Ausgabe 
30.10.1887
 
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346 W.

sondern bringen ihn mir sofort in der Droschke hierher; sagen Sie meinetwegen, ich sei krank, oder was Sie wollen.

Sollte er aber schon im Hause sein und dasselbe verlassen während der zwei Stunden, die Sie dort Wache halten werden, so greifen Sie ihn auch dann auf und bringen ihn mir, todt oder lebend, hierher. Verstanden?

Ja, gnädiges Fräulein! hauchte ganz konfus vor nervöser Aengstlichkeit die Maipeter.

Na, dann vorwärts, machen Sie, daß Sie wegkommen. He! rief sie die Forteilende dann noch einmal zurück,sehen Sie aber die Taxe nach, damit Sie nicht übertheuert werden!

Das hat Alles dieser schreckliche Mensch auf Gißra schuld! ärgerte, sobald sie allein war, Fräulein Lätitia sich weiter.Ins Tollhaus sollten sie ihn stecken. Am Ende wäre es so dumm nicht von Onno. Aber was wird dann aus mir?

Und Fräulein Lätitia von Goostädt bekannte sich mit seltener Ehrlichkeit, daß sie eine unausstehliche Person sei, die man nur ertrage, nicht aber liebe. Und dieser Junge, der Onno, er war der Einzige von allen ihren Verwandten, der sie schon seit seinen Kinderjahren wirklich lieb hatte, der sich von ihr nichts bieten ließ und von dem sie gewiß wußte, er würfe ihrden ganzen Bettel vor die Füße, wenn sie es mit ihm zu weit triebe.

Was war es nur, was den Jungen plötzlich diese Heirath?

Lätitia von Goostädt zerbrach sich den Kopf vergebens und zählte immer unruhiger die Schläge der Uhr. a

Onno von Hooglander schritt unterdeß mit einer Hast, als trügen ihn die Flügel der Liebe, durch die Straßen seinem Ziele zu.

Das Wetter war abscheulich. Schnee, Regen und Wind scheuchten mit vereinten Kräften die Leute von der Straße.

Ich muß ein Ende machen, dachte er finster.Was kann ein Mann in meiner Lage auch besser thun, als eine reiche Erbin heirathen? Liebe! Pah! um mein gutes Recht daran und an ein Glück für mein Herz kann ich bei keinem Gerichtehofe, nicht einmal bei dem dort oben klagen!

Bittere, grollerfüllte Gedanken zogen ihm durch den Sinn. Er fühlte das Opfer, das zu bringen er entschlossen war, in seiner ganzen Schwere.

Und dann rannte er wieder schneller; es war ihm bewußt, daß es jetzt noch Zeit war, jetzt vielleicht noch, vielleicht! und daß jeder fernere Tag es ihm unmöglich machen konnte, sich selbst zu verleugnen.

Eine Angst ergriff ihn, ein wildes, qualvolles Entsetzen; dort, in geringer Entfernung, war das Ohlau' sche Haus, er sah es schon; und plötzlich war ihm, als dürfe er mit diesem fiebernden Blut, diesem sich empörenden Herzen nicht vor das Mädchen treten, dem er seine Hand, seinen Namen und seine Liebe bieten wollte.

Ohne recht zu wissen, was er that, war er in eine schmale Gasse getreten, welche hinter dem Marstall herlief und fast nur für die Fouragewagen benutzt wurde.

Er mußte sich erst beruhigen.

Sie ist eines braven Mannes werth, sagte er sich ganz laut, an den Moment denkend, wo Henriette, grenzenlos erstaunt und beglückt, ihre Hand in die seinige legen würde.

Da, er hatte die Straße durchschritten und wollte an der Ecke umkehren, ftand er vor Helo, die, ein Päckchen in der Hand, eben so erstaunt war wie er.

Helo! murmelte er erschreckt.

Onno? klang es freudig und hell zu ihm herüber. Sie be⸗ merkte nicht, wie er so blaß und fassungslos aussah, wie er sich an die Mauer lehnte, weil ihm war, als fingen Straße und Bäume und Häuser an, sich um ihn zu drehen. Das ging indeß vorüber, so schnell, wie es gekommen.

Was führt denn Dich hierher? plauderte Helo freundlich und unbefangen.Du denkst wobl, ich sei eine Straßenläuferin, daß ich, kaum das Reitkleid abgelegt, schon den Regenmantel angezogen habe. Ich war in der Stickereihandlung, es wird die höͤchste Zeit für meine Weihnachtsarbeiten.

Während sie aber sprach, sah sie nun doch seinen Blick, und ein heißes Erröthen überflog plötzlich ihre Wangen; sie plauderte, ver- legen werdend, nur lebhafter, erzählte, was sie dem Papa arbeite, was der Mama und sah zuletzt, als er so still und sonderbar neben ihr herschritt, scheu zu ihm auf.

