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Bei Plaudern, Schmausen und Lachen ließ man es sich dann in⸗ mitten der herrlichen Lenzwelt gar wohl sein.
Die Kinder nur und die jungen Mädchen hatten nicht Rast.— Während die Kleinen mit den halbverzehrten Frühstücksbroden lärmend und jauchzend auf die Wiesen hinausschwärmten, und nur von Zeit zu Zeit mit Sträußen in den Händen und Kränzen im Haar zurück kehrten, um, ungeduldig wartend, neue Nahrung zu erbitten, standen die schlanken Gestalten der Mädchen an den Rand der Mauer ge⸗ lehnt, von den weinumrankten Pfeilern der Laubengänge eingerahmt. Eine machte die Andere auf die Schönheit des Thales und die zwischen den Hügelkelten verstreuten, hell herüberblinkenden Ortschaften auf— merksam.
Die Jüngste unter ihnen, ein holdseliges Geschöpf mit zierlich getragenem, von lichtbraunem Haarschmuck gekröntem Kopf, konnte des Jubels kein Ende finden. Die Neckereien eines der schmucken Offiziere von der Gesellschaft, der sie wieder an den Tisch und an seine Seite zu locken wünschte, mit gleichem, harmlosen Geneck zurück— gebend, blieb sie, auch nachdem ihre Freundinnen sich abgewandt hatten, an der Mauer lehnen, litt es, daß der leichte Wind mit ihrem Stirngelock und dem weißseidenen Schleifenband auf ihrer Schulter spielte und ließ dabei den Blick der strahlenden, blauen Augen mit übermüthiger Daseinsfreude von dem Flusse zu den fernen Buchen⸗ wäldern, von da zu den blanken Winzerhäusern an den Hügelhängen und von diesen wieder hinab zum Thale gleiten.
Johannes, in dessen Nähe das Mädchen stand, verwandte keinen Blick von ihr. Daß diese schneeigen, zart durchleuchteten Züge von einer edlen Schönheit waren, die jeden Künstler entzücken mußte, verstand der arme Junge nicht. Aber das Bewußtsein, Anderen zur Freude da zu sein, geliebt und bewundert zu werden, gab dem Mädchen eine so glückliche Sicherheit, etwas so Vornehmes, Leichtes und Freies; das war es, was dem Waisenknaben, der sein Leben lang gedrückt, gehöhnt und gedemüthigt worden war, so eigen in's Herz leuchtete und seine ernsten Blicke in unwiderstehlichem Bann hielt.
„Werden Sie nicht endlich zu uns Sterblichen herniedersteigen?“ fragte der Lieutenant, indem er über den Rand seines Weinglases hinweg schwärmerisch zu ihr hinübersah.
„Gleich.— Nur noch von der Mauerecke aus einen Blick in's Freie!“ gab sie heiter zurück, indem sie ihren Platz verließ und in die Veranda trat, die den Garten nach rechts abschloß.
Hier war es, wo Johannes saß.
Als sie an ihm vorbei ging und ihre schönen Augen über seine schmale zusammengebückte Gestalt hinweggleiten ließ, erröthete er. Es sprach ein so eigenes, mitleidiges Sinnen aus ihrem Gesicht, das ihn verwirrte und erschreckte. Nun blieb sie stehen und sah, wie auf ein schmerzliches Räthsel, auf den Jungen nieder, der mit dem kränklichen Kindergesicht, mit den ernsten Augen, in der ehrsamen, spießbürgerlichen Tracht eines Erwachsenen, so freudlos und gedanken⸗ voll vor seinem Kruge saß.
„Bist Du ganz allein auf der Wanderschaft?“ fragte sie endlich freundlich.„Und woher kommst Du denn?“ fuhr sie fort, als er traurig und befangen nickte. f
„Von Naumburg,“ erwiderte er, verwundert in ihr freundliches
Gesicht blickend. „Sieh da! Dort waren auch wir über Nacht.— Aber warum
1 ziehst Du denn so ganz allein in der Welt umher?“ forschte sie weiter.
„Der Vater ist todt,“ sagte er einfach, ohne Thränen, ohne sichtbare Rührung, aber eben deshalb bis zu Thränen rührend.
„Seit langem schon?“ fragte das Mädchen mit feuchten Blicken.
„Seit drei Tagen,“ erwiderte er, sachgemäß und ernst, ohne daß seine Wimpern zuckten.
„Und Deine Mutter?“
„Sie starb schon vor acht Jahren, als der Vater das„Todten⸗ bitten! ung.
Einer weiteren Frage war sie nicht fähig. Sie blickte von dem stillen Gesicht hinweg mit verschleierten Blicken in die Landschaft hinaus. Mit ihrer Glückseligkeit stritten jetzt tausend traumhafte Trauergedanken, den Wolkenschatten gleich, die über die sonnigen Gefilde glitten.
Ein paar Sekunden stand sie so neben dem Knaben, so nahe, daß er den Blumenduft athmete, der die Spitzen ihres Kleides tränkte. Das laute Lachen der Anderen erweckte sie endlich aus ihrem Sinnen. Che sich sich aber hinwegwandte, fühlte Johannes eine Thräne auf
eine Stirn herniedertropfen.
„Ganz verlassen in dieser schönen Welt! Armes, armes Kind!“ sagte sie sehr leise, schon halb im Gehen.
