Ausgabe 
29.5.1887
 
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Da haben wir sie, Frau Baronin! Sie hat sich tapfer zur Wehr gesetzt!

Aber, Henny!

Wie sie jetzt in ihrem weißen, luftigen Kleide mit den leuchtenden blauen Angen, den rosigen Wangen und den trotzigkrausen blonden Haaren näher kam, empfand Jeder die lebhafteste Freude an diesem reizenden Menschenbild, dessen Uebermuth aus jeder Bewegung hervorbrach.

Was giebt's denn, Mama? fragte sie schelmisch lächelnd, wobei ihre weißen Zähne verführerisch durch die rothen Lippen schimmerten, während ihre Blicke unter den dunklen Wimpern ge⸗ spannt die Tafelrunde überflogen und sichtlich befriedigend einen gewissen Jemand darunter vermißten.Dachtest Du etwa, ich sei vor Schmerz in den Brunnen gesprungen?

Aber, Henny! Gebhard sagte

Allerliebste Mama! rief sie, die schon versöhnte Baronin mit Ungestüm umarmend und küssend.Laß Gebhard doch sagen, was er will! Wir haben ja nur ein Kompromiß geschlossen!

Jetzt sahen alle erwartungsvoll auf, selbst der etwas reservirte steifnackige Geheimrath von Satrup, Ildas Vater, unterbrach seine Lektüre lächelnd.

Nun ja, rief der blonde Wildfang sich triumphirend auf⸗ richtend.Mama wollte nicht, daß ich mit diesen Schuhen in den feuchten Garten ginge, da habe ich eben gewartet, bis er trocken war. Ist das nicht überaus verständig, Frau Steinbach?

Die junge Frau strich sanft über die rosige Kinderhand der Fragenden.Glückliche, glückliche Jugendzeit!

Haben Sie denn etwa schon Methusalems Alter? lachte Henny übermüthig.

Aber Henny! rief die Baronin verlegen.

Wie kann Frau Steinbach denn von Alter sprechen! Henny ergriff Ernas Rechte und führte sie abbittend blitzschnell an die Lippen.Sie sieht ja aus wie eine schöne weiße Rose. Damit basta! Guten Morgen, Herr Geheimrath! Darf Ilda mit mir in den Wald gehen? Hier wird es am Ende doch langweilig werden. Ja, sie darf? hat sie schmeichelnd, das lockige Köpfchen neigend.

In der Folge zerstreute sich die ganze Gesellschaft bis auf Erna Steinbach, welche längst schon ersichtlich den Augenblick des Alleinseins herbeigesehnt hatte.

Sie warf ihre Handarbeit bei Seite, stützte den Kopf in beide Hände und versank in Träumerei.

Schritte naheten, aber sie beachtete dieselben nicht. Erst als eine Männergestalt dicht neben ihr stand, fuhr sie erschreckt auf.

Verzeihen Sie, ich hätte vorsichtiger zu Werke gehen sollen. Da sie erröthend und mit sich selbst kämpfend schwieg, fuhr Assessor Berger leiser fort:Ich wollte mich erkundigen, wie Ihnen die Schreckensnacht bekommen ist. Nicht zum Besten, wie ich sehe.

Erna Steinbach nickte. Endlich wies sie auf einen Sessel sich gegenüber.Ich bitte.

Er folgte der Aufforderung unverzüglich. Seine Blicke hafteten mit zärtlicher Frage an ihrem fesselnden bleichen Antlitz. Zuletzt da sie mit gesenkten Wimpern fortdauernd schwieg, sagte er ge dämpft:Es sind jetzt acht Tage verflossen seit jenem Abend, wo Sie

Nichts mehr davon, ich bitte Sie, unterbrach ihn die junge Frau, über und über erglühend.Ich kann nichts hören. Ach, verzeihen Sie mir, daß ich damals so wenig Herr meiner Ge⸗ danken war!

Herr Ihrer Gedanken? wiederholte der Assessor nachdrücklich. Herrin Ihrer Gefühle, Erna, sollten Sie besser sagen. Und Sie wünschen, daß ich diese allerschönste Herzensschwäche verzeihe? Eben⸗ so gut hätten Sie den Ausdruck vergessen gebrauchen können. O, Erna, wie lange wollen Sie die Antwort auf meine Frage hinaus schieben?

Sie drückte ihr Taschentuch gegen die zuckenden Lippen, dann sagte sie mit schlecht verhehlter Bewegung:Nicht länger. Was Sie hofften, es darf nicht sein, kann nicht sein, nie! Tadeln Sie mein Zögern, aber geben Sie mich auf. Jedes Ihrer Worte quält mich, martert mich ach, wenn Sie ahnten, wie sehr!

Ihre Brust hob sich in schmerzlicher Leidenschaft, während in den tiefen, dunklen Augen ein feuchter Schimmer langsam aufstieg.

