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körperlicher Gebrechen, wegen Krankheit ihrer Angehörigen oder ihres Viehes, manche in Herzensangelegenheiten, wieder andere in noch unheiligeren, weltlichen Wünschen, die, meist zum Nachtheil des Wohles ihres Nächsten, auf vermehrten, irdischen Besitzstand hinaus⸗ zielten.
Die Mutter Gottes, in ihrem neuauflackirten, rothen Gewande und dem glänzend himmelblauen Mantel über der Schulter, lächelte hold— selig unter ihrer Strahlenkrone auf das kreuzschlagende und knixende, knieende und rutschende Menschenvolk mit all seinen thörichten, klein⸗ lichen Bedürfnissen und Begierden herab. Frau Dorothee aber, durch⸗ greifend in Allem, was sie that, spielte einen großen Trumpf aus.
Nachdem sie der heiligen Jungfrau, im Glauben, daß dieselbe nach Frauenart wohl mehr Freude an einem glänzenden Schmuck⸗ stück fände, als an den Schweineschinken, Butterstücken, Eierkörben, wächsernen Händen und Füßen, mit denen ihr Altar reichlich be⸗ deckt war, eine prunkende, dreireihige, blaue Perlenkette gewidmet, auch noch eine kleine Nadel für den heiligen Vincenz beigefügt hatte, fing sie an, an einem unterwegs gekauften Rosenkranz hin und her zu ziehen, griff dabei, zwischen den einzelnen Sätzen des Vaterunsers hindurch, die Jungfrau Maria kräftig beim Ehrgeiz an und gelobte ihr, falls sie die Kraft und die Macht habe, das Herz des Vincenz wieder zu ihr zu lenken, so wolle sie, ihr zum Preis, alle sechs Kinder, Buben wie Mägdlein, katholisch erziehen lassen, wovon sonst bei der bekannten Glaubensträgheit des Vincenz gar keine Rede sein könne.
Beruhigt und getröstet erhob sie sich endlich, um mit den Andern heimzuwandern. Es war ja garnicht daran zu zweifeln, daß die Mutter Maria ihr Gebet erhoͤrte. Sie hatte ja sechs Herzen für eines geboten, und überdem konnte es der heiligen Frau doch ganz gleichgiltig sein, ob das Herz des Vincenz ihr oder der Kathrine gehörte, da sie selber so gar keinen Antheil daran besaß.
Die Beiden zu Hause hatten unterdessen jedes für sich ihre Arbeit geschafft und waren schweigend und mit heißen Augen aneinander vorbei gegangen.„In wenig Tagen haben wir den Eisgang,“ hatte Vincenz über Tisch gesagt; dabei hatten sie sich angelegt, in die Arme gefaßt und wieder losgelassen und waren dann scheu aus— einander gegangen, als ob eines sich vor dem andern fürchte.
Es fing wieder an zu schneien; auch der Frost stellte sich wieder ein; das Mädchen lief mit ihren Wassereimern unruhig in dem weißen Schnee hin und her, nahm auch wohl die spitze Hacke mit und schlug in zornigem Aerger kleine, tiefe Löchlein in das Eis, das garnicht aufgehen wollte. 5
Endlich im Anfang des April begann es gewaltig von Süden herauf zu stürmen. Die Schneewolken am Himmel lösten sich in Regentropfen auf; die Bäume bogen sich und brachen; von den Dächern flogen Ziegel und Sparren herunter. In dem Flusse be— gann es sich zu rühren. Es knickte und knackte, es grollte und barst; krachend sprang hier eine Stelle auseinander und dort eine Stelle; in die Lücken quoll sprudelnd das Wasser hinein, schwemmte über die feste Masse hinüber, spülte und wühlte, riß hier ein Stück los und dort ein Stück; mit dumpfem Getöse schwammen die mächtigen Eisschollen den Strom hinunter.
Der Damm wurde von Menschen nicht leer, und in dem Wirths— hause ging es hoch her mit Biergläsern und Branntweinflaschen; Dorothee und Kathrine mochten in den kurzen Ruhestunden die Füße schon fühlen. Von Polen her kamen böse Nachrichten herunter. Es lag auf den Bergen viel Schnee, der löste sich rasch in der plötzlichen . überall trat Hochwasser ein, und Land und Leute geriethen in Noth. 8
„Wir bekommen es auch noch,“ weissagten die alten Leute,„wie vor dreißig Jahren. Das Wirthshaus hier wurde von Grund aus weggespült; der Wirth und die Wirthin ertranken.“
„Es ist jetzt fester gebaut,“ sagte Frau Dorothee.—
Sie kam von früh morgens bis zum späten Abend kaum hinter dem Schenktisch hervor und ließ mit glänzenden Augen die blanken Geldstücke durch die schmale Kassenöffnung gleiten. In der Nacht aber zählte sie das Geld zusammen, steckte es zu sich und fügte ihre und ihres Mannes beste Kleidungsstücke sorgfältig in kleine, feste Bündel.
Immer weiter und höher dehnten sich die Wassermassen; immer wilder stieß und spritzte der Strom gegen den Damm. Wachter liefen Tag und Nacht umher; die Fischer zu beiden Seiten des Flusses richteten ihre Böte zu, und die fürsorgliche Wirthin brachte
ihre Kinder zu einer auf einer sichern Anhöhe wohnenden Ver— wandten.
