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wartet.„Noch ist es Zeit!“ flüsterte die Stimme in Jakob. Er trat an's Fenster und sah nochmals wie fragend in die Stube hinunter. Eben lockte zum zweiten Mal das Käuzchen herüber— diesmal aber schärfer, gleichsam ungeduldiger. Einen Moment noch zögerte Jakob, dann, weit aus dem Fenster sich vorbeugend, ant⸗ wortete er, indem er den pfeifenden Lockton einer Wildente täuschend nachahmte. Die Büchse überwerfend, schlich er die Treppe hinunter in den Garten. Soeben wollte er den Zaun übersteigen, als er auf der Bank unter dem Birnbaum eine dunkle Gestalt erblickte.
„Bist Du es, Jost?“ flüsterte er.
„Ich bin's!“ antwortete eine weibliche Stimme.
„Du, Hämmermäuschen?“ rief der Bursche erstaunt.
Das Mädchen war aufgestanden; er fühlte, wie ihr Auge forschend auf ihm ruhte.„Wo willst Du noch so spät hin?“ fragte sie endlich.
„Einem Fuchs aufpassen,“ wich er verlegen aus.
„Sonst nichts?“ Ihr Auge schien durch die Nacht zu leuchten.
„Kehre um, Jakob! Du gehst einen unrechten Weg.“ Sie hatte seine Hand erfaßt.
„Was kann Dir dran liegen, ob ich einen graden oder einen krummen Weg gehe?“ Er sprach es kalt, schier rauh und suchte seine Hand frei zu machen.
„Was mir dran liegt? Viel, Jakob; mehr, als Du vielleicht glaubst,“ und eine tiefe Trauer klagte aus Hämmermäuschens Stimme.
„Wirst Du es meinem Vater verrathen?“ hub er nach einer Weile fast ängstlich wieder an.
Sie schwieg lange.
„Nein,“ sagte sie dann fest und bestimmt.
„Hab' schönen Dank dafür,“ murmelte er. hat so wie so genug Molesten.“
„und warum machst Du ihm noch mehr dazu?“ fragte Hämmer⸗ mäuschen. 5
Jakob vernahm ein leises Rascheln in den Büschen.„Ich muß fort.“ Er wollte noch etwas sagen, schon bog er sich nieder. Rasch fuhr er wieder in die Höhe.„Gute Nacht, Hämmermäuschen!“ Er setzte mit einem Sprung über den Zaun.
Schon längst war er verschwunden und noch immer lehnte Hämmermäuschen am Zaune, als ob sie in die Ferne lausche.
Doch nur der Bach murmelte seine uralte Weise, das Mühlrad klapperte in einförmigem Takte und der Nachtwind rauschte durch die Kronen der Erlen und der Pappeln und sie neigten sich flüsternd gegen einander, als wollten sie ihre Bemerkungen über das einsame Menschenkind da drunten austauschen. Das Aufflattern eines Wasser⸗ vogels riß das Mädchen aus seinem träumerischen Brüten; es fuhr erschrocken auf.„Behüt' Dich Gott!“ flüsterte sie leise, ganz leise — es war das Amen ihres Nachtgebetes.„Behüt' Dich Gott!“ wiederholte sie noch ein Mal und sie winkte mit der Hand einen Gruß hinaus wie auf ewiges Scheiden und Meiden.—
Unterdessen hatten Jakob und Jost den Rhein erreicht. Tief im Schilf verborgen lag ein Kahn.„Den finden die welschen Schnüffler seiner Lebtag nicht,“ lachte Jost. Dann in den Fluß watend, schoben sie den„Dreiborder“ in das offene Fahrwasser, ließen die umwickelten Ruder ausgreifen und geräuschlos glitt der Kahn wie ein Geisterschatten über den breiten Wasserspiegel.
Am jenseitigen Ufer harrte schon die Fracht. Jost ließ ein ab⸗ gebrochenes Pfeifen hören; ein kurzes Husten antwortete. Jost steuerte das Boot an den Strand. Ein Mann trat vor, den Rockkragen in die Höhe geschlagen und den Hut tief in die Stirne gedrückt. Es war Herr Friedling; Unruhe und Habgier hatten ihn bewogen, bei der ersten Einschiffung zugegen zu sein.
„Ist Alles klar?“ hüstelte er Jost zu.
„Ja.“
„Werden auch die Andern zu rechter Zeit an Ort und Stelle sein?“ meinte Herr Friedling, ängstlich hin und hertrippelnd.
„Das ist meine geringste Sorge,“ beruhigte Jost;„der Hauser— peter und seine Buben sind so pünktlich wie eine Ubr.“
„Der alte Mann
„Viel Glück auf die Reise!“ wünschte Herr Friedling, als der,
schwerbeladene Kahn abstieß.
„Alter Spitzbub'!“ knurrte Jost zwischen den Zähnen;„gelt, viel Glück für Deinen Bettel? Ob wir die Kränk dabei kriegen oder nicht, das ist Nebensach'!“
Von mächtigem Ruderschlag getrieben, flog das leichte Fahrzeug zurück.„Die Nacht könnt' nicht erwünschter sein,“ nickte Jost und
er deutete auf den umwölkten Himmel, an dem nur hie und da ein Stern matt flimmerte. Seine Gedanken schienen ganz anderswo zu sein. mahnende Worte:„Kehr um, Du gehst einen unrechten Weg!“ wollten ihm nicht aus dem Sinn. tendes Auge und fühlte noch den Druck ihrer weichen Hand.