Er sagte kein Wort, denn jedes, was das reizende Mädchen sprach, drang ihm wie Musik zum Herzen und regte seine Nerven, seine ganze Seele in Entzücken und Schmerz bis zum Wahnsinn auf. Es kann, es darf nicht sein! rief er sich selbst zu. Und eh' sie begriff, was ihm einfiel, batte er ihre Hand mit

eisernem Druck gefaßt und sagte hastig, mit einer Erregung, die seine Stimme zittern machte:Ich muß gehen; leb wohl, Helo! Leb wohl, verurtheile mich nicht! 1

Und damit stürzte er fort.

Zuerst war sie starr und stumm vor Ueberraschung. Plötzlich schrie sie auf, die Hände zusammenschlagend, machte eine Bewegung ihm nach und blieb doch wie angewurzelt stehen; eine seltsame Ahnung sagte ihr, Onno habe eben Abschied für immer von ihr genommen. Der Wind, der durch die einsame Straße fuhr, nahm den Schreckens. ruf mit sich, Niemand hörte ihn, und kein Mensch sah, wie des jungen Mädchens Augen plötzlich Thränen entstürzten. Sie ging langsam vorwärts; und da!

Onno war umgekehrt und stand vor ihr, tiefernst, blaß und entschlossen aussehend. Sie erschrak jetzt noch mehr. Was wollte er?

Hast Du einige Minuten Zeit, Helo? fragte er. Da sie nur 1

ganz verwirrt nickte, fuhr er fort:Dort drüben ist es windstill, die jungen Tannen sind ein guter Schutz, komm, ich mochte Deine Meinung wissen!

Sie folgte ihm mechanisch; er bot ihr nicht den Arm, berührte sie gar nicht, und seine Stimme allein verrieth wider seinen Willen

seine Aufregung. Dabei sah sein Gesicht drohend und finster aus. 1

Es war in der That hinter den Tannen ein geschützter Weg; nicht verborgen, denn er lag vor der Häuserreihe, welche sich an der Promenade hinzogen. 1

Was ist Dir, Onno? Du hast Unannehmlichkeiten gehabt? fragte Helo endlich beklommen. ö

Ja! sagte er gedankenvoll und schwieg dann. i

Sie schritten den Weg hinauf und wieder hinab, neben einander, aber die ganze Breite desselben zwischen sich. Er sagte kein Wort, nagte an seinem Schnurrbart und sah offenbar nichts, als was in seinem Innern gähren mochte.

Sie wagte nicht ihn zu stören; ihr Herz schlug wie ein Hammer

und eine unheilvolle Ahnung überkam sie, daß Schreckliches geschehen sei.

Endlich trat er neben sie. N Es ist sonderbar von mir, Helo, und ich bin sonst gewiß kein excentrischer Mensch; ich möchte auch nicht so beurtheilt werden; dennoch

ist es sehr seltsam, ich sehe das ein jedoch es trieb mich un

widerstehlich, Dir zu sagen, was ich vorhabe, damit Du, Helo Seine Stimme war immer leiser geworden, die Blicke des be- unruhigten Mädchens begegneten den seinigen und diese stimmten

so gar nicht zu dem harten Klang, den seine ersten Worte hatten und der sich verlor, sie wußten Beide nicht warum und wann.

Ihre Gedanken verwirrten sich; die des jungen Offiziers klammerten sich an das Wort, welches ihm aus dem Herzen herauf tönte und jetzt die einzig mögliche Richtschnur schien:

Sie muß es wissen, vor ihr will ich nicht als Betrüger stehn.

Onno, kann ich Dir nützen? fragte sie, mit ihrer lieben, sanften Stimme und Ihre Augen sahen voll Sorge in sein Gesicht, das noch starrer und finsterer wurde.

Nützen? Nein! Doch ja! Du sollst mir sagen, daß ich recht thue; daß ich wenigstens, um der Mutter willen, und meiner selbst nicht anders kann.

Um Gott, Onno, erschreckt still, er auch.

Ich will. Ich war auf dem Wege, stehenden Fußes um Henriette von Ohlau anzuhalten. 5

Er sprach so langsam, als erstickte ihn jedes Wort. Seine Augen hefteten sich auf die Regenpfütze zur Seite des Weges.

Das junge Mädchen blieb wie eine Bildsäule unbeweglich vor ihm, er konnte nicht sehn, wie es blitzartig über ihr Gesicht zuckte.

Onno von Hooglander fuhr fort, da sie keinen Laut von f gab, und noch immer sah er sie nicht an.Es ist das Bitterste, von der Gnade der Verwandten zu existiren. Du weißt, Helo, welchen Opfern Dein Vater, Lätitia und der Großonkel Hooglander uns über dem Wasser halten; jetzt handelt es sich abermals um Tausende für ihn zu zahlen und, Du begreifst, Helo, es ist in meine Macht gegeben, selbst einzutreten für meinen Vater. Begreifst Du? Sie nickte nur; er fühlte diese Bejahung mehr, als er sie sah,

was ist's, was willst Du thun? Sie stand