Und der Grund? forschte Reinhard Berger mit angenommener Ruhe.Der Grund dieser plötzlichen Sinnesänderung, nachdem

Sie mich hoffen ließen, ich sei Ihrem Herzen werther als die Mehr zahl meines Geschlechtes?

O Reinhard! rief sie, sich vergess⸗ Nicht diesen Ton, ich ertrage ihn nicht!

Erna! flüsterte er, die spöttische Maske abwers ens, N Ausdruck vollster Zärtlichkeit.Was giebt es nach diesem B niß noch in der Welt, das uns hindern könnte, für und mi. une durch einander glücklich zu sein? Sprechen Sie, was fürchten Sie? Oder was glauben Sie fürchten zu müssen an meiner Seite? Geben Sie mir nur einen Fingerzeig und Sie werden sehen, wie meine Liebe diese Besorgniß in Dunst und Nebel auflöst.

Von Ihnen fürchte ich nichts, sagte sie, mit heißen Wangen zu ihm aufschauend.

der Stirime.

Er beugte sich halb scherzend, halb vorwurfsvoll über den Tisch,

welcher sie Beide trennte.Sie sollen klar sehen, Erna, zu Ihrer Beruhigung. Meine pekuniären Verhältnisse sind durchaus geordnet, meine Familie ist makelles und genießt des besten Rufes

Hier erbleichte die junge Frau plötzlich, schob Alles, was vor ihr auf dem Tische lag, mit einem heftigen Griff weit von sich ab, sprang empor und eilte, ohne den Assessor noch eines Blickes zu würdigen, in das Haus hinein.

Er sah ihr lange mit wachsendem Zorn nach. Endlich raffte er seine Handschuhe zusammen und verließ mit finster zusammen gepreßten Lippen den schattigen Platz unter den Lindenbäumen.

Eine Stunde später hüpfte die blonde Henny allein durch das Gartenpförtchen und wollte soeben in der Hausthür verschwinden, als die Gestalt des Barons ihr aus dem Rahmen derselben ent⸗ gegentrat.

Sie blieb harmlos stehen und nickte ihm lebhaft zu.Guten Tag, guten Tag!

Wo kommst Du allein her, Henny? fragte er ernst.

Aus dem Walde, entgegnete sie nicht ganz sicher.

Warum bliebst Du nicht bei den Anderen?

Es war es wurde es ist so langweilig dort, sagte sie stockend, vor seinem forschenden Blick zu Boden sehend.

So! Ich will Dir etwas sagen, Henny. Der Baron nahm ihre Hand und führte sie unter die Linden auf den nämlichen Platz, wo Erna Steinbach zuvor gesessen.Wir werden vermuthlich die längste Zeit gute Freunde gewesen sein.

O, nein! rief sie, ihre blauen, strahlenden Augen jäh zu ihm erhebend.Das wäre Barbarismus!

Er mußte wider Willen lächeln.Doch, Henny, so wird es kommen, wenn Du nicht aufhörst, Dich wie ein eigenwilliges Kind zu betragen, statt wie ein erwachsenes Mädchen. Höre, Henny, wenn es nicht bald ganz anders mit Dir wird, schicken wir Dich zu Michaeli fort in eine Pension.

Fort? Von Dir? Von Mama? schnell mit Thränen.

Sicher, Du kannst darauf rechnen! am Morgen dürfen nie wieder vorkommen nie! recht begriffen, Henny?

Statt aller Antwort brach sie nach Kinderart in ein heftiges lautes Schluchzen aus. Die Arme vor sich auf den Tisch gestreckt, das lockige Haupt fest hineingedrückt, so verharrte sie, ohne die mindeste Rücksicht auf den Platz zu nehmen, an welchem sie sich momentan befanden.

Der Baron sah diesem Schmerzensausbruch eine kurze Weile verdrießlich zu. Endlich that es ihm leid, sie so heftig weinen zu sehen. Er stand auf und setzte sich neben sie.

Henny! Es klang allerdings streng, aber die Art, wie er seine Rechte auf ihre Hand legte, hatte etwas Herzliches, Be⸗ gütigendes.Henny, es liegt ja in Deiner Macht, bei uns zu bleiben.

Ihre Augen füllten sich

Scenen, wie die heutige Hast Du mich

fort haben. Du hast mich gar nicht lieb. Ich habe wohl gehört, daß die dummen Menschen sagen, Du solltest jetzt heirathen. Aber ich würde Deine Frau nicht leiden können, nie! wiederholte sie mit großer Heftigkeit. es immer thust. Und wenn Du darauf beständest, liefe ich in's Wasser!

Jetzt umfaßte er ihre Schulter und richtete sie energisch auf. Sie war sehr verwirrt, sehr niedergeschlagen.

Mangel an Zuneigung wirfst Du mir vor? Eher hättest Du

Nein! rief sie, ohne Aufhören schluchzend.Du willst mich

Sie dürfte mich nicht schelten, wie Du

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