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zu den
Oberhessischen Uuchrichten.
Zeder Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift wird strafrechtlich verfolgt werden.
22.
Gießen, den 29. Mai.
Die Lindenblüthen.
Erzählung von Georg Hartwig.
In dem Badeorte Germenau war über Nacht ein starkes Ge— witter niedergegangen und hatte die schönste Linde im Garten des Lindenhauses arg zerzaust. Die breiten Zweige des Baumes lagen
weithin zerstreut am Boden, etliche halb aufgerichtet und mit duftigen
Blüthen bedeckt, als wollten sie den Himmel anklagen ob dieses
Zerstörungswerkes, etliche glatt hingestreckt in's Gras, als hätten sie
ihre Rechnung mit dem Erdendasein abgeschlossen und verlangten weder mehr nach Rache noch nach Wärme und Sonne. Und diese letztere schien so licht, so unschuldig hell von ihrem blauen Sitze herab, als gäbe es keine Blitze in der Welt. Mit vollem Antlitz
lachte sie auf das liebreizende Fleckchen Erde nieder, welches mit
Diamanttropfen übersäet dalag, grün, duftig, von Waldluft durch— athmet und von Vogelstimmen gleichsam aus dem Morgenschlummer eweckt.
5 Unter den vielen Logirhäusern Germenau's zeichnete sich eines durch geschmackvolle Bauart und eine gewisse vornehme Zurück— gezogenheit aus: das Lindenhaus, so genannt nach einigen selten schönen Lindenbäumen, welche den Vorgarten schmückten und mit ihrem Schatten selbst dem heißesten Sonnenbrande erfolgreich wider— standen. Die Besitzerin, eine Frau von gutem Stande, wählte sich ihre Miether vorzugsweise aus der höheren Gesellschaft, und so kam es, daß dieselben vom Neid oder von der Spottsucht stets mit dem Beinamen„Lindenblüthen“ bezeichnet wurden.
Um den großen ovalen Tisch unter den Bäumen saß eine Ge— sellschaft Herren und Damen versammelt, theils lesend, theils mit Handarbeiten beschäftigt, rauchend, plaudernd oder nichtsthuend.
„Wenn ich nur wüßte,“ sagte eine ältliche Dame, ihren Morgen— hut zurückschiebend, um freier Ausschau halten zu können,„wo meine kleine Henny sich aufhält? Jetzt werde ich doch allmählich besorgt um ihr Ausbleiben. Die liebe Kleine ist so muthwillig—“
„Nicht doch,“ warf ein stattlicher, etwas unzufrieden blickender Mann ein, seine Lektüre flüchtig unterbrechend.„Dazu ist keine Ursache. Aber derlei Ausschreitungen sollten Deinerseits eine ernste Rüge erfahren. Du verziehst Henny allzu sehr.“
Die Baronin von Valingen lächelte halb verlegen, indem sie sich an ein junges Mädchen wandte, welches soeben aus dem Hause trat.„Liebe Ilda, wo steckt unsere Henny?“
Die Angeredete trat näher. Sie war reizend in ihrem blumigen Satinkleid, doppelt reizend, weil sie ihrer Schönheit völlig un⸗ bewußt blieb. Weiches dunkles Haar kräuselte sich leicht über der jugendlichen Stirn der Siebzehnjährigen und hob die mattangehauchte Farbe ihres Teints wirkungsvoll hervor. Eine zartentwickelte Gestalt paßte vortrefflich zu den schüchternen Rehaugen und den feinen Lippen, welche so lieblich zu lächeln verstanden.
Auch jetzt lächelte Ilda von Satrup geheimnißvoll, heiter. „Frau Baronin, ich weiß, wo sie sich versteckt hält.“
„Versteckt?“ rief diese betroffen, nach ihrem aufhorchenden Sohn hinüberschauend.„Ich dachte es doch gleich! Aber wo?“
„Hinter der Himbeerhecke sitzt sie auf einem Fußbänkchen und spielt mit den Fingern. Sie sah mich nicht, aber ihr weißes Kleid, mehr noch die blaue Schärpe haben sie mir verrathen.“
„Sagen Sie doch, liebe Frau Baronin,“ wandte sich eine junge anmuthige, wenngleich leidend aussehende Frau an ihre Nachbarin, „weshalb Fräulein Henny uns entflohen ist? Sie war in der Frühe so heiter, so ausgelassen fröhlich—“
„Ich—“ Der Baron las wieder in der Zeitung, deshalb fuhr seine Mutter geläufiger fort,„ich hatte ihr verboten, mit den dünnen Stiefeln in den Garten zu gehen, der Feuchtigkeit halber. Als ich nun die Jungfer mit Ueberschuhen herbei rief, rannte Henny wie ein Wirbelwind aus der Stube. Das ist Alles.“
„Und diesen Trotz willst Du so ohne Weiteres hingehen lassen?“ fragte der Baron, ziemlich heftig die Asche von seiner Cigarre stäubend.„Nimm es mir nicht übel, Mama, Du verdirbst mit Deiner Güte Henny ganz und gar.“
„Sie ist kaum siebzehn Jahre gewesen, Gebhard.“
„Und wäre sie vierzehn Jahre, Mama, dieser Murhwille geht zu weit. Fräulein von Satrup, wo sitzt Henny?“
„Gehen Sie, liebstes Herz,“ flehte die Baronin besorgt,„und holen Sie den kleinen Schelm herbei.“
Die Wenigen, welche dem Gespräch Aufmerksamkeit geschenkt hatten, lachten über den Eigensinn des allgemein beliebten Wild⸗ fanges, während Ilda davon eilte, ihre Freundin herbeizuschaffen.“
„Gebhard!“ bat die Baronin.
Er nickte halb ärgerlich, halb belustigt, stand auf und verließ grüßend die Versammlung.„Auf Wiedersehen!“
„Fräulein Henny scheint wirklich großen Respekt vor Ihrem Herrn Sohn zu haben,“ scherzte die bleiche junge Frau.
„Den hat sie. Aber, lieber Gott, sie ist so jung und mir ganz und voll ans Herz gewachsen,“ flüsterte die Baronin.„Sehen Sie, liebste Frau Steinbach, als ich sie damals— ach so, das wissen Sie ja nicht, daß Henny nur unser Pflegekind ist, welches ich binnen Kurzem mit Genehmigung meines Sohnes adoptiren werde— also, als ich die Kleine damals zu mir nahm, hatte ich gerade meine einzige Tochter verloren und schloß mich mit dankbarer Zärtlichkeit an das hübsche zweijährige Geschöpfchen, dessen Heiterkeit mir viele trübe Stunden erhellte. Ich bin allerdings sehr schwach, sehr nachsichtig gegen sie gewesen, und so oft mein Sohn mich besuchte, fand er stets an Henny zu tadeln und zu verbessern. Seit einem halben Jahr nun lebt er mit uns gemeinsam auf demselben Gut. Ach, er schilt die Kleine oft und dann weint sie.“
In diesem Augenblick erschien Ilda mit dem Flüchtling am Arm.


