Ausgabe 
30.1.1887
 
Einzelbild herunterladen

235=

Wasser heran, sie standen auf einem erhöhten Fleckchen, wie auf einer Insel. 5 Ins Haus! rief Frau Dorothee,ins Haus! Sie rannten

hinter ihnen her plätscherte die Wasserwoge.

Auf's Dach! Sie kletterten in Eile hinauf, die Frau voran, der Mann hintennach; dann saßen sie oben und starrten auf das höher und höher und weiter und weiter heranschwimmende Wassermeer. Zwischen dem grauen Gewölk kam und ging der Mond, überall ragten die Spitzen der Bäume und die Dächer der Häuser aus dem Wasserschwall heraus. Unter ihnen kochte und brodelte es.

Das Haus ist fest, sagte Vincenz.

Es ist alles eins, versetzte Frau Dorothee.Da hält das stärkste Gemäuer nicht aus. Zudem steigt die Fluth zusehends. Die kommen nicht mehr herüber, und wenn sie herüber kommen, finden sie uns nicht mehr.

Sie faltete die Hände und murmelte leise Gebete, während Vincenz ein Kreuz ums andere schlug.

Dann fragte Frau Dorothee:Warum bist Du zurückgekommen, Vincenz? f

Ich, ich weiß es selber nicht recht. Es kam mir so schlecht vor, Dich hier umkommen zu lassen. Ich bin doch der Mann und Du die Frau.

Wie er das sagte, schloß sie die Arme um ihn, zog seinen Kopf an ihre Brust nud küßte ihm die Haare, die Stirn, die Augen und den Mund.Siehst Du, Vincenz, nun sterben wir doch zusammen. Ach, wenn Du mich vorher nur noch ein einziges mal so recht lieb haben wolltest!

Da küßte er sie wieder und sagte:Dorothee, ich kann nichts dafür, das geht mir grad wie dem Wasser dort.

Sie aber fing an bitterlich zu weinen.Du hättest bei ihr in dem Boote bleiben sollen. Dann wäre ich jetzt schon todt, und ihr könntet morgen eine fröhliche Hochzeit feiern. Für die armen Würmer würde die Muhme schon Sorge tragen.

Sei doch still, Dorothee, bat er und griff nach ihren Händen,

jetzt ist es ja alles aus.

Das Wasser stieg immer höher, so daß sie eng auf dem Schorn⸗ stein zusammen kauern mußten. Auch der Wind wurde stärker, sie faßten sich fest aneinander, um nicht von ihrem luftigen Sitze herab⸗ geweht zu werden. Wie Eines das Andere so umklammert hielt, sie Beide allein in der fürchterlichen Oede, über ihnen die sturm⸗ gepeitschten Wolken, unter ihnen die tosenden Wasser, fühlten sie lebhaft, wie ihre gegenseitige Nähe ihnen zum Trost und fast wie zum Schutz gegen die fremde, fühllose Natur rings um sie her wurde, und den Mann durchfuhr der Gedanke, daß er die Frau, die seinen ganzen Halt im Leben bildete, verlassen wollte, mit jähem Schrecken. Die Aussicht, ohne sie in die Welt hinein zu ziehen, erschien ihm plötzlich ganz ebenso schauervoll wie der Blick auf die, von wechselnden Mondstrahlen beleuchtete Wasserfläche, die zu ihren Füßen grollte.

Dorothee, stieß er zwischen seinen klappernden Zähnen hervor, ich hab' im Leben nicht gewußt, was für eine Frau ich an Dir hab.

Da, rief die Frau und wies auf einen kleinen, dunklen Punkt, der sich auf dem Wasser zeigte und wieder verschwand,es ist das Boot! 5

Das Wasser stieg ihnen bis an die Knie. a

Es kommt zu spät, stammelte Vincenz, und seine Glieder schlugen

wie im Frost zusammen.

Ach Gott, und wenn wir wenigstens im Himmel zusammen bleiben könnten, jammerte Frau Dorothee.Aber das haben wir nun, daß wir verschiedenen Glaubens sind. Da kommst Du in die eine Ecke zu stehen und ich in die andere.

Das Haus unter ihnen krachte, eine Woge kam und schwemmte sie weg, beide zusammen, wie sie sich hart in einander geschlungen hatten.O heilige Mutter Gottes, schrie die Frau in der Todes⸗ noth,laß mich doch nur im Himmel mit meinem Vincenz zusammen, ich will auch die ganzen Tage vor Dir knieen und beten!

Das Wasser trieb sie weiter, bis ein Baumstamm sie aufhielt. Vom Boote aus hatte man ihr Schreien gehört, mit Lebensgefahr zogen die braven Schiffer die Bewußtlosen in das schwankende Fahrzeug.

Am andern Mittag erwachte Vincenz aus tiefem Schlafe in der Stube gastfreundlicher Fischersleute im jenseitigen Dorfe.Wo ist die Wirthin? fragte er, Kathrine, die mit verweinten Augen an sein Bett gelaufen kam, wehrte er ängstlich von sich.Es geht nicht, Mädchen. Wo sollten wir hin ohne die Frau?

