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Es war mir lieb, daß ich die Bekanntschaft des Pfarrers von
Piney gemacht hatte. Ich bin nicht neugierig und bin nie geflissentlich
in die Angelegenheiten anderer Leuke eingedrungen, weil es mir keine Freude macht, mich um Dinge zu kümmern, in die mich der Be— treffende nicht selbst hineinzieht; aber hier machte es mir Vergnügen, einige Details aus dem Leben der sonderbaren Frau zu erfahren. Die Tochter und der Enkel hatten nichts gethan, sie in meinen Augen zu heben, der Pfarrer aber in seiner schlichten Einfachheit befestigte die Meinung, die ich bereits von der einsamen Frau hatte. Es imponirte mir, daß in der zarten ältlichen Frau ein so starker Geist wohnte, der ihr eine materielle Bedürfnißlosigkeit diktirte, die ich bewundernd anstaunte. Sie liebte es nicht, wenn man ihr Thun zu bemerken schien; da lag eine Selbstlosigkeit, eine Einfach— heit in dieser Frau, die großartig war und doch den betrübenden Gedanken wach rief:„Wem zum Heil und zum Nutzen hat ihre Philosophie der Bedürfnißlosigkeit in ihrem langen Leben gewaltet?“ Sie verachtete die Menschen im Allgemeinen, sie wollte ihnen viel— leicht nicht mit ihrer Persönlichkeit wohl thun, vielleicht aber setzte sie Mißtrauen in sich selbst; Eitelkeit und Selbstüberschätzung waren dieser bedeutenden Frau fremd. Das Einzige, was sie wollte, war, Ruhe zu haben vor sich und der Welt.
„Sind Sie zufrieden mit Ihrem Besuch bei dem Herrn Pfarrer?“ fragte sie mich, als ich nach zwei Stunden zurückkam.
„Er hat mir recht gut gefallen,“ antwortete ich,„ich bedauere nur, daß ich nicht früher zu ihm gegangen bin.“
„Sie kommen ja wieder hierher,“ versetzte sie zuversichtlich;„zu— dem können wir ja auch noch ein wenig nachholen; wenn es Ihnen Vergnügen macht, so lasse ich den Herrn Pfarrer morgen Abend zu Tisch bitten.“
„Sie sind zu gütig, Frau Gräfin.“
„Nein, oder ja, wünschen Sie ihn hier zu sehen?“ fragte sie ungeduldig.
„Recht gerne,“ antwortete ich schnell.
„Er ist ein einfacher schlichter Priester, seine Predigten sind wohlmeinend; will ich gelehrte Vorträge hören, so gehe ich nach der Madeleine in Paris, wo Frere Felix allen Erwartungen ent⸗ spricht. Der Pfarrer von Pincy wirkt durch sein Beispiel mehr, wie es je die beststylisirte Predigt gethan hat, er belehrt durch seine gütigen, immer offenen Hände und seine schlichte Selbstlosigkeit. So verstehe ich den Priester; einer der den Luxus und das Wohl— behagen liebt, der, wie die Kirche es will, nicht Weib und Kind hat und von allen weltlichen Interessen und Hoffnungen losgetrennt sein soll, und dennoch Geld auf Geld häuft, der bestiehlt die Armen, und seine schönste Predigt ist wie Spreu im Winde.“
Der Pfarrer hatte sich zum Diner eingefunden, es war höchst einfach wie immer, nur gab sich Genereur beim Aufwarten mehr Wichtigkeit und sein dünnes schwarzes Haar war glänzend auf den Kopf geklebt. Die Gräfin schien heute vom Banne der Gereiztheit erlöst, sie unterhielt sich wohlmeinend mit dem Pfarrer über Garten⸗ kultur und für mich fiel nur einmal eine ganz freundliche Bemer⸗— kung über die Aussprache eines französischen Wortes ab. Guy war nicht recht zufrieden, weil man im Allgemeinen mit wenig Interesse seinen Jagdabenteuern zuhörte. Nach dem Essen begaben wir uns aus dem Speisezimmer in den Salon. Dieser Ort war mir wenig anmuthend, und ich hatte ihn soviel wie thunlich vermieden, weil durch zwei große Glasthüren, die in den Garten gingen, eine er⸗ barmungslose Kälte herein strömte. Im Sommer mochte der Salon ein herrlicher Aufenthaltsort sein, wenn die großen Glasthüren ge⸗ öffnet waren und die breitstämmigen dichten Bäume ihre kühlenden Schatten in den Raum schickten. Heute aber strömte mir eine angenehme Wärme entgegen.„Der Herr Pfarrer liebt ein warmes Zimmer,“ bemerkte die Gräfin mit einem gütigen Lächeln, und Genereux stellte gewandt die Armleuchter auf den Spieltisch und legte zwei Spiele Karten darauf.
„Wir werden heute unserm Besique entsagen müssen, Herr Pfarrer,“ sagte Gräfin Dutillier,„und zum Whist greifen, da wir vier sind.“
„Sie spielen Whist?“ fragte mich der Pfarrer.
