Ausgabe 
1.5.1887
 
Einzelbild herunterladen

e

8139

Schuld vielleicht für immer verloren zu haben, scheuchte er gewaltsam

von sich. Er wollte ihr Zeit lassen, das so plötzlich auf sie Ein gestürmte zu verwinden. Allein mit sich zu Rathe gehend, sollte

sie Klarheit schaffen zwischen ihrer Liebe und den heiliggehaltenen Traditionen der Kindheit. Und auf die Stärke seiner eigenen Neigung bauend, hoffte er zuversichtlich auf den Sieg.

Flüchtigen Fußes eilte Fränzchen weiter. Wie die Schläfe ihr hämmerten, und wie seltsam kalt und schwer dabei ihr das Herz in der Brust lag. Nur mechanisch hatte sie den Weg nach Hause eingeschlagen, nach dem alten, lieben Hause, das sie nun als eine Andere wieder betrat. War jenes unbarmherzige Gestirn dort oben am Himmel wirklich die traute, wohlbekannte Sonne, die ihr so oft auf ihren Gängen so fröhlich geleuchtet? Und jene Bäume am Wege, konnten es die grauen, zerborstenen Weiden sein, in deren hohlen Stämmen sie sich als Kind oft neckend versteckt? Prüfend glitten ihre eisigen Fingerspitzen über die borkige Rinde. Dort stand von ungeübter Hand ihr Name eingeschnitten, und dort weiter oben schimmerte ein verschnörkeltes A, das bedeuteteAlbrecht. Ja, sie war daheim, auf alt vertrautem Boden, und dabei doch ein armes, verirrtes Kind, das den rechten Pfad verloren.

Nun stand sie am Hofthor. Die braunrothen Weinranken spannen ein dichtes Netz um das alte Gemäuer, mit ihrem satten Kupfer⸗ glanz weithin über die öden Felder leuchtend.

Eine, vom Winde hin und hergetriebene blätterreiche Ranke streifte ihr Haar. Sie fühlte es deutlich, und doch wunderte sie sich wieder über sich selbst, denn das Bild, das sich so plötzlich ihren Augen geboten, mußte doch ihr ganzes Interesse wecken.

Der stille Hof voller Menschen, aufgeregt durcheinander sprechende Stimmen wurden in allen Ecken laut. Man lief hin und wieder, rief, suchte, und mitten darin lehnte die zusammengebrochene Gestalt der Großmutter, liebevoll von dem jungen Lehrer gestützt.

Fränzchen fuhr mit der Hand wie besinnend über die Stirn. Hatte sie denn Blei in den Schuhen? War eine Lähmung durch ihre Glieder gegangen, daß die Füße sie so langsam vorwärts trugen? Nun hatte sie endlich mühsam die Stätte erreicht, ihre Arme um⸗ schlangen die alte, geliebte Gestalt, und leise drückte sie ihre kalten Lippen auf die schmerzvoll gerungenen Hände. ö

Fränzchen, mein Kind, ächzte die Greisin.Die ganze Welt weiß von unserem Elend, von unserer Schande, nur Du allein kennst sie noch nicht. Neige Dein Ohr zu meinem Munde, daß ich es Dir flüsternd sagen kann. Der Albrecht ist fort, flüchtig für immer, und mit ihm die Kasse seines Herrn.

Nur schwerfällig, nach und nach konnte Fränzchen's überreiztes Hirn den Sinn dieser Worte fassen. Die zweite, schreckliche Bot schaft im Zeitraum einer kleinen Stunde. War das Menschenherz wirklich stark genug, so viel verzweiflungsvollen Schmerz zu ertragen, oder mußte es zusammenbrechen unter dieser Wucht?

Zögernd, wie um Bestätigung bittend, schaute sie zu dem jungen Schulmeister auf. Dieser nickte mitleidig bejahend, und noch nach vielen Jahren, wenn die Erlebnisse jener schrecklichen Stunde ihm vor die Seele traten, mußte er des todestraurigen Blicks der braunen Gazellenaugen gedenken.

Kannst Du es begreifen, bricht? hörte sie die Großmutter Stimme war so weit, undeutlich, wie von fernem Meeresrauschen begleitet, schlug sie an ihr Ohr. Und sehen konnte sie auch nichts mehr, mitten in der Vormittagssonne stieg der weißlichgraue Wiesen⸗ nebel auf. Nun wurde er dichter, dunkler, immer dichter.

Der Albrecht fort, wir von Haus und Hof gejagte Bettler. Verstehst Du, was dieses heißt? fragte die alte Frau noch einmal.

Ich weiß alles, die Todtenglocke hatte mir es längst gesagt, flüsterte sie mit halbgeschlossenen Augen. Dann ging ein eigenthümliches, wie verklärtes Leuchten über ihr Gesicht, ein tiefes Aufathmen, und langsam brach sie in sich selbst zusammen.

Der Tod! schrie die Großmutter auf.

Eine wohlthätige Ohnmacht, sagte der junge Lehrer, der sie liebevoll auf seinen Armen in das Haus trug.