Kathrine ging mit zitternden Gliedern und verstörten Augen umher und fürchtete sich unbeschreiblich. Am Tage schlich sie Frau Dorotheen auf den Fersen drein; Nachts aber war sie nicht zu be⸗ wegen, ihr Kämmerchen aufzusuchen; sie wickelte sich in eine Decke, kauerte wie ein Hündchen vor der Thüre des Wohnzimmers, hinter
der die Andern schliefen und horchte bebend auf das Heulen des
Windes und das Toben des Flusses, bis die müden Augen ihr zu kurzem, unruhigem Schlummer zufielen. So kam es, daß sie sich nach einigen Tagen kaum noch aufrecht zu halten vermochte.
„Du wirst krank, wenn das so fortgeht,“ sprach Frau Dorothee an einem Abend, als der Wind sich etwas legen zu wollen schien. „Gleich machst, daß Du in Deine Kammer kommst und legst Dich in's Bett. Bitt' den lieben Gott nur um Schutz und versprich ihm, daß Du ein gutes Mädchen sein und die nichtsnutzigen Ge⸗ danken nach anderer Leute Männern aufgeben willst; dann kann Dir nichts geschehen.“
Das Mädchen war derart heruntergekommen, daß es selbst zur Furcht keine Kraft mehr hatte; gehorsam kroch es das steile Treppchen hinauf und streckte sich in Kleidern, leise klagend und bebend, in die knarrende Bettstelle.
Die Wirthin und der Wirth saßen unten im Schenkzimmer unter den Gästen, die lebhaft über die Möglichkeit einer Gefahr hin und her stritten. Die jüngeren schüttelten ungläubig die Köpfe; die älteren Leute aber gingen unruhig aus und ein und meinten, der Fluß hätte noch nie so große Wassermassen mit sich geführt. Von Zeit zu Zeit wurde die Wache draußen abgelöst; die Wächter er⸗ zählten dann von der Gewalt, mit der immer neue Eisstücke gegen die Ufer stießen.„'s ist ein böser Gast, der Frühling!“ sagten sie.
Endlich gegen Mitternacht wurde die Thüre stürmisch aufgerissen, und ein Bursche aus dem Dorfe stürzte schreckensbleich herein:„Der Damm ist gerissen! Auf unserer Seite! Zwei Meilen unterhalb, sagen sie. Sie kommen mit Böten herüber! Macht fort, so schnell ihr könnt!“ g
Alles gerieth in Aufruhr. Aus den Häusern kamen sie herbei⸗ geeilt mit Weib und Kind, Jeder mit seiner besten Habe beladen. Schwerfällig arbeiteten sich die starken Böte durch das wilde Wasser; mit Lebensgefahr ging es herüber und hinüber. Das kleine Fähr⸗ boot, das einige Vorwitzige flott zu machen versucht hatten, lag bald zerbrochen zwischen den Schollen. Frau Dorothee stand mit ihren beobachtenden Blicken am Ufer und warf ein Päckchen nach dem andern in die abgehenden Böte hinein; aus der Ferne brauste es mit dumpfem Donner heran.
„Kommt Wirthin,“ rief man ihr aus einem der Fahrzeuge zu; es ist gerade noch ein Platz frei; ehe wir zurückkommen, steht Ihr wohl mitten im Wasser.“ f
„Wo ist mein Mann, wo ist der Vincenz?“ rief sie.
Niemand hatte ihn gesehen.„Er ist wohl lange drüben,“ hieß es.
Eben wollte sie in das Boot klettern, als der Wirth herzu ge— laufen kam, die jammernde Kathrine in den Armen.„Hier,“ schrie er von weitem,„haltet, nehmt uns mit!“
„Wen?“ schrieen die Schiffer zurück.
„Es ist unsere Magd,“ gab Frau Dorothee zur Antwort.
Sie murrten.„Die Landläuferin! Drei Personen, es ist un⸗ möglich,“ riefen sie dann.„Weil ihr es seid, wollen wir ein Uebriges thun, kommt ihr herein und der Mann, laßt das Mädel mit den flinken Beinen ins Land hineinlaufen. Solch Unkraut verdirbt nicht, deretwegen braucht kein ehrlicher Christenmensch seine Haut zu Markte zu tragen.“
Das Boot war zur Abfahrt bereit, es schwenkte und ächzte, Frau Dorothee sah die schwarzen Augen ihres Mannes angstvoll auf sich gerichtet.„Geh mit ihr hinein,“ sagte sie hart,„man soll kein Menschenleben aufs Spiel setzen, auch nicht, wenn es das einer ver— laufenen Dirne ist. Es ist auch noch viel Gepäck am Ufer; ihr kommt schon noch einmal zurück.“
Er trat mit dem Mädchen in das Fahrzeug, die Schiffer schalten und stießen ab, Vincenz aber gewann mit kräftigem Sprunge das Ufer wieder und eilte seiner Frau nach.
„Warum kommst Du zurück?“ fragte sie.
„Laß uns das Ufer entlang laufen,“ schrie er,„dort hinten geht noch ein Boot ab.“ b
Es schwankte um sie herum, von beiden Seiten strömte das
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