Als die Ehegatten sich wiedersahen, sanken sie einander in die Arme. Vincenz, dem die überstandene Gefahr noch schwer in den Gliedern lag, begann zu weinen, die standhafte Frau Dorothee aber sprach triumphirend:Da hast Du nun gesehen, was solch Hoch wasser anrichten kann, und wie bald wird's doch verlaufen sein.

Die Kathrine sah er nicht mehr wieder, Frau Dorothee that sie in der Stadt in einen Dienst.

Längst floß der Strom wieder in alter Weise dahin, da quäkte ein neues Stimmchen in dem großen Himmelbett im Wohnzimmer. Die Wöchnerin zauste lustig an dem Krauskopf ihres Vincenz, dessen blasses Gesicht sich neugierig über das neueste, kleine Weltwunder beugte; dann zog sie unter dem Deckbett ein kurzes Kettchen von winzigen schwarzen Holzperlen hervor und hing es dem Neugeborenen um den Hals. f

Die Jungfrau Maria hat sich mit meiner Sache mehr Mühe gemacht, als ich für möglich gehalten hatte, sagte sie,da will ich auch nicht genau sein und gern ein Uebriges für sie thun, zu den sechsen, die ich ihr gelobt habe, mag sie immerhin noch das siebente nehmen. ö

Das Hexenkind. Eine Erzählung aus dem Rumänischen Volkeleben von Julius Theiß.

Im ganzen Orte war Keine so zierlich und gewandt wie Rachilla, aber auch keine so wild und ungeberdig wie sie. Klettern konnte sie wie eine Katze; das hatte sie oft bewiesen, wenn der alte Sivu Brodanu, dem sie häufig das Obst von den Bäumen schüttelte, hinter ihr herlief, um sie zu züchtigen. Dann erklimmte sie, wie ein Eich⸗ hörnchen, behende die hohe Esche dicht am Gartenzaune, blickte höhnisch auf ihren Verfolger herab und rief ihm lachend zu:Komm mir nach, wenn Du kannst!

Selbst die Jungen fürchteten sich vor ihr, denn sie theilte diesen, wenn sie gereizt wurde was sehr oft vorkam Püffe aus, daß sie heulend und schreiend nach Hause liefen.

Im Dorfe nannte man sie nur das Hexenkind. Die meisten Ortsangehörigen schwuren darauf, daß sie die Tochter der alten, als Hexe verschrienen Joana Stimulitza sei, die abseits vom Dorfe eine elende Hütte bewohnte, an der Jedermann mit einem gewissen Grauen vorüber ging. Die besser Eingeweihten freilich meinten, die alte Joana habe das Kind nur angenommen; von wem wußte Niemand.

Und sie mochten Recht haben, die dies meinten! Rachilla nannte die alte Frau zwarCuna(Großmutter), hing jedoch keineswegs mit kindlicher Zärtlichkeit an ihr. Allerdings wurde sie von der alten Joana sehr oft hart und rauh behandelt und dies erweckte in dem Herzen des Mädchens bittern Groll.

Ob Rachilla selbst über ihre Herkunft im Klaren war, blieb zweifelhaft. Es lag auch garnicht in ihrer Art, sich hierüber Auf⸗ klärung zu verschaffen. Den ganzen Tag lief sie umher, bald auf den Bergen, bald in den Wäldern und Feldern und trieb allerlei Kurzweil. Sie neckte die Tschobans(Schafhirten), erschreckte die Weiber, die in den Wald kamen, um Beeren zu suchen, oder balgte sich mit den Jungen herum.

So schweifte sie denn auch eines Tages an dem Ufer des Cibins umher, unfern der Stelle, wo sich dieser Fluß in den Alt ergießt. Der Rand des Ufers war nur schmal, denn es hob sich fast un mittelbar aus dem Wasser eine mächtige Felswand empor, die mit dichtem Haselgesträuch bis zur schwindelnden Höhe üppig bewuchert war.

Rachilla vertrieb sich die Zeit nach ihrer Weise recht angenehm. Sie saß auf dem schmalen Uferrand und plätscherte sichtlich vergnügt mit den Beinen im Wasser. Ihr tiefschwarzes, aber wenig geordnetes Haar schmückte eine Alpenrose.

Wer hatte sie gelehrt, sich das Haupt so zu schmücken? Nun, vielleicht hatte sie dies der eiteln Flora Humpalor, der Tochter des Popen, abgelauscht! Oder sie war auch von selbst darauf verfallen! Wer konnte dies so genau feststellen!

Das Mädchen unterbrach plötzlich sein Spiel und wandte hastig den Kopf nach links. Ein weinender Knabe mit bloßem Kopfe, der den schmalen Weg heraufschritt, hatte es hierzu veranlaßt. Er hielt einen gekochten Maiskolben in den Händen, in den er, trotz seiner