Ausgabe 
30.10.1887
 
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Oberhessischen Uachrichten.

f Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.

Gießen, den 30. Oktober.

Eine gute Vartie. Roman von L. Haidheim. (Fortsetzung.)

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Onno hatte Tante Lätitia ganz ruhig aussprechen lassen, ohne sich zu regen.

Schade, der Plan ist gut, wenn er nur ausführbar wäre! sagte er dumpf und starrte vor sich hin.

Du hast die Ausführung in der Hand, ob Du willst und kannst, was Du mußt, ist Deine Sache! erwiderte sie kurz.

Heimlich beobachtete sie ihn dann. Er war aufgesprungen und schritt in unruhiger Hast im Zimmer auf und ab, so tief mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er gar nicht aufsah, als sie wieder zu sprechen begann.

Glaubst Du denn dies Märchen von der verlorenen Empfangs⸗ bescheinigung? Daß Dein Vater dergleichen verlieren könnte, ist mir nach unsern Ehrsteiner Erfahrungen nicht im Geringsten zweifelhaft, aber daß er bezahlt hätte, sehr.

Mir auch! sagte er leise und ging weiter.

Und die Naivetät Deiner Mutter, ihm immer noch zu glauben, oder diesen Glauben zu heucheln, grenzt

Laß das, Tante. Mama zu verstehen, muß man ihre ganze Seelengröße haben!

Und über die verfüge ich Gott sei Dank nicht!

Wieder eine lange Pause. Dann begann Fräulein Lätitia wieder:

Oberst von Ohlau war neulich bei mir, fragte nach Dir und sagte, Du seiest ganz unsichtbar für sie geworden. Wann sahest Du Henriette zuletzt? und dabei strich sie in einer an ihr sehr seltenen Nervosität unaufhörlich an den dicken Falten ihres steifen alten Seidenkleides herab, denn Onno gab sich heute so anders als sonst und sie mußte doch sehen und herausbringen, was ihm im Kopfe steckte.

Ich weiß nicht mehr. Lange schon! hatte er gemurmelt.

Unsinn! Sie war ja in letzter Woche bei mir zum Thee! Er sah mit leerem Blick auf. Offenbar waren seine Gedanken anderswo.

Nun, natürlich war sie da.

Ach, so! Ja, freilich. 3 1490 Wenn Du sie heirathest, bist Du mit einem Schlage unabhängig; O hlau's sind sehr reich. Henriette hat außerdem von ihrer rechten Mutter die schöne Herrschaft in Schlesien. Und dann nähmest 9

Du hast ja neben ihr gesessen!

Du selbst Deines Vaters Angelegenheiten in die Hände! Wenn ein Mann wie Du mit einem Wort sich und die Seinen unabhängig machen kann von der Gnade der Verwandten n Du hast Recht, Tante Lätitia. Ich begreife nicht, daß mir dies nicht längst einfiel! sagte Onno wie im Traum. Er sah noch blasser aus als vorhin, seine Zähne schlossen sich fest aufeinander. Ohne mehr hinzuzufügen, griff er nach seinem Hute und wollte fort. Wohin? rief sie wieder in ihrem befehlenden Tone.

Zu Henrietten! und damit stürzte er fort.

Geh' mit Gott! rief sie in äußerstem Erstaunen, doch schnell gefaßt hinter ihm her. f

Jetzt regte aber sein Benehmen sie plötzlich sehr auf. Er war ihr völlig unverständlich geworden. Sie stieg schwerfällig von ihrem Throne herab und als die Gesellschafterin wieder herein schlüpfen wollte, wies sie dieselbe ärgerlich zurück.

Ein wenig Takt wäre für Sie ein Himmelsgeschenk, Fräulein. Sehen Sie nicht, daß ich allein sein will, so sollte Ihr Gefühl es Ihnen sagen!

Die Aermste wurde sehr roth, schlich wieder hinaus, und während ihre Gedanken sich empörten gegen diese Herrin, sagte sie sich laut und seufzend vor, sie müsse zufrieden sein, denn es gäbe ja so viel Menschen, die noch unglücklicher seien als sie.

Unterdeß fragte sich Fräulein Lätitia, was in aller Welt Onno bewegen möge, sich ihr willfährig zu zeigen? Sie konnte sich sogar eines heimlichen Unbehagens nicht erwehren, denn obwohl sie selbst ihn zu diesem Schritt veranlaßt, so wünschte sie doch im Ernste durchaus nicht so ganz bestimmt, er solle Henriette von Ohlau oder überhaupt schon heirathen. Er konnte ja zu jeder Stunde eine gute Partie machen. Sie fühlte jetzt, daß sie über ihr Ziel weg⸗ geschossen hatte; wenn er Henriette's Geld bekam, was machte er sich dann aus Tante Lätitia's Erbschaft?

Eine Unruhe sonder Gleichen ergriff sie, dazu ein Aerger auf Onno, dem sie heute nur wiederholt hatte, was sie ihm schon hundertmal gesagt, was sie ihm zankend und nörgelnd wiederholt, weil sie eben für ihre üble Laune ein Thema haben mußte, worüber sie sich regelmäßig mit ihm stritt.

Und jetzt lief der Thor hin und band sich! Je mehr sie nach dachte, um so mehr erschrak sie. Plötzlich eilte sie nach der Klingel und riß daran, daß von zwei Seiten der Diener und die Ge sellschafterin herein stürzten.

Brennt es irgendwo? fragte Fräulein Lätitia dann mit eisigem Hochmuthe, indem sie schnell jene Beiden in Nachtheil gegen sich setzte.

Ach nein, gnädiges Fräulein klingelten nur so heftig wagte Fräulein Maipeter zu sagen.

Albernheiten! Dann entließ Fräulein von Goostädt mit einer Handbewegung den Diener und stellte sich mit funkelnden Augen vor das Opferlamm.

Setzen Sie Ihren Hut auf, Fräulein, und nehmen Sie an der nächsten Ecke eine Droschke; fahren Sie damit so schnell Sie können nach der Viktoriastraße No. 7 und lassen Sie den Wagen dort halten. Sie bleiben darin sitzen und behalten das Haus No. 8 scharf im Auge es ist möglich, daß mein Neffe Onno, natürlich! in dieses Haus gehen will, Sie dürfen das nicht leiden, hören Sie!