„Ich weiß nicht, ob ich mich dazu bekennen darf,“ antwortete ich ihm.„Der alte General, von dem ich Ihnen gestern erzählte, fühlte nicht oft das Bedürfniß einer Whistpartie, wurde ich aber mit meinem
Schüler Abends in sein Studierzimmer beordert, so gab es eine schweigsame Whistpartie, er mit dem Blinden vor sich, manövrirte wie ein alter Soldat und wir beide verließen ihn immer, wenn wir total geschlagen waren. Ich fürchte, daß die Execellenz zu mächtig war und ich wenig bei einem so weit überlegenen Gegner gelernt habe.“
Der Pfarrer lachte wieder, wie gestern über meinen Ausdruck: „Son Excellence,“ und wenn ich, als Partner von ihm, seinen Stich übertrumpfte, so schüttelte er lächelnd den Kopf und Gräfin Dutillier sagte ohne jegliche Ungeduld:„Son Excellence scheint in der That Alles für sich behalten zu haben;“ und so oft ich zweck— und ziellos meine Karten ausspielte, mußte„Son Excellence herhalten. 5
„Die preußischen Offiziere waren zu allen Zeiten vorzügliche Whistspieler,“ sagte die Gräfin. Die behagliche Wärme im Salon hatte ihre Wangen hoch geröthet, das volle silberweiße Haar erhob sich hoch auf der Denkerstirne und die grauen Augen glühten dunkel schwarz. Die fünfundsechzigjährige Frau mit der schlanken schönen Haltung war noch heute schön zu nennen, das Alter hatte sie noch nicht berührt, man hätte ihr kaum vierzig Jahre zugeschätzt, das herrliche schneeglänzende Haar paßte zu den feinen durchgeistigten Zügen.
„Einige preußische Offiziere waren Monate lang die Gäste meines Onkels in Meaux, es war im Jahre 1814, als die Verbündeten unsern König Ludwig XVIII. in seiner Hauptstadt einführten, sie waren Leute von sehr guter Lebensart, diese preußischen Offiziere, eine Zierde unsers Salons, und Onkel und Tante bedauerten ihren Abmarsch.“
Nun warf sie ebenfalls eine Karte aus, die Guy verblüfft an— starrte.„Aber Großmama!“ rief er und zögerte.
„Es ist schon gut, jedes Beispiel ist mehr oder weniger an— steckend, mein Nachbar hat so toll mit seinen Karten gehaust, nun darf ich kaum glauben, daß„Son Excellence“ von jedem Einfluß verschont geblieben ist. Wir haben den Stich verloren, Monsieur le Marquis, voila tout.“ Sie sagte es lachend, ihre schlanken leichten Hände aber, die die Karten hielten, schienen mir zu zittern.
„Da muß ich den Herrn General vor Ihrer Vermuthung schützen, Frau Gräfin,“ erwiderte ich munter.
„Konnte er mehr wie Whist spielen?“ fragte die Gräfin;„in welchen Kriegen hat er seine Lorbeeren gepflückt?“
„In den Kriegen, die uns von des Korsen Sklaverei befreiten,“ fuhr ich auf.„Er war damals noch ganz jung, und wenn seitdem mein mit Füßen getretenes Vaterland dem tüchtigen Strategen keine Gelegenheit mehr gegeben hat, sich auf dem Felde der Ehre aus. zuzeichnen, so hat ihn dies schwer gedrückt; er hat es aber nicht dem Vaterland zum Vorwurf gemacht, denn dieses bedurfte der Ruhe und der Sammlung,— das letzte Wort ist nicht gesagt, Frau Gräfin,— Deutschlands Jugend hat viel gelernt und nichts vergessen.“
Sie wollte verächtlich lachen, es mißlang ihr; die Ader auf ihrer Stirne schwoll an und sie sagte über die Schulter hin zu dem Pfarrer:„Monsieur bedroht uns mit Krieg,“ mischte die Karten und theilte sie aus. 5
Nun aber glaubte Guy, er müsse für sein Vaterland eine Lanze brechen, und als er sich eben anschickte, mir eine echt französische Erwiderung zu geben, winkte die Gräfin mit finsterer Stirne und setzte hörbar ihren Fuß unter dem Tische in Bewegung.
Ich wurde mir meines ganzen Ungeschickes bewußt, einer Takt⸗ losigkeit, die ich im Hause meiner Gastgeberin begangen, und gerieth in große Bestürzung und Verwirrung.
„Wie heißt denn eigentlich„Son Excellence“ fragte der Pfarrer;„vielleicht haben wir schon von ihm gehört, wenn ich auch nicht, so doch die Frau Gräfin, die eine eifrige Zeitungsleserin ist. Als bedeutender Stratege hat er seine Anlagen wohl theoretisch ver werthet, und wir Franzosen sind nie die letzten, die wahrhaft Be— deutendes in ihre Sprache übersetzen.“ Sein mildes Gesicht sah mich gütig an und ich war ihm dankbar dafür, daß er mir bei⸗ stehen wollte, ohne zu sichtlich seine Absicht zu verrathen.
„Es ist der General Graf Wolfgang von R wortete ich kleinlaut,„er hat über die ‚Grundsätze der Strategie“ geschrieben, ein Werk, das viele Auflagen erlebt hat.“
„Kennen Sie es, Frau Gräfin?“ fragte der Pfarrer.
Ich wagte kaum, die Augen schüchtern zu ihr zu erheben. Sie schüttelte den Kopf und legte die Karten auf den Tisch.
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