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klagen. Folgte ich stets
ese Moment, so würde ich
li kli gegenuder einen anderen Ton
den el dec Du uns lieb und theuer bist, Henny, sage
ich nur das Eine: Du könntest Dich, unserer Mutter zu Liebe, besser betragen.“
Er wollte aufstehen, aber sie erfaßte flehend seine Hand.
„Du gabst mir einmal eine Ohrfeige—“
Jetzt mußte er laut auflachen.
„Ja, einen kleinen Backenstreich vor zehn Jahren, weil Du der alten Katze Pechschuhe angezogen hattest und das Thier sich halbtodt daran quälte. Glaubst Du, deshalb könnte ich Dich heute nicht mehr lieb haben?“
Sie sah ihn mit neu aufsteigenden Thränen an.
„Aber Kind,“ sagte er, sich herzlich zu ihr niederbeugend. „Henny, was sind das für Thorheiten! Komm, sei jetzt ein ver⸗ ständiges Mädchen und stehe auf. Trockne Deine Augen, damit Mama nichts davon sieht. Sie wird sich ohnehin schon wieder um Dich ängstigen.— Wie ist's, Henny, willst Du mit mir auf die Promenade gehen? Ich werde Dich auch diesmal führen wie eine große Dame.“
Sie sprang wie elektrisirt auf.„Jawohl, jawohl!“
Während er ihr die blonden Löckchen aus der Stirn strich, drückte sie voller Glückseligkeit wiederholt seine Rechte. Dann hob sie sich stolz auf den Zehen empor und hielt Umschau, ob auch Jemand den feierlichen Moment gewahrte, da Gebhard ihr den Arm ganz so höflich und ritterlich wie der Mutter reichte.
Er lächelte, was seine etwas strengen Züge in der That sehr angenehm verschönte, und drückte ihre kleinen Finger fester in seinen Arm.„Nun also vorwärts!“
Sie hielt ihn noch einmal auf, indem sie ihr reizendes Ge⸗ sichtchen halb trotzig, halb ängstlich zu ihm erhob.„In die Pension gehe ich aber gewiß nicht?“
„Nein!“
„und—“ sie stockte;„und Deiner Frau brauche ich auch nicht zu gehorchen?“
Er wollte böse werden, aber ihre sprechenden Augen entwaff— neten ihn.„Das wird sich ja dann finden!“
Damit verließen sie das Lindenhaus.
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Wenige Tage später ward der Badegesellschaft durch große Anschlagzettel bekannt gemacht, daß es der Direktion gelungen sei, eine gutrenommirte Operettengesellschaft für etliche Vorstellungen zu gewinnen. Die Freude hierüber war allgemein; selbst Herr von Satrup, Ilda's Vater, erklärte diese Abwechslung seiner einförmigen Leseabende für eine hͤͤchst wünschenswerthe. Frau Steinbach, deren leidender Zustand den besten Vorwand bot, sich mehr und mehr auf den bloßen Umgang mit den Hausbewohnern zu beschränken, ward von den jungen Mädchen so lange bestürmt und gequält, bis sie ihre Einwilligung gab, auch für sich die erforderliche Anzahl Billets lösen zu lassen, welche Mühwaltung der Baron zuvorkommend auf sich nahm. Henny schwelgte in Wonne und riß die stillere Ilda mit zur Begeisterung fort.„Martha“ von Flotow sollte zuerst gegeben werden; daraus kannten die beiden schönen Lindenblüthen so manches Lied, so manche Melodie und wurden nicht müde, sich auf den bevorstehenden Genuß zu freuen.
Assessor Berger, ein sehr beliebtes, weil belebendes und anregendes Mitglied der Gesellschaft und von den jungen Damen oftmals schon um Arrangirung kleiner Lustbarkeiten bestürmt, glaubte seine bittere Enttäuschung am besten mit den Waffen der Zerstreuung bekämpfen zu können. Aus diesem Grunde sah man ihn jetzt weit öfter als sonst im Kreise der Jugend, ohne daß ihm deren Heiterkeit auch nur eine vorübergehende Entschädigung gewährt hätte.
„Herr Assessor, Herr Assessor,“ rief Henny, von der Seite der Baronin fortspringend,„haben Sie sich erkundigt, ob das Schloß in Farrendorf zu besichtigen ist?“
„Gewiß, ich habe Erkundigungen eingezogen. Fürsten Georg von Hohenstein.“
„Siehst Du, Ilda,“ rief die Kleine triumphirend,„Dein Traum hat Recht behalten! Du hast heute von einem Georg geträumt.“
Es gehört dem
„Schon von der Landparthie geträumt, gnädiges Fräulein?“ fragte der Assessor scherzend.
