, was waren ihm solche Hindernisse, wo es sich für ihn um das höͤchste Glück der Erde handelte!
„Nicht an den todten Buchstaben wollen wir uns halten, nicht die starren, vom Menschengeist erfundenen, und von Menschenhand aufgestellten Satzungen sollen über uns herrschen,“ rief er zärtlich, ihre kalten Hande zwischen den seinigen wärmend.„Es gilt unser ganzes Lebensglück, um das müssen wir wie Verzweifelnde kämpfen. Wer hat die Macht, zwei Herzen, die in unvergänglicher Liebe ein— ander angehören wollen, zu trennen? Diese Herzen besitzen ihr
gutes Recht, das beste, das die Natur ihnen selbst verliehen. Und sie werden es sich ertrotzen, nicht wahr, mein Lieb?“. Es war ihr gelungen, ihm ihre Hand zu entziehen. An allen
Gliedern zitternd stand sie vor ihm. Süß und verlockend klangen wohl seine Worte, doch war es nicht unrecht, ihnen nur zu lauschen? Horch, da tönte die Glocke wieder, doch es schien nicht mehr des Müllers Sterbeglocke, sie horte es deutlich, es war die Glocke, die allsonntäglich die frommen Beter in das kleine Kirchlein rief. Hell funkelte die Sonne auf dem goldgestickten Meßgewand des Priesters, brach sich in tausendfachem Strahl an dem buntgeschliffenen Altar⸗ fenster. Sie sah die Monstranz schimmernd und strahlend in hoch— erhobener Hand, während die Christenschaar athemlos im Staube kniete. Und dieser Stätte, die man seit dem ersten Kindheitslallen heilig zu halten sie gelehrt, sollte sie nicht mehr betend nahen dürfen. Wie eine Ausgestoßene würde man sie betrachten, scheu, wie einer verirrten Seele ihrer vielleicht nur im Gebet gedenken. Es war ein grausames Gebot, so ohne Nachsicht mit den Schwächen der armen irrenden Menschheit. Es schnitt ihr in's Herz, wenn sie daran dachte, und Gott sollte doch der Urquell aller Liebe sein.
Da traf sie ein flehender Blick aus Julian's blauen Augen. Welche beredte, eindringliche Sprache sie zu führen verstanden. Alle Liebeswonne, alles Gluͤck der Erde, wonach ein zärtliches Herz nur verlangte, verhießen sie ihr an des Geliebten Seite; mit ihm und für ihn leben! Welche Seligkeit! Und doch, lag über alledem nicht ein schwarzer Schatten? Wuchs er nicht blitzschnell an zu schauer⸗ licher Riesengroͤße? Angstvoll schrie sie auf, und stürzte, wie von Furien verfolgt, den Abhang hinunter.
Traurig blickte Julian ihr nach. Den Gedanken, sie durch eigene
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