Ausgabe 
31.7.1887
 
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EN,

242.

gefallen, daß ich ihren Liebling Lafontaine eifrig studirte; unsere Beziehungen wurden überhaupt interessanter, seit ich muthig auch meine Meinung hören ließ, die sehr oft nicht die ihrige war. Sie war offenbar an keinen Widerspruch gewöhnt und liebte ihn nicht, und daraus entspannen sich denn Aufsässigkeiten, die, so unschuldiger Natur sie auch waren, nichts dazu beitrugen, mir den Aufenthalt. in der Nähe der alten Dame angenehmer zu machen. Ich legte ihnen jedoch viel weniger Gewicht bei, seit mir die Frau ein hohes Interesse, mit herzlichem Mitleid gepaart, einflößte.

Sie lassen immer die Thüre auf, Herr Prezepteur, fuhr sie nervös auf, als wir beim Frühstück saßen.

Herr Liäbär ist nicht durch die Thüre eingetreten, die offen steht, sondern durch die entgegengesetzte, sagte mein Schüler lachend.

Nun wendete sich ihr Aerger gegen ihn, zum ersten Mal, seit wir ihre Gäste waren; er schwieg aber und fröhlich darauf los.

Das wird doch zu arg mit der Großmama, bemerkte Guy kopfschüttelnd,so weit ist sie bei Ihrem Vorgänger nicht gegangen, und doch hat er erklärt, kein zweites Mal mehr nach Pincy gehen zu wollen.

Wenn Sie meiner müde sind, so sagen Sie es nur ehrlich heraus, sagte ich und trat dicht vor ihn hin;im Uebrigen wünsche ich, daß die Bemerkungen über das Thun und Lassen Ihrer Groß⸗ mama mir gegenüber aufhören. Ich bitte, sie nicht zu ärgern und zu reizen, selbst nicht in der guten Absicht, meine Vertheidigung zu übernehmen.

Es war gut, daß das Wetter sich wieder aufklärte und Guy den ganzen Tag auf der Jagd war, seine Einmischung machte mir erst recht die Nörgeleien der alten Dame unerträglich. Unter vier Augen ertrug ich ihre Bemerkungen, hatte auch öfters eine gar nicht ungeschickte Erwiderung darauf, die sie wohl für den Augenblick ärgerte, aber immer mehr die Benennung, die ich stets ohne Er⸗ wähnung an mir vorbeigehen ließ, in dem Hintergrund verschwinden ließ.Monsteur le Lievre verlor die Bedeutung, als ich ihre Absicht nicht mehr zu bemerken schien.

Manchmal wurde ich nun doch der Geschichte überdrüssig, da hatte ich bald ein Buch in der Bibliothek verlegt, bald mein Glas bei Tische nicht ausgetrunken, welches, wie sie sagte, gegen den guten Ton verstieß, und so ging es bis zum Abend. Nach solchen Tagen über⸗ wachte mich Guy's lauernder Blick, wenn ich Abends schweigsam beim Essen saß und ihn die kurzen Bemerkungen mit seiner Groß⸗ mutter allein austauschen ließ. Ich schrieb an die Marquise, daß im Falle ihr Sohn seinen Aufenthalt in Pincy zu verlängern ge. denke. ich es mit ihrer gütigen Erlaubniß vorziehen werde, nach

ss zurückzukehren, indem ich meine einzige Nützlichkeit in der Jurückbegleitung von Pinecy nach Paris sähe, die vielleicht zu theuer durch wochenlanges müßiges Warten erkauft sein möge. Die Marquise schrieb sofort zurück, daß sie ja Alles wisse und verstehe, und daß sie an ihren Sohn schreiben werde, innerhalb acht Tagen

wieder in Paris zu sein, da sein Onkel und Vormund seinen Be⸗

such angemeldet habe, der eine Verlängerung des Jagdvergnügens in der Champagne mißfällig aufnehmen werde. So sei auch ja nun Allen geholfen und sie freue sich, daß das Stückchen Fegfeuer für mich seinem Ende nahe.

Wollen Sie dem Pfarrer von Pincy keinen Besuch machen? fragte mich Gräfin Dutillier.Sie suchen nicht Bekanntschaften zu machen, haben Sie keine Langeweile hier?

Ich hatte nichtguten Ton genug, um es zu verneinen; sie lächelte etwas geringschätzend über meine Offenheit und rief:Ja, mein Lieber, warum haben Sie denn nicht Abhilfe geschaffen? es sind doch Menschen hier, die ungefähr so sind, wie die meisten andern, und wenn man Menschen zur Ausfüllung der Tage haben muß, so ist man im Allgemeinen nicht wählerisch in Hinsicht ihrer Geistes⸗ produktionen. a

Nachmittags besuchte ich den Pfarrer. Er war ein heiterer, gesprächiger Mann über die mittlern Jahre, und wir saßen bald recht gemüthlich bei einem Glas Wein eignen Wachsthums, vor dem man Respekt haben mußte. Es ist so natürlich, daß zwei Menschen, zwischen denen es so wenig Berührungspunkte giebt, nach dem Nächst⸗ liegenden greifen, und so kann es, daß sich unsere Unterhaltung bald um die Gräfin Dutillier drehte. Mir war die Dame interessant genug, daß ich wünschte, mehr von ihr zu erfahren.Es erregte kein geringes Aufsehen, sagte der Pfarrer,als die Frau Gräfin sich vor fast dreißig Jahren hier niederließ. Sie können sich denken,

fuhr er fort und füllte wieder mein Glas, daß es nicht an allerlei sensationellen Gerüchten über sie fehlte, besonders da kurz vorher

ein Scheidungsprozeß zwischen ihr und ihrem Gemahl in Paris statt⸗ gefunden hatte. Das ist nun Alles längst begraben, und wenn man auch damals allerlei munkelte, warum die verwöhnte Dame der Pariser hohen Aristokratie sich in ein entlegenes Provinzialstädtchen zurückgezogen, so hat sie nie Veranlassung hier gegeben, daß man diese Geruͤchte für unbedingt wahr halten dürfte.