(Fortsetzung folgt.)

das Elend, das nun über uns herein⸗ fragen, doch die liebe, zitternde

Nora.

Eine Geschichte aus dem Kinderleben. Von Sara Hutzler. (Fortsetzung.)

Wii

Er hatte es gut vorgehabt, der freundliche Burscke, und seine Alte, die gutwillige arbeitsame Plättfrau, hatte mit ihrem warmen Herzen jedmögliche Bereitwilligkeit gezeigt. Das frierende Kind mit seinen großen hilflosen braunen Augen hatte ihr sofort das Herz weich gemacht. Ein solches kleines Mädchen hatte sie verloren im zweiten Jahre ihrer Ehe, hatte sie hinaustragen müssen auf den Kirchhof vorm Thor, und da lag es denn eingebettet unter Jasminblüthen und ruhte sanft. Es war auch dunkeläugig gewesen wie dieses Kind, und ihr Mann, der längst entschlafene brave Tischlermeister, hatte mit ihr zusammen an der kleinen Leiche bitterlich geweint und sich um das verstorbene Kindchen gegrämt, bis ihm eines schönen Frühlingsmorgens der helläugige Bursche erschien und mit seiner gesunden Knabenkehle das kleine Zimmerchen vollschrie. Sein Schreien hatte alles Andere gründlich vertrieben, alles Herzweh um Vergangenes, alles Sinnen über Zukünftiges, er hatte mit seiner geräuschvollen Kehle das Ehepaar in Athem gehalten sie geängstigt, sie erfreut, sie erschreckt und sie wieder entzückt, kurz, er hatte ihre Herzen so ganz ausgefüllt, daß sie des heimgegangenen dunkeläugigen Herzblättchens da draußen unter den Jasminblüthen weniger und immer weniger gedachten, und ihm nur schließlich am Todtensonntag eines jeden Jahres ein Kränzlein hinaustrugen aufs Grab und es im Uebrigen ruhig schlafen ließen. N 5

Der helläugige Bursche war ihnen herangewachsen zur Freude zum Trost. Er hatte den hellen leuchtenden lachenden Charakter seines Vaters geerbt und mit diesem zusammen waren schöne frohe Tage über das Dasein der guten Frau gezogen, bis es eines Morgens in dem kleinen Heim dunkelte und plötzlich farblos wurde. Sohn und Mutter trugen den Mann und Vater denselben Weg, den sie dereinst ihr kleines Töchterchen getragen, und betteten den Theuren, Lieben, dessen Lachen das traute Heim so froh gemacht, dessen joviale Stimme allabendlich, wenn die Arbeit vollendet war, mit solch herzgewinnender Fröhlichkeit zu ihnen hereingeschallt hatte, neben dem dunkeläugigen Kindchen unter der Jasminhecke vor dem Thore.

Seit jener Zeit war es stiller geworden im Stübchen der guten heiteren Frau. Die Linien ihres Gesichtes waren etwas länger geworden, die dunkeln Haare gestreifter und der Gang etwas schwerer, aber das alte Herz für den Sohn hatte sie sich bewahrt, für den prächtigen frischen Sohn, der heranwuchs und seinem Vater ähnelte, der, wie er früher, so heute mit ihr scherzte und lachte, und der auch wenn sie traurig wurde, still neben ihr saß und mit ihr weinte. Sie hatten zusammen ihr Leben gelebt, zusammen ihr Leid und ihre Freude getragen zusammen saßen sie nun berathend vor dem fremden Kindchen, das heimathlos und verlassen war, und sannen über das nach, was ihm dienstlich sein konnte.

Ihre Absicht war eine gute, ihr Wollen das Beste, aber die Ausführung wurde ihnen nicht gewährt.

Die Polizei machte sich geltend. Die Verfolgung der Bäckers⸗ frau hatte schnell gewirkt. Man fand das Kind auf der Straße vor dem Hause der Plättfrau und gebot ihm barsch, zu folgen.

Nora hatte hell aufgeweint vor Angst, und dann war sie schreckhaft geworden und schweigsam wie Jemand, dem die Angst das Wort verschlägt, mitgegangen.

Ein einziges Tröstendes hatte sie erfahren. Es kam von dem guten Beschützer, dem Zeitungsburschen. Er hatte es verstanden sich ihr zu nähern. Seine geflüsterten Worte gaben ihr das Leben wieder.

Schlimmes passirt Dir nicht, läßt Dir die Mutter sagen, sie führen obdachlose Kinder in's Rettungshaus, nicht in das Gefängniß. Du sollst Alles zugestehen, sagt die Mutter, in dem Hause geht's gut zu, man lernt was, man hat sein Essen und sein Bett. Sei guten Muthes ich suche Dich auf! i

Das Rettungshaus! Sie wußte davon nichts. Sie saß bleich und stumm vor den ernstblickenden Männern, die über ihr Schicksal verfügten.Mach dich recht schlecht, hatte ihr der Junge im Fortgehen noch zugeflüstertsag' daß Du stiehlst wie ein Rabe,