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Nora. Eine Geschichte aus dem Kinderleben. Von Sara Hutzler. Schluß)
Der„junge Mensch“ wartete den Bescheid nicht ab; ehe noch eine Antwort erfolgt war, stand er in der Mitte des erleuchteten Saales, eine tannengerade, kräftige Knabengestalt, die sich linkisch verlegen nach der Inspektorin umsah.
„Arnold!“
Mit einem Aufschrei, der qualvoll durch den Raum ging, war das Kind Nora davongestürzt. Wie eine Irre flog sie durch den Saal, an dem Knaben vorbei, zur Treppe hinauf, und vor ihrer Kammerthüre angelangt, blieb sie f stehen und sah zurück. Ein An⸗ drang verzweifelter Gedanken füllte ihr Kopf und Herz— Gedanken, die sie peinigten, die sie quälten, die sie außer sich brachten. Er war unten, er! Nach Allem, was ihr schon widerfahren, nach den De— müthigungen, die man sie hatte erdulden lassen, nach der Schande, die auf ihr lag, auch noch die der Bloßstellung vor ihm, vor dem Einzigen, der gut von ihr dachte.
Er sollte nicht— nein, er durfte nicht hören, was man ihm von ihr sagte; die Schande die
ertrug sie nicht— das war zu viel! Sie wollte hinunter— wieder zurück— es war feige
von ihr gewesen, zu entfliehen, sie hätte Stand halten müssen, ö sie hätte bleiben müͤssen, wenn auch 2 nur um zu erfahren, was sich weiter ereignen würde. Zurück wollte sie, wieder hinunter, da— mit sie erführe— Sie hatte einige Schritte gethan und blieb dann stehen. Neben ihr tauchte die Gestalt Hulda's auf, und die— selbe gab Bericht, es habe sich Seltsames zugetragen da unten.
„Denke Dir, die Luise ist fort! Ich bin weggeschlichen, um es Dir zu sagen. Ein Junge ist da, er wollte Jemandem in der Anstalt etwas bringen von seiner Mutter, und da hat er gesehen, wie vor dem Hinterthor ein paar Leute standen, die eine Menge Sachen über den Zaun langten, und wer, meinst Du, reichte die Sachen von innen: Luise! Denke Dir, lauter Betten und Decken und eine Uhr und, Nora, hör' doch weiter! Nora, eine große Neuigkeit noch!“
Hörte sie, verstand sie recht? Es hatte sich herausgestellt, daß sie unschuldig sei, und daß Luise, die jetzt fort war, die Todte be— stohlen hatte! War es das, was das Kind erzählte? Und wenn das so zusammenhing, so war das doch eine gute Botschaft. Wie kam's denn aber, daß sie diese gute Botschaft so wenig ruhig machte? Was mochte der Grund sein, daß es wie Jaähzorn in ihr auffstieg, was die Bedeutung des unbezähmbaren Zornes, der über sie Herr wurde? Und gegen wen? Und wie denn nur in diesem Augen— blick, der ihr ein lindernder, ein erlösender hätte sein sollen? Sie stand im oberen Korridor des Instituts— der Anstalt, die ihr ein Obdach gewährte und starrte mit einem seltsamen, geschlossenen Ge— sichtsausdruck von der mittheilsamen kleinen Schülerin fort auf die Treppe, auf der in diesem Augenblick eines der größeren Mädchen erschien. Sie kam mit einer Botschaft der Frau Inspektor.
„Ich soll Dir sagen, Du dürftest herunterkommen; es ist heraus— gekommen, daß Du's nicht warst, die Luise hätte gestohlen— Du könntest jetzt kommen, Du kriegst auch jetzt Deinen Weihnachten, sagt die Frau Inspektor! Sie wollte es Alles wieder gut machen!“
Rudolf Falb.
