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augenscheinlichen Bekümmerniß, zeitweise herzhaft hineinbiß. Der Knabe hieß Ilie und war des wohlhabenden Potru Mikuwanus Sohn, der jedes Jahr große Heerden Schafe in die Türkei trieb und dann mit einer Menge türkischer Goldpiaster, die seinen Gürtel füllten, wieder heimkehrte.
„Was betrübt Dich, Ilie?“ fragte Rachilla den Knaben.
Dieser konnte nicht gleich antworten. Er hatte den Mund voll Maiskörner, die seine blendend weißen Zähne eifrig zermalmten. Nach einem Weilchen erst entgegnete er:„Toder, der Ziegenhirt, hat mir die Mütze genommen und sie seinem Ziegenbocke auf die Hörner gestülpt! Siehst Du, dort oben klettert das Thier!“ Und der Knabe deutete mit der Hand auf die Höhe der Felsenwand, wo in der That der seltsam geschmückte Ziegenbock behende zwischen dem Haselgebüsch herumkletterte.
Rachilla warf erst einen forschenden Blick in die Höhe und ließ dann ihre Augen begehrlich auf dem Maiskolben in der Hand des Knaben ruhen. An diesem zeigten sich noch eine Menge jener weich— gekochten wohlschmeckenden Körner, die selbst von den verwöhnten Städtern gern genossen werden.
„Gieb mir die Hälfte von Deinem Kukurutz,“ sprach nun Rachilla mit leuchtenden Augen,„und ich hole Dir die Mütze!“
„Wenn Du mir die Mütze bringst, will ich's thun!“ nickte Ilie.
Wie eine Wildkatze behende erklimmte nun Rachilla die Fels— wand; von Strauch zu Strauch kletterte sie empor und achtete nicht des Gerölls, das sich unter ihren Füßen loslöste und prasselnd in die Tiefe stürzte. Immer mehr entschwand sie den Blicken des er— staunten Ilie und immer geringer wurde der Zwischenraum, der sie von dem behörnten Kletterer trennte, der bei Annäherung des ver— wegenen Mädchens immer höher stieg und diesem zu entrinnen suchte. Mit Verachtung aller Gefahr beeiferte sich Rachilla, den Fliehenden zu erreichen. Dies gelang ihr auf der obersten Felskante, die plötzlich jäh in die Tiefe stürzte und die Flucht des Thieres hemmte. Mit einem geschickten Griff riß sie Flies Mütze von den Hörnern des Ziegenbockes, setzte sich diese nach Knabenart auf's Haupt und begann eilfertig den Rückzug. In wenigen Minuten stand sie wieder vor dem Knaben.
5„Hier ist Deine Mütze, Ilie!“ sprach sie zu diesem und wischte sich mit dem weiten Aermel ihres Hemdes den Schweiß von der Stirn.
„Und hier ist Dein Lohn, Hexenkind!“ lachte Ilie und reichte ihr nun den völlig abgenagten körnerlosen Strunk hin; dann wandte er sich eilends um und lief davon.
Wie erstarrt blickte Rachilda dem Davoneilenden nach; aber bald nahmen ihre dunklen Augen einen eigenthümlichen Glanz an. Wildes Feuer loderte in ihnen. In heftiger Erregung fuhr sie sich mit den Händen durch die wirren Haare, daß deren Schmuck— die Alpen— rose— zur Erde fiel. Nun bückte sie sich! Aber einen etwa faust— großen scharfkantigen Stein, der sich erst vorhin unter ihren Füßen von der Felswand losgelöst hatte, raffte sie eilig von der Erde auf und lief damit dem Knaben nach. Dieser wandte gerade das Gesicht nach seiner Verfolgerin hin, um sich zu überzeugen, wie groß der Vorsprung sei, den er vor jener voraus hatte. In demselben Augenblicke flog der kräftig geschleuderte Stein durch die Luft und traf die Stirne Ilies, daß dieser mit einem dumpfen Schmerzens— schrei zu Boden stürzte und bewußtlos liegen blieb.
Wie gelähmt blickte Rachilla auf den wie leblos daliegenden Knaben und das Blut, das aus seiner Stirne quoll.— Bereuete sie die That? Vielleicht! Aber sicher kam sie zu der Einsicht, daß unter allen ihren tollen Streichen dies der tollste gewesen sei.
Als wenn Furien sie jagten, rannte sie nun von der unheimlichen Stätte fort. Jedoch nicht nach dem Dorfe lenkte sie die beflügelten Schritte; weit ab davon, in's Gebirge floh sie hinein.
Am Abend desselben Tages brachten einige rumänische Holzfäller den blutenden Knaben seinen Eltern.
Und Rachilla?— Nun diese eilte weiter und immer weiter; über schwindelnde und durch unwirthliche Gegenden nahm sie ihren Weg. Längst befand sie sich jenseits der Grenze und auf rumänischem Gebiete. Spät am Abend langte sie, weit oben im Gebirge, bei einigen Hirten an, die um ein Feuer lagerten und sich ihre Mama— liga(Maisbrei) trefflich munden ließen.
„Wo kommst Du her, Kind?“ fragte der Aelteste unter ihnen das erschöpfe Mädchen und sah ihm verwundert in das geröthete Gesicht. Die Genossen des Alten machten wohl auch große Augen, aber sie schwiegen.
