Ausgabe 
31.7.1887
 
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II

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Warten Sie, HerrPfarrer,

Excellenz Porträt hervor.

245 W..

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Es ist Ihnen in dem warmen Zimmer unwohl geworden, Che eine ganz junge Frau, die ihm viele Kinder schenkte; da dachte

sagte der Pfarrer besorgt und stand auf. Guy schleuderte mir einen anklagenden Blick zu.

Glauben Sie das nicht, lieber Freund, entgegnete sie mild und nahm rasch die Karten wieder auf,meine Gesundheit ist dauerhaft und gut, ich bin nie Störungen unterworfen gewesen.

Sollte vielleicht ich, durch meine unvorsichtige Aeußerung, fiel ich außer mir ein, als ich sie so bleich sah.

Ich glaube, Sie wollen scherzen; ich finde Ihre Anschauung von Ihrem Standpunkt aus zum wenigsten berechtigt; und nun, mein Lieber, point de politique in meinem Salon, fügte sie scherzend hinzu.

Wir sahen uns alle Drei etwas verblüfft an, sie musterte die Karten, und obgleich sie ihnen eine ungetheilte Aufmerk⸗ samkeit zu schenken schien, war sie zerstreut und blieb wortkarg. Der Pfarrer führte allein die Unter⸗ haltung, und um mich ein wenig anzuregen und mir das Gleichgewicht wieder zu geben, ging er eingehender auf den General von R. über.

Also ein Menschen feind, sagte er verständ⸗ nißvoll.

Nein, nein, rief ich lebhaft,das Wohlwollen für die ganze Menschheit spricht aus seinen edeln schönen Zügen. Er hat keine Familie, die ihn zum Verkehr mit der Welt verpflichtet, er lebt ganz seinen Studien und sei⸗ nem Geschmack an der Zurückgezogenheit mitten im geräuschvollen Berlin.

er hat mir, als ich ihn verließ, seine Photogra phie gegeben, beurtheilen Sie ihn nach seinem Ge⸗ sicht, und ich zog aus meiner Brieftasche der

Der Pfarrer betrachtete die Photographie mit Interesse.Sie haben recht, das ist ein wohl⸗ thuendes Gesicht, ein schö ner, stolzer Greis; darf ich Ihnen die Photographie reichen, Frau Gräfin? fragte er und ging nach dem Kamin, wohin sich die Dame begeben. Sie griff nach der Photographie und wendete sich zur Lampe, die auf dem Kamin brannte; ich konnte nicht sehen, mit welchem Aus⸗

Die kleine Comtesse.

druck sie das Porträt betrachtete. Sie examinirte es einige Minuten

lang, eine Aeußerung darüber aber that sie nicht.

Der General lebt also ganz allein mit seinem Enkel? setzte der Pfarrer die Unterhaltung fort.

Es war sein Neffe; der General war nie verheirathet, erzählte ich, durch das Interesse angeregt, das der Pfarrer der alten Excellenz zu schenken schien.Ein Bruder von ihm heirathete in zweiter

Gemälde von Paul Hoecker.

der Herr General es recht gut zu machen, als er einen der Jungen zu sich nahm.

Liebte ihn der Junge sehr? fragte der Pfarrer.

Nur ganz mäßig; die Jugend fühlt sich im Allgemeinen nicht zum Alter hingezogen, weil es sich zu viel in sich selbst zurückzieht; so wohlwollend auch die Absichten und die Anschauungen des alten Herrn waren, so fühlte man, daß er ein Näherkommen vermied und eine Schranke zwischen sich und der Außenwelt errichtet wissen wollte.

Hat ihm das Leben trübe Erfahrungen ge⸗ bracht? setzte der Pfarrer die Unterhaltung fort.

Das weiß ich nicht; sein Neffe war emsig be⸗ müht, dies in Erfahrung zu bringen. Der junge Mensch besaß eine boden⸗ lose Neugierde, er suchte und stöberte in den Schrif⸗ ten und Briefen Sr. Ex⸗ cellenz herum, und ein⸗ mal, als der General ausgegangen war, dem König seine Neufahrs⸗ aufwartung zu machen, benutzte er die seltene Ab⸗ wesenheit und schlich in das Arbeitszimmer und nahm indiskret aus einer geheimen Schublade wohl⸗ verwahrte getrocknete Blu⸗ men, u Ich fuhr nicht fort, ich verwirrte mich; war es denn mög⸗ lich und doch, ich konnte mich nicht irren. Der Pfarrer mochte meine Verlegenheit dem raschen Vortreten der Gräfin zu⸗ schreiben, die mich sonder⸗ bar ansah und deren Augen unheimlich dunkel aus dem weißen Gesichte glühten.

Als der Pfarrer sich verabschiedet hatte, ver⸗ ließ auch die Gräfin raschen Schrittes den Salon; ich trat an das Kamin und nahm wieder die Photo⸗ graphie der Excellenz zu mir. Ich betrachtete mit erhöhtem Interesse die stillen ernsten Züge und das leichtgelockte weiße Haar des schönen statt⸗ lichen Greises, und es war mir, als ginge mir nun zum ersten Male das Verständniß des zar⸗ ten, tief⸗traurigen Ge⸗ dichtes von Heine auf:Ein Fichtenbaum steht einsam. Ich schlich in den kleinen Salon, nahm verstohlen das Bildchen über dem Kamin und betrachtete es lange; ein Irrthum war nicht möglich. Da that sich ein blüthenreicher Mai vor meinem träumenden Blick auf, so mußten die strahlenden Augen ihm und der Welt zugelächelt haben. Ich blieb lange im Anschauen verloren; da kam es wie eine Todtenklage über die Lippen:Ihn schläfert; mit weißer Decke um⸗ hüllen ihn Eis und Schnee. g

(Fortsetzung folgt.)