Nun war der Knabe wieder allein. Ganz verlassen! hallte es in ihm nach. Jetzt verstand er es mit einem Male, daß er elend war. Die ersten Thränen seit seines Vaters Tod traten in seine Augen, und durch ihren Schleier sah er mit qualvoller Sehnsucht zum blauen Himmel hinauf und in die festliche, goldige Weite hinüber, deren Schönheit ihm nun schmerzlich zum Bewußtsein kam, da er es ganz erfaßt, daß er einsam inmitten dieser Pracht einher— gehen mußte.
Nach einer Viertelstunde kamen fremde Gäste in die Laube. Um ihnen Platz zu machen, stand Johannes auf, bezahlte sein Bier, nahm sein Bündel und ging davon.
Als er den Garten durchschritt, warf er noch einen letzten scheuen Blick nach der langen Tafel, welche die Kinder nun mit großen Sträußen von Wiesenblumen und Flieder geschmückt hatten.
Das schöne Mädchen saß, leicht zurückgelehnt, neben dem Lieutenant, welcher ihr weißbebändertes Hütchen in der Hand hielt und mit wilden Rosen besteckte.
Ihre Blicke folgten dem Spiel seiner Finger mit stillem Sinnen. — Sie sah es nicht, wie traurig, wie müde der arme Bursch in dem langen, schwarzen Rock zur Pforte hinausschlich, und sie dachte auch ferner wohl kaum daran, daß sie durch das überquellende Mit⸗ leid ihrer leichtbeweglichen, jungen Seele die einzige goldene Rast⸗ stunde verbittert hatte, die zwischen seiner freudlosen Kindheit lag und dem harten Jünglingsalter, dem er entgegenschritt.—
Lose Blätter.
Mutter und Tochter.(Siehe Illustrationen.) Die zwei Figurenbilder dieser Nummer entstammen verschiedenen Malern; sie lassen sich aber leicht durch Geistesfäden mit einander verbinden. Die junge Dame, auf deren lieblichem Antlitz sich das Mutterglück in vollem Glanze zeigt, ist einem Gemälde des Franzosen To ulmouche nachgebildet und Kleidung derselben wie die Ausstattung ihres Zimmers bezeichnen eine hohe Gesellschaftssphäre, der die glückliche Mutter angehört. Paul Höckers kleine Komtesse aber läßt auf den ersten Blick erkennen, daß sie zu den weichgebetteten Kindern des Glücks gehört. Die kleine Aristokratin ist werth, von einer so schönen Mutter wie Toulmouche sie uns vorstellt, adoptirt zu werden. Da nun
Mama ihrer Kleinen entgegenschaut und das Komteßchen vom Reifenschlagen
heimkehrt, so mag die Eine die Andere willkommen heißen. Beide Gestalten sind künstlerisch von edler Abstammung. R. E.
Der Schriftsteller Frere-Orbazan wurde in einer Nacht arretirt und zur Bastille gebracht, ohne einen Grund dafür sich angeben zu können. Als er vor dem Gouverneur Azon stand, um seinen Namen in das Register ein⸗ tragen zu sehen, fragte er deshalb:„Weshalb bin ich hier? Warum be⸗ handelt man mich also?“ Ruhig und kalt lautete Azon's Antwort:„Sie sind sehr neugierig, mein Herr!“ W. G.
Eine arabische Legende. Jesus, der Sohn Maria's, begegnete dem Iblis(dem Satan). Derselbe war als Kaufmann gekleidet und trieb vier schwer beladene Esel vor sich hin. Iblis wäre gern ausgewichen; aber Jesus vertrat ihm den Weg.„Was ist die Ladung Deines ersten Esels?“ fragte er.—„Die Hartherzigkeit, welche die Reichen kaufen.“—„Und was trägt Dein zweiter?“—„Den Neid, den Gelehrte und Künstler be⸗ gehren.“—„Und der dritte?“—„Den Betrug. Die Kaufleute lieben ihn.“— Und der vierte?“—„Die Verschlagenheit, die kaufen die Frauen.“
W. G.
Gustav IV. von Schweden ließ im Jahre 1802 einige englische Aerzte für seine Marine engagiren, doch kamen dieselben bald mit der Mannschaft in Konflikt, da diese von ihnen rasirt zu werden verlangte. Sie drohten zu streiken, und die Admiralität mußte, nicht ohne Widerstreben, auf könig⸗ lichen Befehl Barbiere anstellen. W. G.
Im nördlichen Sibirien ist die Krähe der Frühlingsbote. So theilt uns die verbannte Gräfin Kosinski in ihren Enthüllungen mit:„Eines Tages hörte ich am Morgen ein mächtiges Geschrei, es waren Jubelrufe, aus denen die Worte:„Die Krähe! Die Krähe!“ an mein Ohr schlugen. Plötzlich wurde meine Thür aufgerissen, ein fünfzehnjähriger Bursch schreit herein:„Die Krähe! Die Krähe!“ und fort ist er wieder. Ich ging nun, um mich zu überzeugen, auf die Gasse und erfuhr da, Krähen hätten sich auf den Feldern gezeigt und dann sei der Frühling unzweifelhaft nahe.“
W. G.
An den Markgrafen von Brandenburg, Johann V., schrieb einst ein Büchsenmacher folgenden naiven Brief:„Guten Tag, Herr Markgraf!— Eure Büchse ist fertig. Schickt Ihr mir das Geld so schicke ich Euch die Büchse. Schickt Ihr mir das Geld nicht, so schicke ich Euch die Büchse nicht. Hiermit Gott befohlen.“— Der Markgraf schickte sogleich das Geld und erhielt die Büchse. M.
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