Ausgabe 
1.5.1887
 
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daß Du gar nicht anders kannst denke nur, Schutz und Obdach kommst, kleine Ente!

Kleine Ente! Wie lieb war ihr das Wort jetzt! Sie sah mit feuchten Augen und einem Dankeslächeln zu ihm auf, mit schwerem Herzen ihm nach, als er ging. f

Schlecht machen sollte sie sich? Das war nicht mehr nöthig, so schlecht machte man sie von selber.Vagabondin obdachlos auf den Straßen aufgefunden Diebstahl verkommenes Geschöpf, ohne gute Leitung, ohne Angehörige für das Rettungs- haus geeignet! Man hatte sie wenig gefragt. Ob sie ganz allein stände?

Ja! Ob sie sich der Unredlichkeit schuldig bekannte?Ja! Ob sie ihre Strafbarkeit eingestehe? Einen Augenblick hatte sie aufgesehen mit großen trotzigen Augen; ihre Strafbarkeit? Nein in ihrem Herzen rief es laut und gewaltignein! Sie hatte gehungert und aus Hunger genommen, was ihr unrechtmäßig ent zogen worden war. Strafbar? Nein sie war es nicht und doch sie zögerte mit der Antwort. Des Freundes Rath fiel ihr ein.Gestehe Alles zu mache Dich schlecht es giebt Betten und ein Obdach. Sie senkte die dunklen Augen langsam, ihre Lippen zuckten ein wenig..

Ob sie ihre Strafbarkeit zugestehe? fragte man nochmals. Sie gab die Antwort ganz leise und zitternd, während die Thränen ihr über das Gesicht rannen.

Ja o ja! Sie hauchte das Wort hin ohne Stimme, ohne Ton, ohne eigenen Willen, und sie that es um ein Bett, um ein Mittagsmahl, um ein Obdach.

daß Du unter

IX. a

Das hohe, aus grauem Stein errichtete Gebäude lag weit aus dem Umkreise der bebauten Stadttheile, und seine Frontseite hatte ein kaltes, fast abweisendes Gepräge. Ein hohe Mauer umspannte den weiten Hofraum hinter dem Hause, und versperrte den Ausblick über die fernen Felder und die unbebauten Straßenflächen hinter ihnen.

Ganz einsam und finster war die äußere Umgebung des großen Baues, deren weite Korridore leer waren und nur selten Wiederhall gaben von auftretenden Füßen.

In der breiten Vorhalle stand ein erhöhter Tisch, auf dem ein dickes Buch lag, darin die Namen derer verzeichnet standen, denen aus dem Institut Arbeitspersonal überliefert worden war. Gleich obenan stand Tag und Datum und darunter der Name:

Martha Klapp Putzgeschäft Friese Magdeburg Lehr mädchen, und weiter unten

Anna Behrend Waschanstalt Köpenick Botendienst.

Die zurückgeschlagene Seite enthält Aufzeichnungen von verlangten Personen. Wäschefabrik Lehrmädchen bei den Knopflöchern. Federgeschäft Barnim. Gehülfin verlangt! Bäckerei Wittenberge Mädchen für Ladendienst! Zur linken Seite des Tisches hing eine Messingbüchse. Ueber der

Oeffnung standen in geprägten Lettern die Worte:Gedenket der

Armen!

Zwei breite Treppen bogen rechts und links vom Vorsaal ab, welche in die oberen Räume des Instituts hinaufführten, und zu Häupten der Treppen lagen die Gänge, welche in die Arbeitssäle mündeten.

Nora war mit verschüchterten Schritten und ängstlichen Mienen allen Anordnungen, die man ihr machte, stumm gefolgt.

Das böse Verhör im Hause selbst vor dem Inspektorpaar hatte sie überstanden. Mit gedrücktem Herzen hatte sie die kalten Mauern, die stillen Korridore überblickt. Das dumpfe Schweigen allerwärts, das leere Starre, das ihr überall entgegensah, machte sie frösteln und die harte Stimme der strengen Inspektorin raubte ihr alles Selbstvertrauen und machte sie unsicher in Gang und Haltung. Der leinene Kittel, den sie zum Austausch gegen die eigene Kleidung anlegen mußte, war weit und faltig und hing ihr sackartig um die Schultern, so daß sie sich verloren und fast unbekleidet vorkam.

Gerade aus liegt der Arbeitssaal, hatte ihr die Inspektorin gesagt, als sie unscklüssig in dem Gang stehen blieb und zögernd zu der Frau aufblickte,immer geradeaus, vorwärts!

Die Frau folgte ihr, mit einem riesigen Schlüsselbund klappernd,

nach. Nora hatte erkannt, daß das Gesicht der Führerin geschäfts⸗ mäßig streng und ernst war und daß sie, von dem Blick des Kindes scheinbar belästigt, ungeduldig voran schritt. f

Oeffne! Nora faßte gehorsam die Thürklinke und schob die Thüre zurück. Sie stand in einem großen Saal, in dem viele Mädchen saßen. Der Raum war vielfenstrig. Ein Geruch halb dumpf, halb feucht wie von der Nähe eines Kellers drang zu ihr. Die vielen Mädchen sahen beim ersten Blick alle ganz gleich aus. Erst bei längerem Hinsehen bemerkte sie die Verschiedenheiten der Ge stalten und Erscheinungen.