Sie muß sehr schön gewesen sein, warf ich ein.

Ganz außerordentlich schön war sie, als sie hierher kam, rief

der Pfarrer lebhaft,aber tadellos ist ihr Wandel bis zur Stunde

geblieben. Umgang hat sie keinen gesucht, sie vermied jede An⸗ näherung, und wenn es Alles ist, was sie hier gesucht hat: Ruhe vor den Menschen, Einsamkeit und Vergessenheit, so hat sie es hier gefunden.

Auch Sie haben nie in Verkehr mit ihr gestanden? fragte ich.

Ich stehe noch in Verkehr mit ihr, wenn Sie wollen, ant⸗ wortete er;vielleicht zwei Mal des Jahres mache ich ihr meinen Besuch, sie behält mich zum Diner da und darnach machen wir unsere Partie Besique. nügt ihr und mir. Ich bin kein gelehrter Mann, mein lieber Herr, was mir von Zeit übrig bleibt, glaube ich im Interesse meiner Ge⸗ sundheit besser meinen Weinbergen zuzuwenden, als meinem Studier⸗ zimmer, und die Frau Gräfin hat das Bedürfniß, Gebiete zu betreten, auf welchen mein Fuß keinen sichern Boden fühlt; so giebt's denn leicht Unbehagen auf beiden Seiten.

Die Tochter der Gräfin Dutillier steht ganz auf Seiten ihres Vaters, unterbrach ich ihn.

Die Frau Marquise hat ihren Vater wenig gekannt, ant⸗ wortete er.Die Ehe ihrer Eltern war vermuthlich eine der zer⸗ rissenen pariser Ehen, wie sie leider in der guten Gesellschaft vor⸗ kommen. Sie hat selten ihre Vergangenheit bei mir berührt; aber ich vermuthe, daß die Frau Gräfin eher ein Opfer der obwaltenden Verhältnisse geworden ist. Haben Sie das bedeutende Schloß in der Nähe von Meaux gesehen? Wenn Sie aus Deutschland gekommen sind, müssen Sie das Schloß gesehen haben, eine halbe Stunde darauf waren Sie in Paris. Nur einmal an einem Abend, als ich die Gräfin besonders erregt fand, warf sie in kurzen Abrissen hin:Onkel und Tante hatten mich erzogen; als sie starben, fiel mir das Schloß bei Meaux zu mit 60 000 Francs Renten. Ich

war zwanzig Jahre alt, hatte einen gründlichen wissenschaftlichen

Unterricht bei den Pflegeeltern, die sich nicht von mir trennen wollten, erhalten, und stand nun allein und rathlos da. Meine Eltern lebten noch, meine vier Geschwister auch; sollte ich nun zu ihnen, die ich kaum kannte, zurückkehren und die Erbin unter den wenig begüterten Leuten spielen? Davon hatte mir mein Onkel abgerathen, ehe er starb; sein Vertrauensmann, der Notar, wollte garnichts da⸗ von hören. Besser wäre es wohl gewesen, wenn mir ein Mann zur Seite gestanden hätte; Onkel und Tante hatten aber die Neigung, die ich einem jungen Manne zugewendet, nicht gutgeheißen; so war

ich mit zwanzig Jahren noch unverheirathet. Ich hätte garnicht

heirathen sollen, da drängte man aber von allen Seiten, man präsentirte mir zwei Herren und ich wählte den von beiden, der mir am wenigsten

mißfiel. Das hat sie mir bruchstückweise erzählt, der Rest war mir

bekannt. Sie lebten herrlich und in Freuden auf dem Schlosse bei Meaux, der Graf spielte, hatte intime Bekanntschaften unter den

Damen des Theaters, das steht Alles fest, und die Gräfin kümmerte

sich nicht um sein Thun und Treiben; sie besaß ebenfalls ihre Lieb⸗ habereien, verschwendete große Summen für ihren Marstall, unter- nahm Reisen nach Italien und Griechenland mit Künstlern und Gelehrten, bis auf einmal Verlegenheiten sich einstellten. Mit diesen kamen die gegenseitigen Vorwürfe, man trennte sich, beide aber lebten nach dem Verkauf des Schlosses in Paris. Dutillier einer Fälschung schuldig, worauf die Gräfin die gerichtliche Scheidung verlangte und sich hierher zurückzog. Der Graf ist vor

zehn oder elf Jahren am Kap der guten Hoffnung gestorben; Gräfin

Dutillier hat nach der Scheidung mit ihrem Vater ein Ueberein⸗ kommen getroffen, nach welchem er das ihr

daß es hinreicht, ihre bedürfnißlose Existenz zu decken, und daß sie auch noch für die Armen etwas übrig hat; denn sobald sie die Quartalsumme von Paris erhält, schickt sie mir regelmäßig hundert

Franken für meine Armen. 1

Dieses stillschweigende Uebereinkommen ge⸗

Da machte sich Graf 5

Uebriggebliebene an sich genommen hat, und ihr eine jährliche Rente auszahlt. Es scheint,