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zu den
Gurrhessishen Muchrichten.
N Jeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
Nr. 5.
Gießen, den 30. Januar.
1837.
Frühlingssturm.
Novelle von M. Day. Schluß.)
Es war am Nachmittag desselben Tages. Kathrine hatte bis in den hellen Morgen hinein geschlafen, dann hatte sie der Wirthin geholfen, die Gaststube zu säubern und die gebrauchten Gefäße zu reinigen; darauf hatte sie auf Dorotheens Geheiß ihre Sachen zusammengepackt und stand nun, zum Gehen gerüstet, ihr Bündelchen auf dem Arm, in dem guten wollenen Sonntagsrock auf dem Flur.
„Wenn die Kathrine geht, geh' auch ich,“ sagte der Vincenz und griff nach seiner Pelzmütze.
Das war zuviel, selbst für Frau Dorotheens Standhaftigkeit. „Geht!“ schluchzte sie,„geht Beide, wohin Ihr wollt!“ und sank weinend auf einen Stuhl.
„Ich thu Dir Herzeleid an und kann doch nichts dafür,“ sagte Kathrine und trat näher an sie heran.„Daß ich den Vincenz lieb hab', hab' ich mir nicht selber gemacht, das ist wie ein Feuer in meinem Leib. Was Unrechtes haben wir nicht gethan; das Küssen ist in den zehn Geboten nicht vorgesehen.“
„Geh!“ schluchzte die Wirthin,„geh auf Deine Kammer, ich habe mit meinem Mann zu reden. Vincenz,“ sagte sie dann, als das Mädchen gegangen war,„Vincenz, hab' ich das um Dich verdient?“
„Wo soll sie hin?“ fragte er und blickte finster zu Boden.„Laß sie hier; sie hat nichts anderes gethan, als daß sie mich lieb hat, so gut wie Du.“
„Ich bin Dein Weib,“ fuhr die Wirthin auf.
„Wäre sie früher gekommen, dann wäre sie es,“ entgegnete der Mann,„wo ist da das Unrecht? Warum bist Du gekommen und hast mich gefragt, ob ich Dein Mann sein wolle? Hätte ich Dich lieb gehabt, so wäre ich zu Dir gekommen. Und dann hast Du mich gehalten ohne Willen wie einen Knecht im Haus.“
„Vincenz,“ schluchzte sie,„habe ich Dir nicht Alles zu Liebe gethan?“
„Wärst Du damals nicht gekommen, so könnten wir jetzt alle zufrieden sein,“ fuhr er fort.„Ich weiß selber nicht, wie mir zu Muthe ist; zerbrechen möcht' ich Alles, was mir in den Weg tritt.“
Da öffnete Frau Dorothee die Thüre des Wohnzimmers, wo die kleine blond⸗ und braunköpfige Schaar in glücklicher Unbefangen⸗ heit um eine niedrige, bunt geschmückte Tanne herum ihr Spiel trieb.„Die sind's, die Dir in den Weg treten; zerbrich sie, wenn Du kannst.“
Als Vincenz dann Abends im Bette lag, weinte und klagte er. „Dorothee, ich hab' noch nie einen Menschen so lieb gehabt wie sie.“
Doch die Frau nahm seinen Kopf in den Arm, hätschelte ihn
wie ein krankes Kind und beruhigte ihn:„Versprich mir, nur zu warten, bis der Frühling gekommen ist.
Ist es dann nicht besser mit Dir, so laß ich Dich gehen, dann magst die Kathrine nehmen und glücklich sein.“
Im Stillen aber hoffte sie auf die Güte und Verständigkeit der in Eheangelegenheiten nicht unerfahrenen Mutter Gottes.
Es war ein eigenthümliches Verhältniß, das sich jetzt in dem Hause heranbildete. Die Wirthin war liebevoll gegen Vincenz, streng gegen Kathrinen und behielt die Beiden scharf im Auge; der Wirth hatte sein barsches Wesen wieder abgelegt, ging schweigsam und kopfhängerisch im Hause herum und spielte oft Stunden hindurch auf seiner Harmonika; nur das Mädchen blieb unverändert, ver⸗ richtete in fleißiger Geschicklichkeit seine Obliegenheiten und sah Jedem dreist und ruhig in das Gesicht. 1
„Was wird nun werden?“ fragte sie eines Abends Vincenz, als sie ihm im Flur begegnete.
„Es soll noch bis zum Frühling dauern, dann giebt die Wirthin mich frei, und ich werd' Dein Mann,“ entgegnete er.
Sie jauchzte leise auf und hing sich an ihn; doch wie er sie in die Arme nehmen wollte, wehrte sie ab:„Da können wir schon noch warten, bis ich Deine Frau bin.“
Zu Anfang März trat Thauwetter ein.
„Der Frühling kommt,“ sagte Kathrine. 8
„Das vergeht noch einmal,“ erwiderte Frau Dorothee.
Das Eis des Flusses knisterte und bog sich. Wenn das Mädchen mit ihren Wassereimern zur Wune ging, trat es versuchend mit den Füßchen neben den Aushau und lachte, wenn es hindurchtreten und die Holzschuhe voll Wasser schöpfen konnte. Wieder zogen dunkle Wolken über den Fluß hin, wieder bogen sich die Kiefern im Sturme, und die Linde klopfte mit ihren blattlosen Aesten die langen Nächte hindurch an Kathrinens Kämmerlein.
Jetzt war die Zeit für Frau Dorotheens Wallfahrt gekommen. Mit vielen Ermahnungen legte sie Vincenz und Kathrinen das Haus⸗ wesen an's Herz und begab sich auf die Pilgerschaft. Es wurde ihr nicht leicht, das verliebte Pärchen einen ganzen Tag ohne Auf⸗ sicht zu lassen, daher empfahl sie den Kindern, fleißig um den Vater zu bleiben und verließ sich im Uebrigen auf die weise Fürsorge der Muttergottes, die, wie sie meinte, wohl auch ihrerzeit durch den frommen und gestrengen Zimmerherrn mehr eheliche Bedrängniß kennen gelernt hatte, als die Bibel uns zu melden für gut befindet.
In dem Dorfe nahm sie ein kleines Wägelchen, das sie zur nächsten Stadt brachte; von dort aus wanderte sie zu Fuß in einem langen Zuge andächtig singender Pilger und Pilgerinnen zu dem nahe gelegenen Wallfahrtsorte. Schon das Verweilen unter einer Anzahl Personen, die gleich ihr von Kummer darnieder gedrückt und der Hilfe bedürftig waren, gewährte ihr einigen Trost. Denn jeder dieser Wallfahrer suchte die wunderthätige Gnadenmutter nicht etwa aus reiner Liebe und Verehrung, sondern einzig und allein seiner eigenen, kleinen, egoistischen Zwecke wegen auf; die Meisten wegen