Rachilla zögerte ein Weilchen mit der Antwort. Vielleicht suchte sie nach einem passenden Vorwand, ihr Erscheinen zu bemänteln; oder aber es hinderte sie die allzugroße Erschöpfung am Sprechen. Der Alte mußte die Frage wiederholen, wollte er Auskunft haben.
„Von drüben komm ich her!“ antwortete endlich Rachilla und meinte damit, daß sie jenseits der Grenze, aus Siebenbürgen komme. Und nun erzählte sie den Hirten mit vieler Geläufigkeit, wie sie am„großen Meerauge“, einem in der dortigen Gegend wohl— bekannten Gebirgssee, Kräuter gesucht habe, aus denen ihre Groß— mutter für die Kranken heilsame Tränke bereite. Da hätte sie plötzlich an der„hohlen Eiche“ einen Bären bemerkt, der sich ihr brummend und kopfschüttelnd genähert habe. Erschreckt wäre sie vor dem Ungethüme entflohen und habe sich, der Wege unkundig, verirrt. g
„Wenn das nicht der tückische Unhold war, der uns gestern zwei Schafe erwürgte,“ bemerkte auf Rachillas Bericht der alte Hirte,„will ich nie wieder Mamaliga essen!“ Die andern Hirten stimmten ihrem Gefährten bei.„Was soll nun aber mit Dir werden, Kind?“ fragte der Alte das Mädchen wieder.
„Ich will bei Euch bleiben!“ antwortete Rachilla ohne Be⸗— denken dem Frager.
„Aber Deine Großmutter,“ wandte jener ein,„wird sich nach Dir bangen!“
„Nein! Ihr Herz hängt am Gelde, und ihr Gemüth ist hart!“
„Wenn's so ist, Kind,“ nickte der graubärtige Hirte,„trifft sich's gut!— Bei uns kannst Du freilich nicht bleiben. Aber in der Stina(rumänische Sennhütte) bei Patrik Pokaru und seiner Ehegenossin Nutza, die dort drüben hinter dem Walde die Heerden des reichen Joan Nipudar hüten, wirst Du ein willkommener Gast sein. Die Beiden haben vor einigen Tagen ihr einziges Töchterchen verloren. Das Kind suchte am„grünen Felsen“ Blumen, fiel herunter und brach den Hals. Nun jammern sie um ihren Liebling und ihre Herzen sind betrübt. Dein Erscheinen, denk ich, wird sie trösten!“ i
Der alte biedere Hirte hatte richtig vermuthet! Rachilla, die am nächsten Morgen sich auf den Weg nach Pokarus Stina machte, wurde von den trauernden Eltern herzlich willkommen geheißen.
„Das Kind schickt uns der heilige Petrus, Mann!“ sprach Nutza zu ihrem Ehegenossen. 5
„Er schickt's und sei gepriesen!“ nickte dieser und Rachilla blieb.
Das fromme Vertrauen der beiden einsamen Stinabewohner sollte sich denn auch in der That erfüllen.
Rachilla gedieh herrlich! Das sanfte Wesen Pokarus und seiner Ehefrau berührte sie überaus wohlthuend und milderte mehr und mehr ihre wilden Sitten. Die rührende Besorgniß der Pflegeeltern für das ihnen neu geschenkte Kleinod erweckte im Herzen Rachillas eine Empfindung, die ihr bisher völlig fremd gewesen: die Kindes- liebe. Sie wuchs mit den Jahren und verklärte das ganze Wesen des allmählich zur Jungfrau erblühten Mädchens.
So finden wir denn Rachilla eines Morgens am Saume eines Gehölzes, hoch oben in den Bergen. Vater Pokaru war kränklich und konnte nicht wie sonst die Lämmer zur Weide treiben; Rachilla that es für ihn.
Sie saß an einem Abhange mit einer ungewöhnlichen Arbeit beschäftigt, die ihr jedoch augenscheinlich großes Vergnügen gewährte. Die vielgestaltigen, in allen Farben schillernden Blumen in ihrem Schooße und der eben erst vollendete Reif in ihren Händen deuteten darauf hin, daß sie sich bemühte, einen Kranz zu flechten, und das zeitweise Nicken ihres Hauptes ließ erkennen, daß ihr der Versuch mehr und mehr gelang.
Ein bulgarischer Handelsmann war am Tage vorher in ihrer Stina gewesen. Unter den vielen Herrlichkeiten, die er zum Verkauf ausbot, befanden sich auch einige Gemälde. Es waren dies gewöhnliche Buntdruckbilder, wie solche von den Händlern auf den Jahrmärkten zur Schau ausgestellt werden und das Entzücken der Landbevölkerung erregen. Auch Rachilla entzückten sie! Aber nicht der„heilige Potru“ oder der„heilige Ilie“, deren Häupter ein greller Heiligenschein zierte, machten ihre Augen glänzen. Ein ganz anderes Bild, das der bulgarische Händler im geschästlichen Eifer neben die frommen Männer auf die Tischplatte ausgebreitet hatte, erweckte Rachillas größtes Interesse und riß sie zur Bewunderung hin. f
Das Bild stellte ein junges Mädchen dar, das einen Kranz von Feldblumen in den Haaren trug. Unter diesem Bilde stand das
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