„So! sagt sie das?“ Das Kind schrie die Frage gellend aus, und so erschreckend, so schrill ging die Stimme durch das Haus, daß die Mädchen beide weit von ihr zurückwichen. Sie verstanden sie nicht, und sie konnten das, was mit dem stillen, duldenden Kinde vorging, nicht verstehen. Sie war nach ihrem einen gellenden Auf⸗ schrei der Treppe zugestürzt und geradeaus voran durch die Thüre zum Saal mitten in die Weihnachtsparade hinein. Aus dem Mädchen⸗ gesicht war jeder Blutstropfen gewichen. Inmitten aller Zöglinge, ungeachtet der Fremden, die zugegen waren, aufrecht stehend unter dem Tannenbaum, warf sie die Arme hoch wie Jemand, der aus der hohen Luft herab sich ein großes, schweres Etwas niederzerrt und mit einem erlösenden Riß zerfetzt und zu Boden tritt. Aus dem todtbleichen Kindergesicht, das in seiner ängstlichen Scheu seit Monden die Spuren der Unterdrücktheit getragen, war alles Kindliche, alles Kleine, alles Duldende gewichen. An seiner Statt glühte ein wildes, auf— rührerisches, gewaltiges Feuer der Empörung, das alle Schranken durchbrach und sich lodernd, an— klägerisch aus der Brust rang in leidenschaftlichem, brennenden Haß. Und aus der gemarterten kleinen Seele kam ein langanhaltender Schrei, dann ein tiefer, abgerisse— ner Athemzug, und das Kind be— gann zu sprechen, zum ersten Mal in seinem Leben zu sprechen— das zu enthüllen, was es empfand, empfunden hatte seit lange, und was heute nach der Marter, die sie durchlebt, nach der unverdien⸗ ten Demütigung, die sie erlitten, nach der Schande, die man auf sie gehäuft, bei ihr zum Ausdruck kam, ungezügelt, ungehemmt, furchtlos und todesverächtig. Ihre Worte hallten durch den Raum mit durchdringender, zischender Schärfe, und ihre Rede schleu— derte sie gegen die Inspektorin ohne Furcht und ohne Schonung! „Jetzt soll ich kommen! Jetzt soll ich meinen Weihnachten haben! Gut machen wollen Sie? Zur Diebin hat man mich gemacht, eine Diebin haben Sie mich ge— nannt vor Allen, und ich mußte still sein und mich schämen— o so sehr! Ich will jetzt keinen Weih- nachten! Ich werfe Euch die Sachen in's Gesicht, ich zerteiße sie! Ich trete und stampfe darauf! Alles ist schlecht, Alles ist böse, und gut ist nichts auf der ganzen Welt! Ich weiß, daß dieses Haus eine gute Heimath sein soll, aber es ist ein böses, böses Haus, denn es macht, daß man lügt und stiehlt! Ich habe gesagt, daß ich nichts gethan hatte, und das haben Sie mir nicht geglaubt! Und gedroht haben Sie, gedroht, meinen guten Arnold aufzusuchen und mich auf die Straße zu werfen. Sie sind schlecht, Sie hassen alle Kinder, Sie drohen nur und sagen böse Worte, vor denen man sich fürchtet! Aoer ich fürchte mich nicht mehr, weil ich weiß— weil ich weiß,
daß Sie falsch strafen und ein gutes Kind böse werden lassen! „Sie sind nicht gerecht— Niemand ist gerecht. Sie machen die Kinder furchtsam und lassen sie nicht die Wahrheit reden. Sie haben mich eingesperrt, einen Tag und eine Nacht, um mich. zum Geständniß zu zwingen, daß ich eine Diebin bin. Ich bin keine Diebin! Ich habe nie gestohlen, auch früher nicht, im Bäckerladen. Ich hatte Hunger, und aus Hunger nahm ich Brod. Die Frau, die mich in der Nacht davonjagte, hatte kein Recht dazu. Die ganze Welt ist falsch und bös, und dieses Haus sollte besser sein als alle, und dabei ist es genau ebenso. Ich hasse Sie, ich hasse die Menschen; sie lassen ein Kind nicht reden, sie lassen es nicht weinen und klagen, sie lassen es einsam sein und wenn es ganz ängstlich geworden ist, so daß es sich fürchtet, zu sprechen, dann nennen sie's verstockt! Grausam sind Sie— ich fürcht' mich


