Ausgabe 
30.10.1887
 
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denn er schob mit seiner Fußspitze ungeduldig an einem Steinchen

herum.

Ich mußte Dir das sagen, Helo, damit Du nicht schlecht von mir denken solltest.

Schlecht? sagte sie leise.

Weil nun, weil ich meine Hand nach der reichen Frau ausstreckte.

Liebst Du sie denn, Onno?

Jetzt fuhr er zusammen und sah sie an; der Ton zitterte von ihren Lippen, ihren schneeweißen Lippen.

Lieben? Müßte ich dann hier so vor Dir stehen? fuhr er auf in einer ganz wilden Leidenschaft.

Aber Onno! Ohne Liebe?

Sie dachte nur an ihn; reinste Selbstvergessenheit lag in ihren Mienen, ihrer Stimme und dann nahm sie plötzlich seine Hand in ihre beiden.Armer Onno!

Es klang wie ein Schluchzen. Doch er trat erzürnt von ihr weg. Daß sie an ihn dachte, nicht an sich selbst, empörte ihn.

Bedauere mich nicht! Was ist's Großes? Hunderte von Kameraden verheirathen sich unter ähnlichen Umständen! sagte er herbe.

Ach, Onno, Du bringst Dich zum Opfer, aber besinne Dich, besinne Dich, ob Du Dein ganzes Leben dahin geben kannst.

Und warum sollte ich nicht können, was so Viele thun? Von dem Gelde der Verwandten leben oder dem Gelde seiner Frau, das macht in Bezug auf diesen fraglichen Genuß wenig aus; es handelt sich nicht um mein persönliches Wohlbefinden dabei, sondern nur um den höheren oder geringeren Grad der moralischen Folter und Herabwürdigung.

Onno! Onno! Ich kann Dich nicht so verbittert sprechen hören! Mein Gott, was ist denn geschehen? Wir waren vor kaum zwei Stunden noch so vergnügt.

Ja, da war der Himmel noch blau und die Sonne schien hell. Wetter und Schicksal sind nicht von uns abhängig.

Sie rang die Hände und schwieg, am ganzen Körper zitternd.

Er sah das, hielt es aber für körperliches Unbehagen. Ihn

reute, daß er gegen Helo gesprochen; sie war ein gutes Kind und

hatte Mitleid mit ihm; aber es wäre nicht nöthig gewesen, sich vor ihr zu rechtfertigen und den Schlag zu mildern, der, wie er sich eingebildet, sie treffen würde. Er sah jetzt: Sie ahnte nicht im Traum, daß er sie liebte.

Und mit dem Zorn gegen das ahnungslose Kind schlug die Flamme seines Herzens hoch auf.

Er hätte eine Wonne darin gefunden, nur seine Pein empfinden zu lassen.

Der Schmerz:Sie liebt mich nicht, überwog bei Weitem jenen andern, daß er das ungeliebte Mädchen heirathen sollte.

Dabei sagte er sich zugleich bitter, daß er sich genau wie ein Thor, wie ein Romanheld benommen. SEie waren inzwischen weiter gegangen. Er finster und grübelnd, sie nur bemüht den Schrei zu unterdrücken, der ihr Herz erfüllte.

Warum? Großer Gott, was sollte aus ihr werden, wenn er

sie für einen Augenblick

zu Henriette ging?

Noch nie hatte sie gedacht, daß sie Onno liebe; auf einmal

wußte sie es und ein ganz zügelloses Entsetzen erfüllte sie, aber

er durfte es nicht ahnen.

Jetzt trat das Ohlau'sche Haus wieder in ihren Gesichtskreis, hier war der Weg, der dahin abzweigte.

6Ich sollte Dich als Kavalier jetzt nach Haus bringen, Helo, aber

Gewiß, gewiß, geh nur, ich finde schon allein.

So leb wohl, Helo, und wünsche mir Glück!

Leb' wohl, Onno und

Die zitternden Lippen brachten keinen Ton mehr hervor, die zitternde eiskalte Hand, eiskalt, trotz Handschuh und Muff, legte sich in die seinige.

Leb wohl!

Leb wohl!

Sie sagten es kaum noch hörbar. Augen und Mienen sprachen es aus und dann ließen sie einander doch nicht los, sondern blieben leidvoll Hand in Hand stehen.

Der Wind sauste durch die Tannenwipfel, es begann zu dunkeln.

Er riß sich endlich los, es kostete ihn einen furchtbaren Entschluß.

Gott sei Dank, daß sie ihn nicht liebte.

Bleibe mir gut, Helo! rief er und stürzte fort.