Ilda nickte erröthend.„Aber erzählen Sie doch weiter!“
„Nun, der Besitzer, der zweite Sohn des alten Fürsten Hohen— stein, hat das schöne Schloß seit seinen Kinderfahren nicht mehr betreten. Man kann sich daher die Kunstsammlungen, sowie die Garten- und Parkanlagen ganz ungenirt ansehen.“
„Wir müssen doch wohl droben irgendwo einkehren?“ forschte die Baronin, mit ihrer Begleiterin näher tretend.
„Gewiß. Droben in Farrendorf ist ein sehr anständiges Wirths haus, welches auf Besuche dieser Art wohl vorbereitet ist. Dort steigen wir ab und klettern später den schönen, schattigen Schloß— berg hinan.“
„Entzückend! Himmlisch!“ riefen die jungen Mädchen, lebhaft in die Hände klatschend.„Aber Frau Steinbach muß auch mit von der Parthie sein, wir werden schon wieder so lange quälen.“ Der Assessor wandte sich kurz ab und dem sich nähernden Baron
„Der Ausflug nach Farrendorf ist spruchreif geworden.“ „So bleibt es für Sonntag dabei?“ fragte Gebhard von Valingen, sich höflich fragend im Kreise der Damen umschauend.
Allen voran rief Henny ein schmetterndes„Ja!“
Er warf ihr einen kurzen, sehr wohl verständlichen Blick zu, und vor dem Schreckgespenst„Pension“ entfloh sie hastig mit ihrer schönen Freundin.
„Soeben sagte mir der Operndirektor, mit welchem ich in der Inspektion zusammentraf, sein Hauptbassist sei noch nicht angelangt. Hoffentlich findet er sich noch zeitig genug ein, um den Pächter Plunkett in„Martha“ zu übernehmen, ich wüßte sonst nicht, wie wir unsere jungen Damen besänftigen sollten.“
„Ach Gott,“ rief die Baronin beinahe erschrocken,„Henny würde in Thränen zerfließen. Heute Nacht setzte sie sich plotzlich im Bett aufrecht hin und fing an das Jägerlied zu singen. Als ich sie aus dem Traum erweckte, wollte sich die Kleine todtlachen über mein besorgtes Gesicht.“
Zum Glück traf der Bassist noch zu guter Zeit in Germenau ein, und die Gesellschaft aus dem Lindenhause machte sich, von den jungen Mädchen bestürmt, früh genug auf, die besten Plätze in Besitz zu nehmen.
Neben Henny auf der rechten Seite saß Erna Steinbach. Sie sah in ihrer duftigen schwarzen Toilette wunderbar anziehend aus, welchen Eindruck eine frischgepflückte rothe Rose vor der Brust nur vermehrte.
Assessor Berger nahm, so schien es wenigstens, nicht mehr die geringste Notiz von ihrem Dasein. Nach einer stummen, förm— lichen Begrüßung zog er sich hinter den Baron zurück und empfand bald ein aufrichtiges Vergnügen an der Begeisterung, mit welcher Henny und Ilda dem Fortgang des Stückes lauschten.
Die jungen Mädchen saßen Hand in Hand und theilten sich ihr wachsendes Entzücken durch strahlende Blicke mit, aber Keine wagte, mit einem Worte den Zauber zu unterbrechen. Den Höhe— punkt der Freude erreichten sie in der Scene auf dem Mädchenmarkt zu Richmond. Henny schrie fast laut auf, als die stolze Lady nebst ihrer Milchschwester in geschmackooller ländlicher Kleidung erschien, und übertönte damit einen unerstickbaren Ausruf, der sich beim Auftreten des Pächters den Lippen Erna Steinbachs entrang.
Letztere saß weit vornüber geneigt und starrte auf die derbe, kernige Männergestalt, als wolle sie dieselbe zergliedern; dann ließ sie sich plötzlich mit einem Seufzer der Erleichterung in ihren Sessel zurücksinken, um gleich darauf nochmals das Opernglas an die Augen zu setzen und Minuten lang auf dem Antlitz des Sängers ruhen zu lassen.
Die Baronin bemerkte ihre Unruhe und machte sich heftige Vor— würfe, die zarte Frau zu dieser unnöthigen Erregung überredet zu haben.„Wünschen Sie, daß mein Sohn Sie aus dem Saal führt?“ fragte sie mit theilnehmender Freundlichkeit.
Die junge Frau schüttelte hastig das Haupt.„Jetzt nicht, jetzt nicht, vielleicht später!“ Vor dem letzten Aufzug erhob sie sich wirklich, grüßte die Bekannten mit mattem Lächeln und schritt, die Begleitung Herrn von Valingens dankend ablehnend, allein aus dem drückend heißen Raum.
zu.
(Fortsetzung folgt.)