Der Saal hatte querlaufende längliche Tische und auf den Bänken vor diesen Tischen saßen die gleichgekleideten Mädchen. Alle trugen sie, wie Nora, diese sackartig geschnittenen schürzenförmigen Leinen⸗ kittel, Alle fest geflochtenes Haar und kahle freigestrichene Stirnen. Vor einem der Tische in der Mitte des Saales stand eine kleine untersetzte Frauengestalt, die sich beim Klinken der Thüre von der Klasse ab und der Thüre zuwandte. Nora fand in dem kleinen ernsten Gesicht etwas Zutrauenerweckendes, und ihr Blick ging zum erstenmale mit einem kindlich hoffnungsvollen, fast bittenden Aus⸗ druck zu der kleinen Dame auf.

Eine Neue? fragte diese, sich mit einer Verneigung an die Inspektorin wendend, dann als sie dem Kinderblick begegnete komm nur näher, Kleine!

Während einiger Minuten sprachen die Frauen im Flüstertone miteinander und ihr Gespräch betraf das Kind.

Nora fühlte das, und das Bewußtsein, Gegenstand der Besprechung zu sein, machte sie verlegen. Zudem kam, daß sie sich auf's freieste beobachtet wußte. Die Mädchen starrten zu ihr hinüber. Sie nutzten die Augenblicke der fehlenden Kontrole, um sich von ihren Sitzen zu erheben und sich dreisten Mundes flüsternd und kichernd über dieNeue zu unterhalten. Nora wurde sehr roth. Sie hätte weinen mögen, aber sie schämte sich. Ihr schien es, als sähen sie auf ihre Füße, auf die mit harten Nägeln grob beschlagenen Schuhe, welche sie mit dem Leinenkittel zusammen hatte anlegen müssen.

Die Schuhe paßten ihr nicht genau. Nora fühlte, wie ihr die Füße darin locker saßen.

War es das, was die Mädchen belachten? 0

Eine plötzliche kindliche Findigkeit gab es ihr ein, das nächst beste Mittel zu ergreifen, um sich die Füße zu decken. Sie sah auf ihr Kleid. Vielleicht wenn sie sich vorbeugte! Sie machte den schüchternen Versuch. Sie knickte ein wenig mit den Knien ein, bog den Körper vornüber, so daß der Saum ihres Rockes die Stiefelkante deckte, und hielt sich, da ihr die Sache gelang, sorglich balanzierend, fortgesetzt in dieser wenig behaglichen Stellung. So sehr war sie in ihre Bemühungen vertieft, daß sie es übersah, als ihr bedeutet wurde, sich dem Mitteltisch zu nähern, und die In spektorin, welche in der Unachtsamkeit der Neuen eine Unart zu er kennen glaubte, faßte sie leicht an die Schulter und erinnerte sie ungehalten an die nothwendige Aufmerksamkeit.

Die leichte Berührung ihrer Schulter kam dem Kinde unerwartet und erzielte ein bedauerliches Ereigniß. Nora's Stellung, an sich schon eine haltlose vertrug die Seitenneige schlecht dazu kam die sehr begreifliche Verwirrung, in der sie sich befand sie wollte einen Schritt vorwärts thun, kam in's Schwanken, stolperte, fing sich wieder und glitt doch vornüber auf die Diele.

Die Ungeschicklichkeit war für den Eintritt des Kindes nachtheilig. Sie wirkte wenig empfehlend und weckte in der Klasse hochgradige Belustigung und freie Aeußerungen von Hohn und Spott. Die geräuschvolle Art der Mädchen wirkte im höchsten Maße anstößig und trug nicht dazu bei, die keimende Gereiztheit der Inspektorin zu dämpfen. Die traurigen Erfahrungen, die sie täglich und stünd lich im Verkehr mit verwahrlosten und vielfach wirklich verderbten Kindern machte, hatte ein gewisses ihr innewohnendes Mißtrauen gegen alle, die ihr übergeben wurden, so sehr erweitert, daß sie mit Vorempfindung vom Bösen an jeden neuen Zögling herantrat, und so war es fast natürlich, daß sie in einer jeden Kleinigkeit, in jeder Zufälligkeit das ungute Wollen vorauswitterte und es als solches stempelte. Hinter der verlegenen Ungeschicklichkeit Nora's sah sie daher nicht die wirkliche Unbeholfenheit großer Befangenheit, sondern ein berechnetes Streben, sich bemerkbar zu machen; und in dieser Annahme entstand von jener Minute an ein feindseliges, mißtrauisches Gefühl gegen das Kind, das sich in ihrem späteren Aufenthalt im Institut empfindlich fühlbar machte. 8 1