Da hatte das der Selbstbeherrschung ungewohnte junge Herz plötzlich aufgehört zu schlagen.

Körperlicher und seelischer Schmerz, eine Todesangst kam über sie; eh' sie es wußte, hatte sie einen Schrei ausgestoßen, einen lauten, verzweifelten Schrei.

Im nächsten Augenblick hielt er sie in seinen Armen. Alles war vergessen; alle Vernunftgründe, alle Lebensnoth. Sie liebte ihn, er hatte es aus ihrem Schrei gehört, in ihren Augen gelesen. Er wußte es mit zweifelloser Gewißheit und ebenso gewiß, daß er nun und nimmer eine Andere sein nennen wollte und konnte.

Helo, meine Helo! So ist es also doch wahr? So liebst Du mich, wie ich Dich? stammelte er und zog sie fort von jener Stelle, indem er seinen Mantel mit um sie zu schlagen versuchte.

Was kümmerte ihn die ganze Welt! Und zudem es regnete wieder es war so menschenleer und so dämmrig hier.

Sie war ganz willenlos, schmiegte sich in seinen Arm und weinte. Endlich, als er sie unter dem Schutze ihres Regenschirms viele Male geküßt, fand sie Worte:

Du Grausamer, mich so zu quälen! Welch' abscheuliche Lüge!

Da erst fiel ihm von Neuem die Zentnerlast auf's Herz, die Erinnerung an seine Situation.

Er sagte ihr, daß er weder gescherzt, noch gelogen.

Und was habe ich nun gethan? O, Helo, Dein Vater wird mich ehrlos nennen! Dem Wohlthäter unseres Hauses habe ich sein Kind, seinen Liebling gestohlen!

Sie verstand ihn gut und suchte nicht leichtsinnig die Wahrheit hinweg zu scherzen.

Ja, ja! Ihre Liebe, ihre große Liebe zu einander wurde ganz gewiß von Helo's Eltern gemißbilligt!

Kaum ihres Herzensglückes sich bewußt werdend, sahen sie klaren Auges Beide die Kluft, die sie trennte.

Was habe ich gethan? Welch' ein Elender bin ich, daß ich ein Mensch ohne Hab' und Gut, Dich an mich zu fesseln wagte? Welcher Schwächlinz bin ich, daß ich nicht der Vernunft Gehör gab! sagte er sich; zu Helo äußerte er nur:O, mein Liebling, kannst Du mir vergeben, daß ich schwach wurde?

Was wäre dann aus mir geworden, wenn Du gingest und kamest nicht zu mir zurück? fragte sie liebeglühend, glückselig, trotz ihrer klaren Erkenntniß.

Und wenn wir warten müssen Jahr um Jahr wir haben einander das ist Alles! tröstete sie ihn. Sie war mit ihrer Unerfahrenheit überhaupt viel energischer in ihrer Zuversicht wie er, der jetzt unter schweren Selbstvorwürfen litt um Helo's willen, denn für sich selbst empfand er nur jubelnde Seligkeit, daß sie ihn liebte.

Er brachte sie nach Haus.

Unterwegs, sie suchten die allereinsamsten Straßen und machten einen weiten Umweg, sprachen sie ganz ernsthaft davon, daß sie ja Beide an der Gewißheit ihrer Liebe ein zu unsagbares Glück hätten, um nicht dagegen geduldig und ohne Murren auch die Qual einer Trennung auf sich zu nehmen.

Ja, trennen mußten sie sich wieder; nicht die Herzen und die Seelen, die gehörten nun und ewiglich zusammen, aber Onno mußte sich versetzen lassen, damit kein Mensch erfuhr, was Aergerniß bringen würde.

O, sie wollten so geduldig und muthig sein, wie sie dankbar waren! Ja, das Wasser war allzu tief!

Wie die zwei Königskinder konnten sie nicht zusammen kommen. Und das sagten sie sich und meinten es einzusehen, hielten sich dabei umschlungen und der Regenschirm und die einsamen Gassen ignorirten die Küsse ohne Zahl.

Endlich langten sie aber doch bei dem gräflich Isenreut'schen Hause an.

Die Eltern und Elma waren zu einem Diner gefahren, Maria zu Frau von Lautenberg. Onno brachte die Geliebte bis unter das Portal und sie entließ ihn mit der Versicherung, sie werde einen köstlichen Abend haben, denn sie werde ihm schreiben, sie habe ihm noch so unendlich viel zu sagen. Er aber mußte fort; er hatte heute den Dienst im Schlosse, und wußte wohl, daß er im Vor⸗ zimmer Zeit genug zum Denken haben werde.

(Fortsetzung folgt.)

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