Daß er den Weg des Frevels, des Verbrechens betreten habe, das war es nicht, was ihn beschäftigte, vor diesen Gewissensbissen schützten ihn seine selbstgemachte Moral und sein unerschütterlicher Muth. Auch daß er ein Mörder werden könne— denn der Douanier, der ihn aufhalten wollte, war verloren, das stand fest— auch das war nicht der Gegenstand seiner stillen Betrachtung.
Auf diesen Fall hatte er sich schon als Wilderer vorbereitet gehabt und ein Franzose war bei ihm so wie so nur ein halber Mensch. Aber als er sie gefragt hatte:„Was kann Dir an mir liegen?“ da hatte sie geantwortet:„Viel mehr, als Du vielleicht glaubst“— und das war es, was wie das Läuten einer Trauerglocke an sein Ohr schlug und den Nerv seiner wilden Energie gelähmt hatte.—
Die erste Fahrt war glücklich ausgefallen; kein Douanier ließ sich sehen oder hören und der Hauserpeter hatte Jost's Lob voll⸗ kommen gerechtfertigt. Die Säcke wanderten„wie geschmiert“ aus dem Kahn auf die breiten Schultern Peters und seiner Buben; wie Gespenster huschten die Pascher über Moor und Feld, hierhin, dorthin, in den Wald, wieder heraus, fort über Berg und Thal — und als die Sonne aufging, da war das Werk vollbracht und der nächtliche Spuk spurlos verschwunden.
(Fortsetzung folgt.)
Kleine Frauen-Zeitung.
Die Mode.
Die Mode, die kapriziöse Weltdame, welche sich durch nichts anziehen läßt und welche Alles an sich zieht, hat sich in die Bäder geflüchtet und entfaltet dort ihre seidenschimmernden, goldglitzernden Flügel. Sie schweift vague umher und trägt die Oriflamme des Geschmacks und der Eleganz an die bescheidenen wie an die renommirten Seeküsten, in die einfachen Doͤrfer und die vornehmen Landhäuser, ebenso wie über die Schwellen der glänzendsten Kursäle und Kasinos.
Die Gegensätze berühren sich. Man trägt sich, mit richtigem Takt, höͤchst einfach des Morgens zur Brunnen-Promenade oder am Strande, wiederholt während des Tages die Einfachheit in den Exkursions⸗Kostümen, hält sich aber dafür schadlos durch somptußse Promenaden Anzüge und schwelgt schließlich am Abend beim Diner oder in den Réunions im Toilettenluxus.
Wie ich es früher schon ausgesprochen: die weißen Anzüge sind in den Bädern an der Tagesordnung und mit ihnen die weißen Hüte oder, bei großer Eleganz, die kleinen Kapoten aus Goldgeflecht mit weißer Garnirung. Auch für das Roth und neuerdings wieder für das Blau hat man noch immer eine besondere Vorliebe, sei es, daß sich das eine wie das andere als Grundelement der Toilette geltend macht, sei es, daß es als Zubehör derselben gilt.
Zu den weißen Kleidern für junge Mädchen bewabrt der Voile seine Anziehungskraft, zumal man demselben durch das Arrangement immer ein neues Ansehen zu geben weiß. Originell ist die Zusammenstellung von weißem Voile und schottischkarrirtem Surah. Ein solcher Strandanzug zeigte z. B. zwei Röcke aus weißem Volle, den unteren umgeben mit drei Schrägstreifen aus karrirtem Surah, den oberen auf der einen Seite empor; gerafft mit einer zu einer Schleife geknüpften, schottischen Schärpe. Der schottische Seidenstoff diente ferner zu dem Leibchen, das sich über einem weißen Voile ⸗Chemiset öffnete. Hierzu gehörte ein runder, italienischer Strohhut mit breiter Krämpe, welche sich vorn über die Stirn senkte, hinten und an den Seiten jedoch aufgeschlagen und oben auf dem Fond mit schottischen und weißen Schleifen zusammengehalten war. 8
Die weißen Voiletoiletten der jungen Mädchen für Konzerte und für den Abend im Kursaal erhalten vielfach ein Unterkleid aus changirtem Taffet, blau und rosa oder blaßblau und granatroth schillernd; über dasselbe wird der weiße Voilerock drapirt und graziös hochgenommen. Das Voileleibchen ist gänzlich in feine Plisses gelegt und mit einem Schnebbenmieder und einem Seen beides aus Changeaniselde, ausgestattet. Die Aermel, ebenfalls plissirt, sind oben sehr weit und an die Achsel aeg! und unten mit zwei seidenen Schrägstreifen zusammengefaßt.— Die gleiche— bereitet man aus weißem, punktirtem oder mit Erbsen brochirtem Mull, granatfarbener Changeantseide und granatfarbenem Sammet. Der letztere dient dann zu dem Mieder und den anderen Garniturtheilen des Leibchens. Ein großer, runder Hut aus weißem Stroh, mit sammetgefütterter Krämpe und weißen Straußfedern nebst Sammetschleife vollendet eine derartige
Toilette. bat nämlich seinen Platz in der Mode wieder erobert,
Der weiße Mull doch trägt man ihn, wie schon angeführt, mehr in kleinen Mustern brochirt Ein Anzug
als glatt, ferner abwechselnd mit festen und klaren Streifen. in letzterem Genre besteht z. B. aus
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Jakob ließ schweigend das Ruder spielen. Hämmermäuschens
Er sah noch immer ihr leuch⸗
einem Rock mit sehr hohem, flach ge ⸗ 5
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