Ausgabe 
31.7.1887
 
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zu den

HOuerhessischen Machrichten.

Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Nr. 31. Gießen, den 31. Juli.

Ein Jichtenbaum steht einsam. Novelle von M. Elton. (Fortsetzung.)

Es fiel ein tiefer Schnee und Guy blieb mißmuthig am Kamin, in welchen er beträchtliche Scheite Holz warf. Ohne eine Bemerkung zu machen, blieb die Gräfin in der Bibliothek und schrieb rastlos an ihrem Arbeitstisch. Nachts war es immer dasselbe, ich hörte ihren leisen eiligen Tritt zu jeder Stunde, und nie kam am Tage eine Klage über Müdigkeit, oder sonstiges Unwohlsein über ihre Lippen. Kein Mensch kam zu ihr, kein Besuch füllte ihr einige Stunden des Tages aus, sie fühlte kein Bedürfniß nach Menschen, ihre Bibliothek war ihr Trost und Zuflucht. Obgleich ich nie eine subjektive Aeußerung von ihr gehört hatte, und sie sich immer hinter Lafontaine oder eine andere Autorität versteckte, wenn sie sich über⸗ haupt äußern wollte, so konnte ich doch, wenn ich mir Alles zu sammen faßte, sie zu den Menschenseelen zählen, deren Abend ohne Versöhnung mit der Vergangenheit gekommen ist. Unter dem hoch über der Stirne sich erhebenden Silberhaar irrten die grauen Augen unruhig, es fehlte diesem Greisenalter der Frieden und die Ruhe.

Abends nach dem Essen kam sie bisweilen in den Salon. Man sah, daß sie sich in dem Zimmer, das Guy, aus Mangel an einem andern Zeitvertreib, behaglich durchwärmte, nervös erregt fühlte. Sie warf die Haube auf einen Seitentisch, ihre Wangen glühten und ihre Bemerkungen waren noch schroffer wie gewöhnlich. Guy in seiner ungeschickten Weise, oder soll ich wirklich sagen: berechneten Absichtlichkeit, erzählte von einem jungen Mädchen, das einige Tage vorher seine Tischnachbarin bei einem Jagdessen gewesen war, die gerade erst eine klösterliche Erziehungsanstalt verlassen und so blöde und schüchtern gewesen, daß sie statt zu antworten, erröthete und Thränen in die Augen bekam.

Sie wird mit ihrer Eitelkeit und Selbstüberschätzung wenig Glück in der Gesellschaft haben, warf die Gräfin leicht hin.

Kennst Du sie? fragte Guy und sah verwundert seine Groß mutter an.

Ich kenne Niemand hier, antwortete sie,ich sage nur, daß das unsichere Wesen den Andern gegenüber, die sogenannte Ver⸗ legenheit nur aus der krankhaft hohen Meinung entspringt, die Einer von sich hegt; ein wahrhaft bescheidener Mensch giebt sich schlicht und einfach und ist nicht im beständigen Kampfe mit sich, mehr geben zu wollen als er hat. f

Guy schaute frappirt bald mich, bald die Gräfin an und fing dann an in sich hinein zu kichern, indem er vergnügt seine Hände auf den Knieen rieb. Mir war es glühend heiß in die Augen ge⸗ stiegen, so daß ich wie durch einen Nebel die scharfen durchdringenden Augen der Dame auf mich gerichtet sah. Zum ersten Mal wagte ich ihren Ausspruch zu widerlegen, jedenfalls sehr ungeschickt, indem ich mit einiger Heftigkeit sprach.

Richter in seiner eigenen Sache sein. Es war mir, als hätte ich einen schweren Schlag auf den Kopf bekommen, selbst mein Schüler stellte das Kichern ein und stocherte verlegen im Feuer. Der Krieg war also zwischen der alten Frau und mir eröffnet, ich stand auf, verbeugte mich und begab mich auf mein Zimmer. N

Am folgenden Tage fühlte ich mich freier und unabhängiger der Gräfin gegenüber. Sie sah mich groß an, als ich ihr Prinzip an⸗ griff, daß ein anständiger Mensch nie weder die Religion noch die Politik zum Gegenstand der Diekussion mache.

Beide lassen sich nicht unter demselben Gesichtspunkt betrachten, bemerkte ich.Der christliche Glaube ist eine eherne Festung, die unantastbar ist, und an der alle Meinungen ohnmächtig abprallen, die Politik aber ist ein gar unbeständiges Ding, das ja eigentlich nur den Meinungen und der Diskussion sein ephemeres Leben zu danken hat.

Die Gräfin war starre Legitimistin, sie kümmerte sich um keine andere Politik als um die, welche sich um den letzten der Bourbonen, um den in der Verbannung lebenden Grafen Chambord drehte. Ihr graues Auge funkelte einen Augenblick empört, daß ich die Mission ihrer Dynastie von Gottes Gnaden so leicht nahm, darauf aber ver neigte sie sich spöttisch gegen mich und sagte scharf:Sie haben recht, mein Herr, und schnitt die Unterhaltung kurz ab.

Ein kleines ovales Miniaturbildchen über dem Kamin hatte schon oft meine Aufmerksamkeit gefesselt. Es kam mir so bekannt vor, ich suchte fort und fort in meiner Erinnerung, wo ich das junge Mädchen, oder das Aquarell schon gesehen haben konnte.

Das hübsche Kind war mir gewiß nicht auf meinem Lebensweg begegnet, denn es trug die Mode des ersten Kaiserreichs. Ein weißes Kleid mit ganz kurzer Taille, um die ein rosenrothes Band ge schlungen war und den Kopf voll dichter kleiner kastanienbrauner Löckchen. Das Gesicht war so rosig, der Ausdruck so fröhlich schalk haft, daß es wohl für Jeden anziehend war und man leicht zu dem Glauben kommen konnte, das schelmische ansprechende Gesichtchen schon gesehen zu haben. Als die Gräfin erklärte, das sei sie im Alter von siebenzehn Jahren, war es mir leid, daß ich es bereits geäußert, das Gesicht käme mir bekannt vor.

Es ist kaum anzunehmen, daß noch ein Schatten von Aehnlichkeit existirt, das Bildchen ist 1814 gemalt, mein Lieber, und heute schreiben wir 1862, sagte sie nachdenkend und nahm es in die Hand und betrachtete es lange.Ich habe einmal, ebenfalls 1814, eine Kopie davon gemacht; das ist Alles schon gar lange her und ist doch noch so erstaunlich frisch in der Erinnerung, sprach sie, wie zu sich selbst, und der herbe Ausdruck um ihren Mund milderte sich, als sie in Gedanken verloren das Bildchen betrachtete.

Wir begegneten uns oft in der Bibliothek und es schien ihr zu

Als ich geendet, sagte sie kalt:Mein Herr, Niemand kann